Steinmeiers Wirken bekam erst nach und nach Kontur. Er entwirft die Agenda 2010, jenes Sozialsparprogramm, das Schröder den Rückhalt in der eigenen Partei und schließlich die Kanzlerschaft kostet - und jenen Dämon belebt, unter dem die SPD heute bitter leidet: die Linkspartei. Außerdem wird häppchenweise bekannt, wie skrupellos Steinmeier im Kanzleramt vermeintliche deutsche Sicherheitsinteressen verfolgte. Den Deutsch-Türken Murat Kurnaz ließ er, wie der stern mehrfach berichtete, im US-Gefangenenlager Guantanamo schmoren. Auch in den Fällen Abdel Halim Khafagy und Mohammed Haydar Zammar spielte Steinmeier eine dubiose Rolle. Ein Untersuchungsausschuss des Bundestages befasst sich mit diesen US-Entführungen im Nachgang der Anschläge des 11. September 2001. Steinmeier wurde mehrfach schwer belastet - und konnte sich doch immer wieder herauswinden. Gleichwohl: Diese Mühlsteine hängen dem Kandidaten Steinmeier um den Hals.
Seit einem Jahr trainiert Steinmeier. Er, der nie gewählt, sondern immer nur berufen wurde, absolviert öffentliche Auftritte in der Provinz. Reden, Schulterklopfen, Posieren - er muss den Staub der Akten abschütteln, um für die Bürger wählbar zu sein. Zwar hat Steinmeier blendende Umfragewerte, er war den Deutschen schon immer sympathischer als Kurt Beck. Aber diesen Bonus verdankt Steinmeier seinem Amt: Außenminister müssen sich nicht im Klein-Klein der Tagespolitik verschleißen, sie umspielt die Grandeur der großen weiten Welt und sie gelten per se als Aushängeschilder der Nation. Aus dieser komfortablen Kulisse muss Steinmeier nun heraustreten.
Ein Schritt, den er schon früher hätte gehen können. Aber Steinmeier ist vorsichtig, er scheut das Risiko. Er hat sich nicht quergelegt, als Beck begann, die Agenda 2010 zu verwässern. Er hat nie Ellenbogen gezeigt, wenn ihm die Kanzlerin außenpolitisch die Schau stahl. Und er hat sich die Kanzler-Kandidatur nicht erobert. Sie ist ihm zugefallen, weil die SPD keinen besseren hat. Nun wird er kämpfen müssen - nicht aus der Defensive sondern im Sturm.