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28. Januar 2008, 06:53 Uhr

Kochen mit 0,1 Prozent

Eigene Wähler abgeschreckt

Aber er machte weiter - in der Hoffnung auf die "schweigende Mehrheit", auf Menschen, die sich in Umfragen empört von politisch Unkorrektem distanzieren, in der Anonymität der Wahlkabine aber ihr Kreuzchen bei der CDU machen. Doch es kam ganz anders: Die Kampagne schlug mit voller Wucht auf ihren Urheber zurück. Wer in Wiesbaden vor der Wahl das Wort "Koch" fallen ließ, konnte Menschen toben hören, dass sie diesen "Lügner" nie wählen würden. Wer von der Anti-Koch-Stimmung am meisten profitieren würde, war absehbar: SPD-Sptizenkandidatin Andrea Ypsilanti. "Koch hat nicht nur die SPD-Wähler mobilisiert. Sondern auch seine eigenen Wähler demobilisiert", sagt Parteienforscher Jürgen Falter zu stern.de. Eine bessere Wahlkampfhilfe hätte sich Ypsilanti nicht erträumen können. Wenige Monate vor dem Urnengang galt sie noch als aussichtlose SPD-Quotenfrau.

Der Reflex dieser Fehlkalkulation lässt sich im Wiesbadener Landtag schon kurz vor 18 Uhr besichtigen. Gewühle und pulsierende Euphorie im SPD-Fraktionssaal. Betretene Gesichter bei der CDU. Erste Prognose: Die CDU verliert mehr als 12 Prozent. Die Botschaft ist klar: Der Kampagnero hat es brutalstmöglich versemmelt. Die CDU-Regierung in Hessen geht vermutlich hops, was die CDU bundesweit schwächt. Koch selbst, immer wieder als möglicher Nachfolger Merkels gehandelt, kann diese Ambition vorerst begraben. "Seinen Status als Kronprinz ist er los", resümiert Falter auf dem Landtagsflur knapp. Außerdem hat Koch den Konservativen der Partei, die unter Merkel an den Rand gedrängt wurden, einen Bärendienst erwiesen. Er, Koch, das Aushängeschild der Konservativen, ist demoliert.

Kien Abend für die bereitgestellten Jubel-Plakate© Frank Rumpenhorst/DPA

Koch ratlos

Gegen 19.30 Uhr, ewige eineinhalb Stunden nach der ersten Prognose, stellt sich Koch seinen Anhängern. Einige klatschen, einige rufen "Roland, Roland!", doch es ist nichts weiter als Trotz. Mit einer bemerkenswerten Chuzpe versucht Koch die Geschichte umzudeuten. Er leugnet nicht das Ergebnis, er leugnet nicht seine Verantwortung. Aber definiert seine Rolle neu: Der Täter will nun Opfer sein. Gegen ihn sei eine "Diffamierungskampagne" gelaufen, er habe die Angriffe der "drei Linksparteien" über sich ergehen lassen müssen. Außerdem sei Hessen immer ein "knappes Land" gewesen - ein Land also, in dem CDU nur schwer gegen die SPD gewinnen könne. Das sagt der Mann, der 2003 die absolute Mehrheit holte. Und nun das schlechteste CDU-Ergebnis seit Jahrzehnten eingefahren hat.

Koch wiederholt diese Erklärungen in diversen Fernsehinterviews. Er trägt sie nicht forsch vor, wie es sonst seine Art ist. Der Ministerpräsident scheint in sich versunken, er blickt meist zu Boden, es ist, als spräche er zu sich selbst. Vermutlich hängt ihm der Schock über das Ergebnis in den Gliedern, auch die Entbehrungen der letzten Wochen, als er, von einer Bronchitis geschwächt, eine mörderische Wahlkampftour abriss. Die Sonnenstudiobräune in seinem Gesicht kann das nicht übertünchen. Koch wirkt wie sein eigenes, völlig ausgelaugtes Double.

