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9. November 2009, 11:32 Uhr

Der Arzt, der ins Wasser ging

Peter Döbler wollte raus aus der DDR. Der Arzt träumte davon, irgendwann einen Blauen Marlin zu fangen. Deshalb schwamm er, 45 Kilometer durch die Ostsee. Die Geschichte einer abenteuerlichen Flucht. Von Kerstin Herrnkind

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Der Strand von Kühlungsborn heute. Hier startete Peter Döbler im Juli 1971 seine Flucht© Bernd Wüstneck

Der 25. Juli 1971 ist ein malerischer Sommertag. Die Sonne sengt vom Himmel, erwärmt das Wasser der Ostsee auf 18 Grad. Von Südost weht ein leichter Wind. Seit Tagen sehnt Peter Döbler dieses "Kaiserwetter" herbei. Denn das Wetter ist überlebenswichtig für seinen Plan. Der 31-jährige Arzt aus Rostock will von Kühlungsborn in der DDR nach Fehmarn in die Bundesrepublik schwimmen. 45 Kilometer durch die Ostsee. Die Strecke ist über zehn Kilometer länger als der Ärmelkanal zwischen Dover und Calais. 26 Stunden muss er von Ost nach West in die Freiheit schwimmen, hat Peter Döbler sich ausgerechnet. Nur eine Wassertemperatur von mindestens 18 Grad schützt seinen Körper davor auszukühlen. Der Südostwind soll ihn in die Freiheit treiben.

Gegen 16.30 Uhr, als die meisten Badegäste ihre Sachen zusammenpacken und den Strand verlassen, geht Döbler ins Wasser. Seine Kleider versteckt er im Gebüsch. Seine Haut glänzt in der Sonne vom Fett der Vaseline, mit der sich der Arzt dick eingeschmiert hat. Unauffällig schmuggelt er ein Bündel ins Wasser. Darin hat Döbler seinen Taucheranzug, Bleigewichte, ein Röhrchen Schmerztabletten, Appetitzügler, Schokolade, Klebeband, einen aufblasbaren Schwimmring, einen Kompass und seine eingeschweißten Zeugnisse verstaut.

Der Arzt schwimmt zu einer Sandbank, versenkt das Bündel und beschwert es mit dem Bleigurt. Döbler hat seine Flucht in den vergangenen zwei Jahren generalstabsmäßig vorbereitet. Er hat Seekarten, die ihm Freunde aus der BRD mitgebracht haben, auswendig gelernt und sich meteorologische Kenntnisse angeeignet. Außerdem hat Döbler, der seit Kindesbeinen ein begeisterter Schwimmer und Angler ist, für seine Flucht in der Ostsee trainiert, lange Strecken zu schwimmen. Inzwischen ist er in der Lage, über 20 Stunden lang ohne Unterbrechung zu schwimmen. Sein Körper empfindet solche Touren nicht einmal mehr als Anstrengung.

Selbstgebastelte Schwimmflossen an den Händen

Der Arzt schwimmt eine Weile hin- und her, beobachtet den Strand, der sich langsam leert. Ab und an schlendern bewaffnete Einheiten den Strand entlang. Sie schöpfen keinen Verdacht. Einige kennen Döbler sogar vom Sehen. Denn er kommt oft zum Schwimmen und Angeln an den Strand im mecklenburgischen Kühlungsborn, 25 Kilometer von Rostock entfernt.

In einem unbeobachteten Moment taucht Döbler nach seinem Bündel und schlüpft in den Taucheranzug. Seine Habseligkeiten, darunter die eingeschweißten Zeugnisse, mit denen er hofft, drüben in der Bundesrepublik ein neues Leben anfangen zu können, versteckt er in seinem Bleigurt. Der Arzt schwimmt nach Norden, raus aus dem Blickfeld der Grenzsoldaten. Um nicht aufzufallen, krault er nicht. Seine Füße stecken in Schwimmflossen. Der Bleigürtel hält seinen Körper unter Wasser. An den Händen hat Döbler kellenartige Schwimmhilfen, die er sich selbst gebastelt hat.

Flucht aus einem unerträglichen Leben

Langsam versinkt die Sonne am Horizont. Die See ist ruhig. Gegen 22 Uhr - Döbler ist schon über fünf Stunden im Wasser - ändert er seinen Kurs, schwimmt Richtung Westen. Er summt Volkslieder, malt sich sein neues Leben in der Bundesrepublik aus. Das Leben in der DDR ist für ihn unerträglich. Fast hätte er - trotz eines Notendurchschnitts von 1,5 - nicht studieren dürfen, weil sein Vater Wirtschaftsprüfer war. Ein von der SED misstrauisch beäugter Beruf. Als der Vater jedoch an Speiseröhrenkrebs starb, wurde der Abiturient innerhalb weniger Wochen doch noch zum Medizinstudium zugelassen. "Ich war kein anderer Mensch geworden, durfte aber plötzlich studieren, weil mein Vater tot war."

Auch Döblers Ehe ist, wie er sagt, an der DDR gescheitert. "Die Behörden haben es fünf Jahre lang nicht geschafft, mir und meiner Frau eine gemeinsame Wohnung zuzuweisen." Am meisten aber stört ihn, dass er in der DDR eingesperrt ist, nicht reisen darf. Peter Döbler liebt das Buch: "Der alte Mann und das Meer" von Ernest Hemingway. Seitdem er die Novelle als Jugendlicher gelesen hat, träumt er davon, wie Hemingways Held, der Fischer Santiago, hinaus aufs Meer zu fahren und einen "Blue Marlin" zu fangen.

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