Aber er machte weiter - in der Hoffnung auf die "schweigende Mehrheit", auf Menschen, die sich in Umfragen empört von politisch Unkorrektem distanzieren, in der Anonymität der Wahlkabine aber ihr Kreuzchen bei der CDU machen. Doch es kam ganz anders: Die Kampagne schlug mit voller Wucht auf ihren Urheber zurück. Wer in Wiesbaden vor der Wahl das Wort "Koch" fallen ließ, konnte Menschen toben hören, dass sie diesen "Lügner" nie wählen würden. Wer von der Anti-Koch-Stimmung am meisten profitieren würde, war absehbar: SPD-Sptizenkandidatin Andrea Ypsilanti. "Koch hat nicht nur die SPD-Wähler mobilisiert. Sondern auch seine eigenen Wähler demobilisiert", sagt Parteienforscher Jürgen Falter zu stern.de. Eine bessere Wahlkampfhilfe hätte sich Ypsilanti nicht erträumen können. Wenige Monate vor dem Urnengang galt sie noch als aussichtlose SPD-Quotenfrau.
Der Reflex dieser Fehlkalkulation lässt sich im Wiesbadener Landtag schon kurz vor 18 Uhr besichtigen. Gewühle und pulsierende Euphorie im SPD-Fraktionssaal. Betretene Gesichter bei der CDU. Erste Prognose: Die CDU verliert mehr als 12 Prozent. Die Botschaft ist klar: Der Kampagnero hat es brutalstmöglich versemmelt. Die CDU-Regierung in Hessen geht vermutlich hops, was die CDU bundesweit schwächt. Koch selbst, immer wieder als möglicher Nachfolger Merkels gehandelt, kann diese Ambition vorerst begraben. "Seinen Status als Kronprinz ist er los", resümiert Falter auf dem Landtagsflur knapp. Außerdem hat Koch den Konservativen der Partei, die unter Merkel an den Rand gedrängt wurden, einen Bärendienst erwiesen. Er, Koch, das Aushängeschild der Konservativen, ist demoliert.

Kien Abend für die bereitgestellten Jubel-Plakate© Frank Rumpenhorst/DPA
Gegen 19.30 Uhr, ewige eineinhalb Stunden nach der ersten Prognose, stellt sich Koch seinen Anhängern. Einige klatschen, einige rufen "Roland, Roland!", doch es ist nichts weiter als Trotz. Mit einer bemerkenswerten Chuzpe versucht Koch die Geschichte umzudeuten. Er leugnet nicht das Ergebnis, er leugnet nicht seine Verantwortung. Aber definiert seine Rolle neu: Der Täter will nun Opfer sein. Gegen ihn sei eine "Diffamierungskampagne" gelaufen, er habe die Angriffe der "drei Linksparteien" über sich ergehen lassen müssen. Außerdem sei Hessen immer ein "knappes Land" gewesen - ein Land also, in dem CDU nur schwer gegen die SPD gewinnen könne. Das sagt der Mann, der 2003 die absolute Mehrheit holte. Und nun das schlechteste CDU-Ergebnis seit Jahrzehnten eingefahren hat.
Koch wiederholt diese Erklärungen in diversen Fernsehinterviews. Er trägt sie nicht forsch vor, wie es sonst seine Art ist. Der Ministerpräsident scheint in sich versunken, er blickt meist zu Boden, es ist, als spräche er zu sich selbst. Vermutlich hängt ihm der Schock über das Ergebnis in den Gliedern, auch die Entbehrungen der letzten Wochen, als er, von einer Bronchitis geschwächt, eine mörderische Wahlkampftour abriss. Die Sonnenstudiobräune in seinem Gesicht kann das nicht übertünchen. Koch wirkt wie sein eigenes, völlig ausgelaugtes Double.
00.00 Uhr, Die CDU liegt 0,1 Prozentpunkte vor der SPD. Wichtig sei der "psychologische Effekt", sagt Paul Dries, CDU-Mitglied in Rüdesheim, der nach Hause will. Koch, schon seit Stunden unauffindbar, sei vermutlich in der Staatskanzlei, einem prachtvoll renovierten ehemaligen Hotel in der Innenstadt, das der Milliarden-Pleitier Jürgen Schneider einst halbfertig zurückgelassen hatte. Eine Prognose, wer Hessen regieren könnte, wagt Dries nicht abzugeben. Schwarz-gelb und rot-grün haben jeweils keine Mehrheit. Eine Große Koalition wollen weder Ypsilanti noch Koch. Die Ampel scheitert an FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn. Ein rot-rot-grünes Experiment ist SPD-Chef Kurt Beck zu riskant. Jamaika ist ebenfalls illusorisch, Grünen-Chef Tarek Al Wazir will Koch nicht einmal die Hand geben. Neuwahlen? "Das liegt in der Luft", sagt Dries. Hessen, ein politisches Absurdistan. Koch hat die Parteien soweit polarisiert, dass zwischen den Lagern kaum noch etwas geht. Quälende Verhandlungen werden kommen. Mittendrin Roland Koch, mit 0,1 Prozentpunkten in der Tasche. Sie werden ihn nicht retten.