Vor der Neuwahl

00.00 Uhr, Die CDU liegt 0,1 Prozentpunkte vor der SPD. Wichtig sei der "psychologische Effekt", sagt Paul Dries, CDU-Mitglied in Rüdesheim, der nach Hause will. Koch, schon seit Stunden unauffindbar, sei vermutlich in der Staatskanzlei, einem prachtvoll renovierten ehemaligen Hotel in der Innenstadt, das der Milliarden-Pleitier Jürgen Schneider einst halbfertig zurückgelassen hatte. Eine Prognose, wer Hessen regieren könnte, wagt Dries nicht abzugeben. Schwarz-gelb und rot-grün haben jeweils keine Mehrheit. Eine Große Koalition wollen weder Ypsilanti noch Koch. Die Ampel scheitert an FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn. Ein rot-rot-grünes Experiment ist SPD-Chef Kurt Beck zu riskant. Jamaika ist ebenfalls illusorisch, Grünen-Chef Tarek Al Wazir will Koch nicht einmal die Hand geben. Neuwahlen? "Das liegt in der Luft", sagt Dries. Hessen, ein politisches Absurdistan. Koch hat die Parteien soweit polarisiert, dass zwischen den Lagern kaum noch etwas geht. Quälende Verhandlungen werden kommen. Mittendrin Roland Koch, mit 0,1 Prozentpunkten in der Tasche. Sie werden ihn nicht retten.

Von Lutz Kinkel, Wiesbaden
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KOMMENTARE (10 von 47)
 
ganzbaf (28.01.2008, 23:30 Uhr)
Die Gefahr durch Links...

besteht darin, dass Artikel 14/15 Grundgesetz vielleicht mal ernst genommen und als probates Werkzeug gegen die grassierende Ungleichverteilung begriffen wird... ;-D
aeternitas (28.01.2008, 23:21 Uhr)
Ich warte immer noch
auf die krassen linksradikalen Forderungen der Linken. Wenn sie so radikal sind wie viele hier sagen, dann muss es doch dafür einen Beleg geben!
Oder ist es radikal, dass:
- Die Menschen für ihre Arbeit ANSTÄNDIG bezahlt werden
- Die Unternehmenssteuer wieder rauf gesetzt wird? Wenn es stimmt, dass eine niedrigere Unternehmenssteuer mehr Arbeitsplätze schafft, wo sind sie denn??? Die Unternehmenssteuer wurde in den letzten Jahren GESENKT, passiert ist NICHTS.
- Die Studiengebühren abgeschafft werden.
- Die Reichen mehr besteuert werden, oder zumindest so, wie im europäischen Durchschnitt unserer Nachbarländer
- Dass ältere Arbeitslose länger ALG bekommen?
Ich warte... nennt mir doch bitte endlich ein paar richtig radikale Sachen, für die die Linke steht. Ex-SED lasse ich nicht durchgehen, da die in fast jeder Partei zu finden sind. Die Partei distanziert sich ausdrücklich von den Verbrechen der DDR. Mehrfach sogar schon vorgekommen.
Also klärt mich auf. Ich will es wissen. Worin besteht die Gefahr der Linken?
erichmonika (28.01.2008, 20:53 Uhr)
Großer Unfug
"Leider kommt auch ein Koch nicht gegen die deutsche linke Medienlandschaft an. Schade er hat sich getraut ein Problem anzusprechen das existiert und ist dafür brutal abgestraft worden." Herr Koch hat sich nicht "getraut" ein Problem anzusprechen, sondern er hat den schrecklichen Vorfall in München ausgenutzt, um gegen Ausländer Stimmung zu machen und damit bei unbedarften Wählern Stimmen zu bekommen. Das ist ihm diesmal wohl nicht so gut gelungen. Aber wer weiß, vielleicht hätte er sonst noch weniger Stimmen erhalten. Im Übrigen: Die Bildzeitung und auchdie anderen Springerpresse haben Herrn Koch massiv unterstützt und fast jeden Tag eine neue Storry zu dem Thema gebracht. Ekelehaft.
Benkku (28.01.2008, 15:32 Uhr)
So wird's jetzt versucht.
Und schon tönt die Multikulti-Connection, das Thema "verfehlte Einwanderungspolitik" gehöre ab sofort der Vergangenheit an, und wir Deutschen sollten "stolz" darauf sein (Seltsam, daß die Deutschen einmal stolz sein dürfen.) Stolz nämlich darauf, daß sie ziemlich beschissen dran sind, die Zeche bezahlen zu müssen. Das sieht den Verursachern ähnlich. Dreist ist's! Es müßte anders lauten: Weitere Verschleppung verschlimmert die Spannung auf unerträgliche Weise. CDU-Fraktions-Vizevorsitzender Bosbach hat sich entsprechend geäußert, Das Thema wird mitnichten unter den Teppich gekehrt.
ramteid (28.01.2008, 14:54 Uhr)
Nicht nachvollziehbar!
Ob nun CDU oder SPD ist sicher aus Sicht dren Wähler nicht egal, aber das eigentlich erschreckende an der Wahl ist, dass die Grünen, trotz Verlusten, wieder dabei sind. Wie naiv sind deren Wähler? Sie müssten auf Grund dessen, ale Mehrkosten die durch diese Partei eingeführt wurden selber tragen. Nur die allerdümmsten Kälber, wählen ihren Henker selber.
ailenrog (28.01.2008, 14:10 Uhr)
Es gibt eindeutig einen Linksruck in Hessen...
- und das ist gut so! Ich kann das Gejaule über "Kommunisten" etc. pp nicht nachvollziehen. Hätte man vor Jahr und Tag nicht die ganzen K-Gruppen und -Parteien verboten, wären die heute noch total zersplittert und die Bourgeoisie müsste nicht um ihre Pfründe zittern. Aber nein, man musste alles Linke verbieten, aber die Rechten durften fein weiter marschieren und agitieren. Selbst dran doof! :-P
Die Grünen waren anfangs auch als Schmuddelkinder verschrieen und keiner wollte mit ihnen. Um was wollen wir wetten, dass die Linke in ein paar Jahren salonfähig ist?
endbenutzer (28.01.2008, 12:26 Uhr)
Ein Schelm...
...wer böses dabei denkt: "...Bei der hessischen Landtagswahl ist es nach Beobachtungen des Chaos Computer Clubs (CCC) zu Problemen und Unregelmäßigkeiten mit Wahlcomputern gekommen. In mindestens einer Gemeinde seien die Computer über Nacht in den Privatwohnungen von Parteimitgliedern gelagert worden, erklärte der CCC..."
Auf der Homepage des CCC ist sogar zu lesen, dass ältere Menschen Probleme im Umgang mit den Wahlomputern hatten und deshab "Hilfestellung" erhielten...
ganzbaf (28.01.2008, 12:09 Uhr)
@inselkarl
Wir bräuchten weder "Persönlichkeiten" noch "Parteisoldaten" noch "Wirrköpfe" in der Politik und auch kein "Mehrheitswahlrecht" (+0,1%, wau!;-)). Wenn, ja, WENN wir eine löbliche VOLKSABSTIMMUNGS-DEMORATIE hätten!
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Diese gilt es anzustreben. Schnelle, klare Mehrheiten, die von der Bevölkerungsmehrheit getragen und unterstütz werden!
Das ist Zukunft, liebe Freundinnen und Freunde!... :-D
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sachsenwini (28.01.2008, 12:09 Uhr)
@ Hard-Boiled … Nicht, dass Koch gegen die Jugendkriminalität vorgehen wollte,

