Der Mond scheint hell, sie gehen die ostdeutsche Straße "Unter den Linden" lang und vor zum Brandenburg Tor. Einfach so. Gott, was für ein Gefühl! Die stern-Reporter Erich Follath und Jürgen Petschull berichteten 1989 über die Nacht der Deutschen. Hier können sie den Text nachlesen.

Menschen feiern auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor. Es wurde zum Symbol der Einheit© Thomas Kienzle/AP
Natürlich träumen wir. Denn was wir mit eigenen Augen zu sehen glauben, was wir hören, fühlen und erleben, kann doch nicht wahr sein. "Kneif mir, Jünter", sagt neben uns eine junge Ost-Berlinerin zu ihrem Mann. Der lacht und weint und wischt sich Tränen ab. "Kneif mir janz fest, Jünter, sonst jloob ick, ick spinne total!"
Gerade ist Mitternacht vorbei. Der Mond scheint hell. Wir sind in Ost-Berlin über die Straße "Unter den Linden" gekommen, haben ungehindert einen hüfthohen Eisenzaun überstiegen, sind an mehreren Ketten grün uniformierter "Angehöriger der Grenztruppen der Deutschen Demokratischen Republik" vorbeispaziert. Einfach so. Quer über dem Pariser Platz zum Brandenburger Tor.
Jetzt stehen wir zwischen den Säulen. Über uns die angestrahlte Quadriga. Gott, was für ein Gefühl! 28 Jahre lang war dieses Symbol deutscher Geschichte von der Mauer und den Männern mit Maschinenpistolen versperrt. Auch wer nicht zu Gefühlsausbrüchen neigt: dies ist ein unvergesslicher Augenblick.
Am Brandenburger Tor hat seit fast zwei Jahrhunderten deutsche Geschichte stattgefunden: 1791 errichtet, mit Siegesgöttin obendrauf. Napoleon ist hier 1806 durchmarschiert und 1871 Kaiser Wilhelm I: 1918 zogen geschlagene deutsche Soldaten hindurch. 1933 flackerte bei Hitlers Machtübernahme der Fackelschein der Faschisten gegen die sechs Säulen. 1945 rollten die Panzer der Roten Armee daran vorbei. 1953 schlugen die Machthaber in Ostberlin den Aufstand des 17. Juni hier blutig nieder. Und am 13. August 1961 teilten Erich Honeckers Betriebskampfgruppen auch am Brandenburger Tor Berlin in zwei Teile. Für 28 Jahre.
Nun hängt die DDR-Flagge mit Hammer und Zirkel schlaff im Nachtwind. Vor uns im weiten Halbkreis die Mauer. Man traut seinen Augen nicht: Auf dem Bauwerk schunkeln Hunderte von Menschen, klettern von West nach Ost und von Ost nach West, umarmen sich, tanzen, jubeln, lachen, weinen und singen. Singen gemeinsam auf dem 28 Jahre lang hermetisch abgeriegelten Platz: "So ein Tag, so wunderschön wie heute." Und: "Auf der Mauer, auf der Mauer sitzt‚ ne kleine Wanze..." Die Grenzschützer stehen weit entfernt im Halbdunkel und sehen mit unbewegten Gesichtern zu.
In dieser Nacht vom 9. zum 10. November 1989 geht mitten in Berlin der Kalte Krieg zwischen Ost und West mit einer riesigen Straßenparty zu Ende. Angefangen hatte alles fünf Stunden zuvor, völlig unerwartet, mit einer beiläufig erscheinenden Bemerkung von Günter Schabowski, Mitglied im neuen SED-Politbüro. Fast eine Stunde lang hatte er bei einer Pressekonferenz Fragen beantwortet, dann einen Zettel gelesen, der ihm untergeschoben wurde, und mitgeteilt: Um befreundete Staaten zu entlasten, die von der anhaltenden Ausreisewelle von DDR-Bürgern strapaziert würden, habe man sich entschlossen, alle Grenzübergänge von der DDR zur BRD und von Berlin-Ost nach West-Berlin zu öffnen. Das gelte für die "ständige Ausreise sowohl als auch für kurze Besuche". "Ab wann?" riefen Reporter. "Wenn ich richtig informiert bin", antwortete Schabowski zögernd, "dann gilt diese Regelung unmittelbar."
Ein paar Stunden lang war danach nicht klar: Brauchen die DDR-Bürger einen Pass mit Visum? Nur einen Pass? Oder reicht sogar nur der Personalausweis? Überall wurde darüber in Ost-Berlin diskutiert. Gegen 20 Uhr lief ein Gerücht durch die Stadt: Der Übergang Bornholmer Straße nach West-Berlin ist offen! Um zehn Uhr stauen sich die Trabbis und Wartburgs dort schon ein paar Kilometer lang. "Wir fahren nach drüben", rufen die Leute und drücken immer wieder vor Freude auf die Hupen.
Ganz vorne wartet Herbert mit Frau und zwei erwachsenen Kindern. "Ich will nur mal schnell rüber auf den Ku'damm und 'ne Tante in Schöneberg besuchen!" Ober er zurückkommt nach Berlin-Ost? "Klar, wir kommen alle zurück", rufen die Umstehenden im Chor. "Ich muss morgens um drei schon wieder arbeiten", sagt Herbert. Endlich wird der Gitterzaun zur Seite gezogen. Herbert, von Beruf Zeitungsausfahrer der Ost-Berliner "BZ" lässt den Trabbi an. Blaue Auspuffwolken blubbern in die kalte Nacht, als der Wagen im Westen verschwindet, gefolgt von einer endlosen Kette anderer DDR-Autos. Allein zehntausend Ost-Berliner gehen in dieser Nacht zu Fuß über die Bornholmer Straße. Achtzigtausend, so heißt es später, sollen es an allen Grenzübergängen sein.
"Am Brandenburger Tor ist der Teufel los", sagt jemand, "Da haben die Vopos schon die Wasserwerfer angeworfen." Doch von weitem, von der Straße "Unter den Linden" aus gesehen, sieht alles friedlich aus und menschenleer. Dann zuckt Blitzlicht auf, wir hören Schreie und Rufen. Die "DDR-Grenzorgane" haben versucht, mit dicken Strahlen aus Wasserschläuchen die ersten "Westler" vom Kamm der Mauer zu spritzen. Doch dann erhalten sie Befehl, die Wasserhähne zuzudrehen. Ungehindert tanzen erst Dutzende, schließlich achthundert meist junge Leute auf der Mauer herum. Im Gegenlicht des Monds sieht es von weitem aus wie ein unwirkliches Schattenspiel.
Was ist so schön daran, durchs Brandenburger Tor zu gehen? Eigentlich sind es ja nur sechs Säulen voller Imponiergehabe: sehr breit, sehr hoch, sehr monumental. Wer direkt darunter steht, sieht das Schönste an diesem Tor noch nicht einmal, die hell erleuchtete Quadriga. Und doch spaziert in dieser Nacht keiner so einfach los durch dieses Tor: Jeder scheint seinen eigenen Stil zu entwickeln. Auf Zehenspitzen trippeln die einen, leise, als könnten sie ein Heiligtum entweihen. Andere schreiten feierlich, ganz persönliche Prozession. Oder zählen übermütig die Schritte und prosten sich nach vollendetem Durchgang wie Sieger zu.
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