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9. November 2009, 11:28 Uhr
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"Unser Leben ist verpfuscht"

stern-Reporterin Ingrid Kolb beobachtete 1991 den ersten Prozess gegen vier Mauerschützen in Berlin. Dabei zeigte sich vor allem eins: An der Mauer gab es viele Opfer. Selbst die Täter waren welche. Hier können Sie Kolbs Reportage nachlesen.

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Ein Kreuz erinnert an Chris Gueffroy, das Opfer der letzten Mauerschützen© Pictur-Alliance

Als Monika Adam im Februar 1989 in westlichen Nachrichtensendungen hört, dass es in der Nacht vom 5. auf den 6. einen Toten bei einem gescheiterten Fluchtversuch an der Berliner Mauer gegeben haben soll, denkt sie spontan: "Was für ein Unglück für die arme Mutter." Und im nächsten Moment: "Hoffentlich hatte der Andreas nichts damit zu tun."

Ihr Sohn Andreas K. ist zu diesem Zeitpunkt Wehrpflichtiger im Grenzregiment 33 in Berlin-Treptow, und sie weiß, dass er zur Spätschicht eingeteilt worden war, denn sie hat ihn am Wochenende vorher besucht. Ihr Mann, der Stiefvater von Andreas, beruhigt sie: "Was glaubst du, wie viele Grenzsoldaten es da oben gibt. Er ist doch nicht der einzige."

Tagelang hört sie nichts von ihm. Das ist ungewöhnlich, denn er meldet sich sonst immer. Sie spricht mit ihrer Schwiegertochter über ihren Verdacht. Marita K., die Frau von Andreas: "Zuerst konnt' ich mir nicht vorstellen, dass nun ausgerechnet er da mit dabei sein sollte. Aber als er dann heimkam, brauchte ich ihn nur anzusehen. Da wusste ich, dass etwas passiert war. Und da hat er's mir dann erzählt."

"Ich seh' ihn immer noch vor mir liegen."

Zur gleichen Zeit wird Karin Gueffroy in Ostberlin zur Staatssicherheit bestellt. Eineinhalb Stunden lang muss sie Fragen beantworten über ihren 20-jährigen Sohn Chris, von dem sie denkt, er sei nach Prag gereist. Dann betritt ein Mann in Uniform den Raum und teilt ihr mit, Chris Gueffroy sei gestorben. Er habe einen Anschlag auf eine militärische Einrichtung verübt. Erst später erfährt sie, dass er beim Fluchtversuch zwischen Straße 16 und Britzer Allee vor der Überwindung des letzten Sperrzaunes erschossen wurde.

"Diese Nacht hat uns alle ins Unglück gestürzt", sagt Andreas K., "es ist seither kein Tag vergangen, am dem ich nicht dran denken musste. Ich weiß, dass ich ihn nicht getroffen habe, aber ich seh' ihn immer noch mir liegen. Aber was hätten wir machen sollen? Unser Leben ist auch verpfuscht."

Alltägliche, realsozialistische Bahnen

Totschlag und versuchter Totschlag lautet jetzt vor dem Moabiter Schwurgericht in Berlin die Anklage gegen Andreas K. und die drei anderen ehemaligen Grenzsoldaten Peter S., Mike Sch. und Ingo H., die in jener Februarnacht den Fluchtversuch von Chris G. und dessen Freund Christian G. mit Waffengewalt verhindert hatten. Chris Gueffroy wurde durch einen Schuss ins Herz getötet, Christian G. am Fuß verletzt.

Das Leben des Andreas K. verlief bis zu diesem Zeitpunkt in alltäglichen realsozialistischen Bahnen. Kindergarten, Schule, Junge Pioniere, Freie Deutsche Jugend. Als er acht Jahre alt war, ließ die Mutter sich scheiden. Der Ex-Mann tauchte einfach weg. Zurück blieb eine Frau, die täglich von 7 bis 16 Uhr in einer Schuhfabrik arbeitete und abends bin in die Nacht hinein kellnerte, um ihre zwei Jungs groß zu kriegen. Die waren brav und halfen im Haushalt.

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Mehr zu Thema... ...finden Sie im stern-Sonderheft zum Mauerfall.

Seite 1: "Unser Leben ist verpfuscht"
Seite 2: Auf Menschen schießen?
Seite 3: Im Urlaub verhaftet
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