hat ihn Stimmen gekostet, die Wähler haben vielmehr gemerkt, dass er maßlos übertreibt und es selbst damit nie ernst meinte.
Roland Koch hat in seinen Regierungsjahren seit 1999 gerade das Gegenteil getan, wogegen er im Wahlkampf zu Felde gezogen ist.
Er kürzte Gelder für die Prävention und für die Aufklärung von Straftaten, unter seiner Regie wurden Jugendhäuser geschlossen und Polizisten entlassen. So etwas merkt sich der Wähler.
R.B. (28.01.2008, 12:01 Uhr)
Sie Reden sich noch die Niederlagen schön, das ist Politik
Am 1.10.07 war unser Roland noch bei fast 44%, dann, nach Einführung des Nichtraucherschutzgesetzes ging es nur noch Bergab, verdientermaßen.Bin selbst Gastwirt und spüre die folgen dieses Gesetzes am eigenen Umsatz.
Und mit seiner rechten Polemik hat er sich endgültig den Rest gegeben. Politik am Bürger vorbei, Herr Koch, zahlt sich nicht in Wählerstimmen aus. Sie sagen doch immer, dass Sie das Ohr beim Bürger haben, sie sollten auch mal zuhören was das Volk zu sagen hat. Es ist nicht so dumm, wie Sie es gern hätten.
Ich hoffe dass Sie in Zukunft die Zeit haben fürs Volk, wenn Sie sich wieder hinten anstellen müssen. Versuchen Sie´s mal mit einer feinen Zigarre, aber nicht erwischen lassen...
Siehe Helmut und Loki.
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