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6. November 2008, 11:39 Uhr

"Wir sollten keine Wunder erwarten"

Sie haben in der Vergangenheit immer wieder einen globalen Marshall-Plan ins Gespräch gebracht. Was hat man sich darunter vorzustellen?

Es ist bekannt, dass die Taliban so viele Kämpfer rekrutieren können, weil die Bevölkerung einfach zu arm ist und es keine ordentlich funktionierende Wirtschaft in diesen Regionen gibt. Also wird man versuchen müssen, die Infrastruktur soweit auszubauen, dass Paschtunen in Afghanistan und Pakistan miteinander Handel treiben können. Es muss darum gehen, dass zukünftig nicht nur die Handelsrouten für diejenigen offen sind, die Waffen oder Opium über die Grenze schaffen wollen.

Wie wird der neue Präsident den wirtschaftspolitischen Problemen begegnen, die die Finanzkrise ausgelöst hat?

Obama hat in der Frage gezeigt, dass er politikfähig ist. Er hat sich auf das staatliche Rettungspaket eingelassen. Ich denke, dass die Europäer sehr genau auf den zukünftigen US-amerikanischen Kurs schauen werden. Sollte Obama zu protektionistischen Maßnahmen greifen, um die US-Realwirtschaft zu schützen, wäre das in Europa durchaus Anlass zur Sorge. Da gibt es auch ein gewisses Unruhepotential bei denjenigen in Europa, die eigentlich den Wahlsieg von Obama sehr begrüßen.

Handeln nicht alle großen Länder in Krisensituationen protektionistisch?

Sie neigen auf jeden Fall dazu. Die EU ist von ihrer Struktur her sicherlich am ehesten am Freihandel interessiert. Die Marktöffnung ist schließlich das wichtigste strategische Anliegen der europäischen Union. Allerdings fördert Protektionismus in einem großen Land ähnliche Maßnahmen in anderen großen Ländern. Ich glaube aber insgesamt, dass es für Deutschland und Europa zukünftig wesentlich leichter werden wird, mit den USA zusammenzuarbeiten. Wir sollten aber dennoch keine Wunder erwarten.

Was bedeutet Obamas Wahlsieg für das Zusammenleben von Schwarzen und Weißen in den USA?

Man sollte das nicht generalisieren. Die Afro-Amerikaner sind ja keine einheitlich agierende Gruppe. Auf jeden Fall beweist es denjenigen, die bisher daran gezweifelt haben, dass sie vollwertige Bürger der USA sind, dass sie tatsächlich dieselben Möglichkeiten wie weiße US-Amerikaner haben, alle gesellschaftlichen Positionen zu erreichen. Obama hat immer deutlich gemacht, dass er Bildung als das wichtigste Ziel ansieht. Die Afro-Amerikaner in den USA müssen ihre Belange in die eigene Hand nehmen. "Affirmative Action", also besondere Maßnahmen, die darauf abzielen, Afro-Amerikaner entsprechend ihrer Anzahl an der Gesamtbevölkerung in wichtige Ämter zu bringen, sind von Obama wohl nicht zu erwarten. Er ermutigt stattdessen Eigeninitiative gerade bei den Afro-Amerikanern und steht dafür auch selbst als Beispiel.

Spekulieren Sie doch mal: Wann wird der erste Politiker mit Migrationshintergrund in Deutschland Kanzler?

In Deutschland müssen wir die demographische Entwicklung abwarten. Ich sehe das in erster Linie als eine Frage zukünftiger Generationen. Wenn die hessischen Sozialdemokraten sich anders verhalten hätten, hätten wir demnächst mit Tarek Al-Wazir wohl einen Landesminister mit Migrationshintergrund gehabt. Ich erkenne aber bei allen Parteien den Willen, mehr Menschen mit Migrationshintergrund in die Politik zu holen. Es dürfte für viele Menschen mit einem muslimischen Hintergrund wohl schwierig sein, einer Partei beizutreten, die im Parteinamen auf ihre christliche Orientierung hinweist - gleichzeitig sind aber viele muslimische Migranten eher konservativ eingestellt. Insofern gibt es hier ein Wählerpotential für alle Parteien des Bundestages.

Interview: Tiemo Rink
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