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15. September 2006, 12:18 Uhr

Hauptstadt mit Hartz

Der Golfer: Klaus Gräwenitz, 53, spielt seit fünf Jahren Golf und ist seit vier Jahren arbeitslos. Auf dem Gelände des ehemaligen Stadions der Weltjugend kann man für einen Euro am Tag golfen. Er sagt: "Ich wähle auf jeden Fall etwas Linkes"© Eva Häberle

Diese neue Mehrheit verändert die Mechanismen der Demokratie. Nicht nur in Berlin, aber dort am radikalsten. Wer arbeitet, zahlt Steuern. Für Steuerzahler ist entscheidend, wie viel der Staat nimmt. Bei den Empfängern von staatlichen Transferzahlungen ist es genau umgekehrt: Für sie geht es um die Frage, wie viel der Staat gibt. Ein sparsamer Staat ist für die Mehrheit der Berliner daher kein erstrebenswertes Ziel, sondern eine Bedrohung. Gegen die "Empfänger" kann Berlin nicht regiert werden. Sie bevorzugen Parteien, von denen sie bei der Verteilung besondere Großzügigkeit erwarten. "Arbeitslose und sozial Benachteiligte wählen stark überdurchschnittlich links", sagt Prof. Oskar Niedermayer, Parteienforscher an der FU Berlin.

Das sind gute Nachrichten für Klaus Wowereit. Arbeitslose und sozial Benachteiligte gibt es in Berlin viele. In der Hartz-Hauptstadt werben gleich drei Parteien um deren Gunst: SPD, Die Linke/PDS und WASG. Seit 2002 regiert Wowereit gemeinsam mit der PDS. In dieser Zeit wuchs die Wirtschaft in Berlin deutlich langsamer als im Bundesdurchschnitt. Der Arbeitsmarkt entwickelt sich schlechter. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt in Berlin unter dem Bundesschnitt. Und der Aufschwung dieses Sommers schwingt zielstrebig vorbei an Berlin. Dennoch werden die Berliner Klaus Wowereit wieder wählen. Vermutlich wird er weiter mit der Linken regieren können. Die schlechten Wirtschaftsdaten können dem rot-roten Senat nichts anhaben.

Halb Berlin lebt von Transers? Halb so schlimm! Denn Berlin ist der Big Apple für Arme, die billigste Metropole der westlichen Welt. Wohnungen gibt es günstig und im Überfluss. In München, Hamburg oder Frankfurt sind die Mieten von vergleichbaren Wohnungen um bis zu 80 Prozent teurer, ganz zu schweigen von Paris oder London. Und kostenlose Riesenpartys wie das Hit-Festival am Wannsee feiert die Hauptstadt an jedem einzelnen Tag. Allein die Straße des 17. Juni war zwischen Mai und August an 80 von insgesamt 120 Tagen für diverse Großveranstaltungen gesperrt. Love-Parade, WM-Fanmeile, Christopher-Street-Day, "Planet Pro", Skater-Fest, MarathonÉUnd ist dort mal Party-Atempause, zieht die Gemeinde weiter. Dann wird der Ku'damm gesperrt, für Modeschauen, Stöckelschuh-Wettrennen oder Oldtimer-Paraden.

Alles für lau. Gleich ein gutes Dutzend Internetportale informieren aktuell über kostenlose Events in Berlin: Eröffnungsparty des neuesten Clubs, Freiluftkino-Festival in Mitte. Wer auf Hartz ist, kann für 38 Euro im Monat S- und U-Bahn fahren. Und kostenlos in alle Museen - immerhin die besten Deutschlands. Und für drei Euro in jedes Theater - immerhin die besten Deutschlands. Oder wie wär's mit einem ganzen Tag Golfen auf dem Gelände des ehemaligen Stadions der Weltjugend? Kostet allerdings 'nen Euro. Ein-Euro-Golfer statt Ein-Euro-Jobber. Klaus Gräwenitz ist seit vier Jahren arbeitslos, 53 Jahre alt, also im besten Golfer-Alter. Er trainiert täglich. "Soll ich etwa für einen Euro arbeiten gehen? Da wäre ich doch blöd." Arbeitslos in Berlin, das ist viel spannender als arbeitslos in Paderborn. In Berlin hat Armut kein hässliches Gesicht. Das ursprüngliche Ziel aller Sozialpolitik war es, auch den Arbeitslosen und ihren Familien die Teilhabe am gesellschaft- lichen Leben zu ermöglichen. In Berlin ist das verwirklicht.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 38/2006

 
 
 
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