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5. Oktober 2009, 15:38 Uhr

Die Nacht, als alles ging

In diesen Stunden, von Mitternacht bis morgens fünf, gibt es rings um das Brandenburger Tor keine Autoritäten mehr. Nichts deutet darauf hin dass das Betonbauwerk vor uns die undurchlässigste Grenze der Welt gewesen ist. Gegen 3.30 Uhr wird es den Ost-Berliner Behörden zuviel. Ein grimmig dreinblickender DDR-Militär gibt Einsatzbefehl - aber nicht zur brutalen Räumung. In eher sanften Worten "bittet" er um Räumung des Platzes, um friedlichen Rückzug von Mauer und Tor. "Now please, go to the other side", sagt ein Grenzer zu einem amerikanischen Kamerateam - nachdem er sich den entsprechenden Satz aus einem Handbuch herausgesucht hat.

Die gestörte Ordnung im Grenzbereich

Und dann wird wieder deutsch geredet - aber in für DDR-Grenzorgane ungewöhnlich milder Tonlage. Ein Militärlastwagen mit fünf großen Lautsprechern rollt neben das Brandenburger Tor. Dann schallt es gen Westen: "Ich bitte Sie in Ihrem eigenen Interesse, bitte verlassen Sie..." Und dann folgt nach einer Pause "die Mauer!" Und "Im Interesse des Friedens" wird gebeten, die "Ordnung im Grenzbereich nicht zu stören".

Doch im Westen machen nun Krawallmacher und Trunkenbolde erst recht mobil. Flaschen fliegen und zersplittern im Osten. Die DDR-Grenzer werden durch neu ankommende Truppen in Kampfanzügen verstärkt. Die rücken - am Brandenburger Tor vorbei - langsam vor. Eine Gruppe ruft den Uniformierten höhnisch zu: "Weeer hat Egon Krenz gewääääählt..." Junge DDR'ler rufen zurück: "Weeer hat Helmut Kohl gewääääählt..." Alle lachen.

Pünktlich zum Dienstbeginn zurück

Da wird eine alte Dame von einem Schreikrampf gepackt. Weinend geht sie auf die Vopos zu. "Lasst mich doch einmal durchs Brandenburger Tor, nur einmal." Sie sei zu spät gekommen. Und das Unwahrscheinliche geschieht: Der Einsatzleiter der DDR-Truppen lässt die Greisin zum Ziel ihrer Wünsche führen.

"Bitte verlassen Sie den Pariser Platz", ruft der Kommandant der Grenztruppe. Die Vernunft siegt schließlich. Die Lage entspannt sich. Es ist fünf Uhr früh, und immer noch dunkel in beiden, kaum noch geteilten Hälften Berlins.

Als wir zwei Stunden später ins Ost-Berliner Hotel "Metropol" zurückkommen, blickt die blonde Serviererin Stephanie im Frühstücksraum in unsere übernächtigten Gesichter. Sie fragt, ob wir an der Grenze gewesen seien. "Ja, am Brandenburger Tor." "Toll", sagt sie, "ich war drüben am Ku'damm. Da war eine phantastische Party." Seit wann sie wieder hier sei? "Seit fünf Uhr morgens", sagt sie. "Ich war natürlich pünktlich zum Dienstbeginn zurück."

Erich Follath, Jürgen Petschull
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