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9. November 2009, 11:29 Uhr

"Ich glaub, ich werd ohnmächtig"

Sonderschicht bei Mc Donald's und ein Türsteher, der Freibier verspricht. Ein Besuch bei der Oma und wildfremde Leute, die sich in den Armen liegen. Eindrücke am Abend des Mauerfalls am Kurfürstendamm, wie sie im stern standen. Von Werner Mathes

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Ost-Berliner überqueren die Grenze am 9. November 1989. Sie feiern die Einheit unter anderem auf dem Kurfürstendamm© Lutz Schmidt/AP

Kurfürstendamm gegen zwei Uhr nachts. Der West-Berliner Prachtboulevard ist voller Menschen. Sie stehen Spalier und singen: "So ein Tag, so wunderschön wie heute." Dazwischen plärren die Lautsprecher der Polizei: "Bitte räumen Sie die Fahrbahn." Die Massen denken nicht daran.

Hunderte von Trabbis und Wartburgs bahnen sich knatternd den Weg durch die Schaulustigen. Die Fenster der Wagen sind offen. Pappbecher mit Sekt und Bier werden hineingereicht. Eine blonde Fahrerin schreit, als sie von Scheinwerfern eines TV-Teams geblendet wird: "Ich glaub, ich werd ohnmächtig." Passanten haben die DDR-Autos eingekeilt und trommeln zur Begrüßung mit den Fäusten auf die Fahrzeuge.

So eine Nacht kann man sich nicht entgehen lassen

"Ich bin", sagt die Ost-Berliner Maschinenführerin Doris J., 20, "vor einer halben Stunde über den Grenzübergang Bornholmer Straße rübergekommen. Einfach so." Sie musste nicht mal ihren Personalausweis vorzeigen. Jetzt will sie ein Bier trinken und in ein paar Stunden wieder zurück: "Ich werde heute Nacht wahrscheinlich nicht mehr schlafen." Um 7 Uhr muss sie zur Arbeit. Ihre beiden Kinder schlafen, ihr Mann hat Nachtschicht.

Einer im Blaumann kommt gerade von der Nachtschicht. Er steht, eine geöffnete Bierdose in der Hand, am Breitscheidplatz. "Ick hab de Klamotten hinjeschmissen, zusammen mit 'nem Kollegen." So eine Nacht, sagt er, könne man sich nicht entgehen lassen. Auch er ist problemlos über die Grenze gekommen: "Keen Ausweis, nischt." Er hofft, dass die Kollegen im Betrieb Verständnis haben werden, wenn er seine nächste Schicht antritt: "Wenn heute Nacht überhaupt noch jemand jearbeetet hat, wa."

"Wer hier kein Geld hat, kriegt Freibier, ist doch klar."

Bei "McDonald's" hat die Mannschaft eine Sonderschicht eingelegt, um die DDR-Besucher zu versorgen. Die zahlen meist in West-Mark, einige reichen aber auch Ost-Geld übern Tresen - das wird, 1:1, ohne Zögern angenommen. Auch in den Kneipen und Discotheken gibt es keine Probleme mit der Ost-Währung. Ein Türsteher vor einer Disco: "Wer hier kein Geld hat, kriegt Freibier, ist doch klar."

Volksfeststimmung überall. An der Gedächtniskirche umarmen sich wildfremde Leute. Bier und Sekt werden ausgeschenkt. "Das ist der Tag, auf den wir so lang warten mussten, ich kann's nicht fassen", schreit ein Mann um die 40 und spreizt die Finger zum Victory-Zeichen. Ein junger Mann sagt: "Ich war gerade bei meiner Oma in der Grunewaldstraße." Er lacht. "Die war so perplex, dass die, glaube ich, gar nüscht mitgekriegt hat." Er will jetzt wieder rüber und es morgen oder übermorgen - "in aller Ruhe" - noch mal versuchen bei der Großmutter.

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Von Werner Mathes
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