
Baron Enoch zu Guttenberg hat immer Sorge gehabt, ob der Sohnemann sich selbst treu bleiben könne, als Delfin im Berliner Haifischteich© Michael Trippel
Doch es ist ein schmaler Grat. In der konservativen "Welt" hat der Wirtschaftsminister für sein zunächst langes Schweigen in der Frage, wie denn nun genau das Versandhaus Quelle gerettet werden soll, die "Kopfnote" 5 bekommen. Mangelhaft. Man hat ihn abgestempelt als Mal-so-mal-so-Politiker. Das hat ihn sehr irritiert. Er hat selbst eine Zeit lang mal als freier Mitarbeiter für die "Welt" geschrieben. Seitdem weiß er, wie Medien ticken. Er hat noch gute Kontakte in die Redaktion. Nun haben die Kollegen von früher ihm dieses vernichtende Urteil ausgestellt, ihm, dem Haltung über alles geht.
Es war ein ernsthafter Schuss vor den Bug. Ein Zeichen dafür, dass er auch als Projektionsfläche herhalten muss. Als strammer Vertreter der reinen ordnungspolitischen Lehre. Je strammer, je besser. Er ist ja gestartet als Ausbund an Prinzipienfestigkeit. Das ist sein Kapital.
Wie ein Image sich verfestigen kann, ist schön an Kleinigkeiten zu beobachten. Als er kürzlich entsprechend korrekt lässig in Jeans, Jacke und T-Shirt auf einem AC/DC-Konzert war, haben ihm noch anderntags die Ohren gepfiffen. Seitdem hält es so ziemlich jeder zweite Mittelständler für eine originelle Idee, dem Minister bei einem Besuch eine CD der Hardrocker zu überreichen.
Ja, das Image. Guttenberg weiß, wie sehr nun jede seiner Entscheidungen beäugt wird. Wie in diesen Tagen jede Staatshilfe, gegen die er sich zuvor bedächtig gewehrt hat, als persönliche Niederlage auf sein Konto gebucht wird. Er weiß, dass dann auch sein Politikstil infrage steht. Sein ständiges Gerede von Kriterien und Maßstäben und tragfähigen Konzepten - womöglich wirkt das dann ganz schnell nur noch wie ein Sammelsurium von Worthülsen. Doch nur Politikergeschwätz?
Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Er hat noch 80 Tage bis zur Bundestagswahl. Das Ziel ist in Sicht. Er will es mit Anstand erreichen, man könnte sagen: nach seinen Maßstäben und Kriterien. Es wäre so wichtig für die Zeit danach. Karl-Theodor zu Guttenberg redet doch recht häufig davon, dass seine Amtszeit im Wirtschaftsministerium begrenzt sei. Nicht immer wirkt es wie Koketterie.
Vielleicht hat er längst gemerkt, wie wenig er gestalten kann in diesen Zeiten, in denen in der Wirtschaft so viel zusammenbricht. Und er weiß, dass sein selbst gesetzter Auftrag, Optimismus zu verbreiten, auf Dauer doch recht flau wirken kann. Noch freuen sie sich ja an Sätzen wie "Wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, sollte man den Kopf nicht hängen lassen". Noch denken sie nicht so recht darüber nach, was er meint, wenn er sagt: "Wer sich mit Kassandra ins Bett legt, muss sich über den Mundgeruch am anderen Morgen nicht wundern." Aber wie lange noch? Wahrscheinlich, um es auf Guttenbergisch zu sagen, wäre er "alles andere als unglücklich darüber", wenn nach den Bundestagswahlen ein anderes Amt auf ihn wartete - das des Verteidigungsministers zum Beispiel, oder, um den Staatshaushalt macht er sich ohnehin die größten Sorgen, das des Finanzministers.
Er tauscht sich in diesen Tagen regelmäßig mit seinem Vater aus, Baron Enoch, dem Dirigenten. Es ist ein Vertrauensverhältnis, gewachsen in der Zeit, als der Vater nach der Scheidung die Söhne Karl-Theodor und Philipp allein erziehen musste. Der Vater hat ihm beigebracht, Verantwortung zu tragen. Schon im Alter von 13, 14 Jahren hat er "Schirmherrvertretungen" übernehmen müssen, wenn der Baron verhindert war. Das prägt. Der Kontakt riss nie ab, obwohl sich der Sohn mit dem Vater oft über dessen "apokalyptische Sichtweise in Umweltfragen" gezofft hat.
Für den Eintritt in die CSU war dann auch ein anderer verantwortlich. Sein damaliger Lateinlehrer Dieter Friedel machte ihm klar, dass es in der Politik auch darum ginge, etwas zu erreichen. In Bayern ist das am leichtesten in der CSU, aber so schnell so weit bringt man es auch in dieser Partei nur selten. Als er 2002 in den Bundestag einzieht, ist er gerade mal 31 Jahre alt, sechs Jahre später übernimmt er für 100 Tage den Job des CSU-Generalsekretärs. Im Jahr zuvor macht der studierte Jurist und Politikwissenschaftler nebenbei noch seinen Doktor.
In der Familie haben sie oft darüber geredet, wie wichtig Aufrichtigkeit im Leben sei. Das, sagt Guttenberg, sollte auch Grundlage von Politik sein. Doch ganz ohne das Spiel über Bande geht es in Berlin nicht. Er ist nun doch recht schnell in die Situation gekommen, vor der der Vater immer Sorge gehabt hat - ob sich der Sohnemann selbst treu bleiben könne, als Delfin im Berliner Haifischteich.
