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12. Oktober 2009, 14:36 Uhr

Aus dem Leben eines Dissidenten

In der DDR war er Dissident, Kritiker - und ein Beobachter. Als die Mauer fiel, war er schon im Westen. In seinem Gastbeitrag schreibt der Liedermacher Stephan Krawczyk über das Leben mit Spitzeln, mit Akten und über die Freiheit.

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In der DDR erst gelobt, dann verfolgt und rausgeschmissen: Der Liedermacher Stephan Krawczyk© Ronny Hartmann/DDP

Ich habe es durch einen Anruf bei meiner Freundin in Hamburg erfahren. Kurz vor Mitternacht. Da war das monströse Bauwerk schon offen. Im Restaurant, wo ich mit einem Mann von der Presse und dem Veranstalter gegessen hatte, wusste bis dahin niemand etwas davon. Der Journalist sagte: "Da muss ich jetzt los!" Auf schnellstem Weg bin ich ins Hotel gegangen, Glotze an, Minibar auf, Beine hoch, Gorbatschow aufschrauben und staunen. Über die echte Freude in den Gesichtern, über die Gesten der glücklichen Ratlosigkeit, über herzliche Umarmungen. Ich bekam das Gefühl von Aufgehobensein in etwas Großem, was nur peripher durch das angenehme Hotel bedingt war. Doch je länger der Abend währte, desto weniger wurde davon gesprochen, wie mächtig die Mauer gewesen ist.

Wer versucht hat, die Grenze zu überwinden, musste mit dem Schlimmsten rechnen. Andi, aus dem thüringischen Dorf Sibirien, hat es siebenmal versucht. Einmal wurde er von einer MPi-Salve getroffen. Siebenhundert Geschosssplitter hat er in den Lungen. Im sechsten Knast erfuhr er von Mitgefangenen, dass man an den Hunden nur dann vorbeikommt, wenn man sich nackt auszieht. Bei den Hunden funktionierte die Kultur noch. Vor dem nackten Menschen hatten sie Respekt. Trotz Ausbildung!

Anfang 1988 schrieb "Spiegel": "Der Liedermacher Stephan Krawczyk und seine Ehefrau Freya Klier hatten sich am 1. Februar zum Weggang entschlossen. Da sie keine Hoffnung auf Demokratisierung in ihrem Land hatten, so begründeten sie ihren (...) 'Antrag auf Wohnsitzwechsel in die BRD und auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR', sähen sie sich schweren Herzens gezwungen, die DDR zu verlassen. Bereits vierundzwanzig Stunden später fanden sich die beiden im Westen wieder. Nur acht Tage hatte die Staatssicherheit gebraucht, um eines ihrer wichtigsten Ziele zu erreichen: eine Destabilisierung der DDR-Bürgerbewegung und eine Demontage der beiden Galionsfiguren."

Ich hatte die Wahl, entweder zwölf Jahre einzusitzen oder in den Westen zu gehen. In Forst bei Cottbus wurde 1987 eine Vorstellung von Freya und mir vom Klerus verboten. Wir waren von der Kirchgemeinde eingeladen worden, um "Pässe, Parolen" zu spielen, einen Farcenabend zum DDR-Alltag über Umweltzerstörung, Kaufrausch, Fernsehhörigkeit, Machtmachenschaften, etc., typisch sozialistische Gesellschaftsmakel. Seit ich unseren Brief an den Kulturminister Hager für eine offene DDR-Kultur öffentlich verlesen hatte, setzte der Stasi alle Hebel in Bewegung, um unsere Auftritte zu verhindern. Buslinien wurden eingestellt, alle Zufahrtsstraßen von der Polizei kontrolliert, die Gemeindeglieder mit hohen Ordnungsstrafen belegt. Aus dem Frust der Initiatoren unserer ungeschehenen Veranstaltung entwickelte sich eine aktive Widerstandsgruppe mit eigenem Organ und genügend Schlagkraft, die alte Ordnung regional zu entmachten. Gemeinsam sind sie den Weg bis zu einem guten Ende gegangen. Bei der Revolution ohne Blutzoll hat sich die Geschichte von ihrer schönsten Seite gezeigt.

"Mein Innenohr hörte einen Tusch"

In der Briefkiste meiner Mutter fand ich nach ihrem Tod vor zwei Jahren einen Brief von mir aus dem historischen November 1989. Ich hatte geschrieben: "Wir waren halt zu früh mit unserem Widerstand." Der Satz stammt aus der Betroffenheit darüber, nicht teilnehmen zu dürfen. Ich durfte erst am 2. Dezember wieder einreisen. Bis dahin wurde ich mit dem Satz "Herr Krawczyk, ihre Einreise in die DDR ist nicht erwünscht" zurückgeschickt. Am 2.12. fand eine Liedermacherwiedervereinigungsveranstaltung in Ostberlin statt. Jene, die in der DDR geblieben waren, standen mit jenen, die aus der DDR gegangen worden waren, auf einer Bühne. Der DDR-Kulturminister hatte dazu eingeladen, auf Drängen der dagebliebenen Liedermacher. Am 2.12. wurde ich von einem Offizier am Grenzübergang mit der Ehrenbezeugung und dem Satz begrüßt: "Herr Krawczyk, schön, dass Sie wieder da sind." Mein Innenohr hörte einen Tusch.

Wir waren nicht zu früh mit unserem Widerstand. Im Gegenteil. Bei zu hohem Druck auf das Bedürfnis des Menschen, frei zu sein, entwickelt sich Gegendruck, der sehr kreativ sein und bis zur Auflösung eines Staatssicherheitsdienstes führen kann.

Zur Person Stephan Krawczyk ist ein Liedermacher. Wegen seiner kritischen Texte wurde er in der DDR mit Berufsverbot belegt und 1988 ausgewiesen. Im Westen begann er mit dem Schreiben und veröffentlichte unter anderem "Schöne wunde Welt", "Das irdische Kind" und "Der Narr" (2003). Krawczyk lebt in Berlin. Eine ausführliche Biografie finden Sie an dieser Stelle.

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