Vor allem deshalb war Franz Münteferings Abschiedsrede zu Beginn des Parteitags schwach. Der Sauerländer ordnete sein politisches Vermächtnis, ließ jedoch keine ernsthafte Kritik an dem Führungsstil seit Schröders Amtsübernahme im Jahr 1999 durchblicken. "Es war richtig, die Chance zum Mitregieren zu nutzen. Es war gut für dieses Land und es war gut für die Partei", so Müntefering. Er riet dem Parteitag sogar zu "Geschlossenheit" - als ob dadurch in der Vergangenheit nicht schon genug kaputt gegangen wäre. Gelegentlich jedoch deutete Müntefering an, dass die Wahl-Katastrophe vom 27. September auch ihn nachdenklich gemacht hat. "Die Dimension der Niederlage ist das Erschreckende. So etwas bildet sich nicht in einem Jahr heraus, auch nicht in einer Legislaturperiode", sagte er.
Der Applaus für seine Rede fiel eher kühl aus. Der Mann, der seiner Partei jahrelang zwischen all den ausstrahlungsbefreiten Dutzendgesichtern im Vorstand ein Profil gab, er hatte einen begeisterungsarmen Abschied vom SPD-Vorsitz.
Welch Rollentausch! Neuer Fraktionschef ist Frank-Walter Steinmeier. In seiner Rolle als Kanzlerkandidat holte er das Optimum an Farblosigkeit aus seinem Job heraus. Jetzt, wo er im Bundestag als Oppositionsführer der Kanzlerin die Leviten liest, macht er eine geradezu schneidige Figur. Und Sigmar Gabriel, das ewige Talent, Siggi Pop, Knuts Onkel. Er verwandelt sich in einen SPD-Chef, der mehr ist als einfach nur ein Arbeiterführer.
Doch anders als man vermuten könnte, übernimmt die Parteispitze nun nicht die Rolle des alles bestimmenden Vorturners. Der wohl bemerkenswerteste Wandel auf dem Dresdner SPD-Parteitag vollzog sich zwischen den großen Reden. Früher war die Aussprache zum Bericht des Vorsitzenden kaum mehr als eine verlängerte Mittagspause, in der viele Delegierte zu den Suppentöpfen des Caterings rannten. Diesmal blieben die meisten auf ihren Stühlen sitzen. Insgesamt 66 Wortmeldungen gab es, und die alte Parteispitze musste sich eine Menge Kritik anhören. Eine Auswahl von Zitaten:
Björn Böhning, Berlin: "Ich bin der Meinung, dass wir nicht die Aufstiegshoffnungen der jungen Menschen befriedigt haben".
Franziska Drohsel, Berlin: "Statt den Wähler ernst zu nehmen und Konsequenzen zu ziehen, wurde der Vertrauensverlust von 10 Millionen Wähler als Kommunikationsproblem deklariert."
Garrelt Duin, Niedersachsen: "Es wird auch um den Stil um die Arbeit gehen. Wenn jemand in Blaumann und mit Schweißkoffer vor uns steht, und wir ihm dann mit Folien und Vorträgen über den demografischen Wandel kommen, dann ist es auch die Sprache, die uns von den Leuten trennt."
Hermann Scheer, Hessen: "Wir dürfen nicht verschweigen, dass die Heuschrecken von uns selbst Schwarmweise losgelassen wurden. Glaubwürdigkeit beruht auf einem Erkenntnisprozess."
Sigmar Gabriel wurde schließlich mit 94,2 Prozent zum neuen SPD-Chef gewählt. Für seine Partei war das kein Höhepunkt. Sondern im besten Falle das Ende einer langen Talsohle.