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4. November 2009, 11:26 Uhr

Im Auge des Sturms

stern-Reporter Harald Kaiser reiste am 9. November 1989 nach Ost-Berlin, um die Stimmung in einer untergehenden Diktatur einzufangen. Rückblickend beschreibt er seine Furcht vor der Stasi - und die Entstehungsgeschichte einer Taxi-Reportage.

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DDR-Taxifahrer: "Ick war auf'm Ku'damm, in eene Kneipe und inne Piepschau."© Michael Richter/DPA

Die Sache war riskant. Denn die Chance, von der Stasi hops genommen zu werden, war hoch. Mein Auftrag lautete: Fahr' am 9. November 1989 nach Ost-Berlin, schnapp dir einen Taxifahrer, lass dich von ihm ein paar Stunden durch die Stadt kutschieren, frage ihn nach seinem Leben in der DDR aus und schreib's auf. Wir waren 20 stern-Reporter, je zehn Schreiber und zehn Fotografen, die sich als Zweierteams aufmachten, die Stimmungslage in der anderen deutschen Republik einzufangen. Denn nach monatelangen massiven Bürgerprotesten konnte es nicht mehr lange dauern, bis der Sozialismuskessel überkochen musste. Das wollten wir als Reporter erleben und darüber aus erster Hand berichten.

Wobei natürlich keiner ahnen konnte, dass die Mauer in der kommenden Nacht fallen sollte. Es hätte ja auch sein können, dass der Obergenosse Erich Honecker am selben Abend im DDR-Fernsehen verkündet: "So, die Demokratie-Übung ist vorbei." Dann wär's nix mit Reporterglück gewesen, sondern wir wären wohl in einen Stasiknast gewandert.

Ich reiste als "Tennislehrer" ein und fand in Berlin einen Fahrer. Der Fotograf und ich gaben uns als Westdeutsche aus und baten ihn, uns ein paar Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Als ich nach etwa 20 Minuten Fahrt und harmlosem Geplänkel nach der Stimmungslage der eingemauerten Nation fragte, fuhr parallel zu uns ein dunkelblauer extra langer Staats-Volvo mit schwarzen Seitenscheiben langsam vorbei. Statt meine Frage zu beantworten zeigte er auf den Volvo und schimpfte: "Da sitzen die Tintenpisser drin." Er meinte die Parteibonzen, die Bürohengste.

Wir gaben die Tarnung auf. Ich sagte ihm, wer wir waren und was wir machen wollten. Er antwortete mit einem kurzen "aha", drehte sich für einen Moment zu uns rum und sagte: "Ich heiße Peter Dohm und erzähle Ihnen gerne alles, was Sie wissen wollen." Wir blieben bis in den Abend zusammen.

Inzwischen war in Ost-Berlin der Teufel los. Am Fernseher in der Wohnstube des Taxifahrers verfolgten wir auf einem Westkanal, dass die Grenzer die Massen an DDR-Bürgern, die in den Westteil der Stadt drängten, nicht mehr lange aufhalten konnten.

In diesen Stunden war ich mir immer wieder sicher, dass die Handschellen klicken würden. Das DDR-Regime war noch an der Macht, die Stasi weiter aktiv. Und ich, als Tennislehrer eingereist, hatte mir gerade an der Hotelrezeption eine Schreibmaschine geborgt. Mit klatschnassen Achseln lief ich zum Aufzug und fuhr hoch in mein Zimmer. Dort schaltete ich den Fernseher ein und öffnete das Fenster ganz. Von unten drang ein unglaubliches Rumoren hoch. Sehen konnte ich nicht viel, weil mein Zimmer ungünstig lag. Doch dafür hatte ich ja die Fernsehbilder, die mir alles live zeigten.

Von unten war inzwischen ein gigantisches Gejohle zu hören. Gegen halb elf Uhr abends hatten die Grenzer die Schlagbäume hochgezogen und die DDR-Bürger schoben sich in Massen in den Westen. Die ganze Zeit schaute ich auf den Fernseher. Dann auf die getippte Zeile und traute meinen Augen nicht: Dort standen kyrillische Schriftzeichen. Also, runter an die Rezeption und nach einer Schreibmaschine mit deutscher Tastatur fragen. Gott sei Dank hatten sie eine.

Angesichts des Durcheinanders in der Nacht der friedlichen Revolution und des riesigen Glücksgefühls darüber, dass die Gefangennahme eines ganzen Volkes nun beendet war, habe ich nicht damit gerechnet, dass Peter Dohm am nächsten Morgen unsere Verabredung einhielt. Doch er kam. Ziemlich angeschlagen zwar, er lag erst um halb fünf im Bett, aber er war da. Ich fragte ihn, was er in West-Berlin gemacht habe. Antwort: "Ick war auf'm Ku'damm, in eene Kneipe und inne Piepschau."

Die stern-Reportage von Harald Kaiser können Sie hier nachlesen.

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