Noch hat das geklappt. Aus seiner ersten empfindlichen Niederlage ist er in der öffentlichen Wahrnehmung in geradezu wundersamer Weise gestärkt hervorgegangen. Populär wie einst Flipper. In der legendären Opel-Nacht hatte er im Kanzleramt Angela Merkel seinen Rücktritt angeboten, weil er vom Rettungskonzept des Investors Magna nicht überzeugt war. Zornig war er da. Und isoliert. Last man standing.
Damals hat er sich ins Morgengrauen retten müssen mit der mühsamen Formel, dass man Respekt vor der jeweils anderen Position habe und bei gewissenhafter Prüfung der Unterlagen auch zu einem anderen Ergebnis kommen könne. Er erzählt das oft, seitdem. Er selbst hat seit dieser Nacht vor allem vor einem Respekt: vor dem machtstrategischen Geschick der Kanzlerin.
In der SPD haben sie ihm den Titel "Insolvenzminister" verpasst und den Eindruck erweckt, er sei in der Opel-Nacht heillos überfordert gewesen. Doch verfangen hat das bei den Wählern nicht. Sie haben ihn auch den "Baron aus Bayern" genannt, in Anlehnung an Paul Kirchhof, die Figur des kaltherzigen "Professors aus Heidelberg", mit der vor vier Jahren Kanzler Gerhard Schröder einen aussichtslosen Wahlkampf fast noch gedreht hätte. Sie haben alle Klischees bemüht - doch Guttenbergs vermeintlich kaltes Herz wurde im Volk als gesunder Menschenverstand bewertet. Forsa-Chef Manfred Güllner erklärt die guten Zahlen so: "Guttenberg wird von den Deutschen als eigenständig empfunden. Zudem haben die Menschen das Gefühl, dass er sich nicht nur, wie im Fall Opel oder Arcandor, an die Großen ranschmeißt, sondern sich auch um die kleinen Unternehmen kümmert."
Doch nach der Opel-Nacht hatte es für einen kurzen Moment den Anschein, als könne er den Sozis zur Hassfigur im Wahlkampf taugen. Er hat nichts dagegen. "Das gehört doch zum Geschäft", sagt er - und redet, wie Polit-Junkies reden. Im Bierzelt im bayerischen Irgertsheim teilt er mit fränkischer Klangfärbung selbst gern aus. Seinen pinkfarbenen Schlips, den er sich zuvor erst im dritten Anlauf hinreichend korrekt im Hubschrauber umgebunden hat, hält er plötzlich ins Publikum: "Ich sag jetzt nicht, dass das ein Tribut an den Regierenden Bürgermeister in Berlin ist." An den Biertischen verschlucken sie sich vor Freude über so viel subtile Hinterfotzigkeit.
Mittlerweile tourt er mit seinem Konter gegen die Sozis im Allgemeinen und Schröder im Besonderen durch die Lande. Was zählen schon die Urteile eines "Gazprom-Diplomaten"? Oder eines Mannes wie Müntefering, dem er "nur so weit traut, wie ich einen Konzertflügel schmeißen kann". Im Bierzelt haben sie sich auf die Schenkel geklatscht vor Freude über die lustige Metapher. Beim Wirtschaftstag der Union im Hotel Interconti lächeln sie an gleicher Stelle - weil, den Schröder, den haben sie noch nie leiden können. Guttenbergs Geheimnis: Er kann das "Ich-bin-einer-voneuch-Gefühl" auf einer ganz erstaunlichen Bandbreite bespielen. Als er im Interconti seine Schachtelsätze mit einigem Erfolg aus dem grammatikalischen Niemandsland geführt hat, erheben sie sich zu Standing Ovations. Im Rausgehen schwärmt ein Zuhörer: "Endlich haben wir mal wieder einen Politiker mit Charisma."
Er spielt damit - und gelegentlich nutzt er es, um sein Auditorium mit seiner Weltsicht zu strapazieren. Seine Zuhörer werden zu Testpersonen. Im Bierzelt in Irgertsheim redet er unvermittelt über die in Guantánamo einsitzenden Uiguren. In Düsseldorf, vor Junger Union und Mittelständlern, lässt er deutlich erkennen, für wie problematisch er Steuerversprechen im Wahlkampf hält. Es ist nicht einfach zu beantworten, ob Guttenberg in dieser Frage der Kanzlerin so nah oder doch eher so fern ist. Merkel glaubt insgeheim auch nicht, dass man die Steuerversprechen wird halten können. Guttenberg glaubt, dass man nicht mit Heilsversprechen in den Wahlkampf ziehen sollte, so vage sie auch formuliert sein mögen.
Am vergangenen Donnerstag liest er in Berlin Dritt- und Viertklässlern Märchen vor. Der Minister hat sichtlich Spaß am eigenen Vortrag, er fränkelt und sächselt und wiehert und grunzt, als er den Kindern "Hans im Glück" vorträgt. Er weiß um die heikle Symbolik und hat sie gleich zu Anfang thematisiert: "Das ist mal was, dass ein Politiker Märchen vorliest, der sonst nur Märchen erzählt." Die Kinder verstehen das noch nicht so recht, aber da geht es dem Minister auch nicht anders als bisweilen im Bierzelt. Er hat die bläulich schimmernde Krawatte mit den Pinguinen abgelegt, nicht ohne die Schüler vorher um Erlaubnis zu fragen.
Nach einiger Zeit meldet sich ein Mädchen und sagt, dass ihr Opa in zwei Tagen Geburtstag habe. "Der liebt Pinguine."
Es ist der Klassiker. Karl-Theodor zu Guttenberg, der Politiker, kann nun eigentlich nichts mehr falsch machen. "Na", sagt der Minister, "dann bring sie deinem Opa mal zum Geburtstag mit." Zu Hause gab es dann allerdings schon ein bisschen Ärger für Karl-Theodor, den Ehemann. Die Krawatte war nämlich ein Geschenk seiner Frau.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 29/2009