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12. Oktober 2009, 14:36 Uhr

Aus dem Leben eines Dissidenten

"Das ist nie gewesen, das war niemals wahr. Nein, wir waren im Leben niemals in Gefahr. Aus den offnen Wunden fließt jetzt roter Wein, nur, die schon verblutet, können nicht verzeih'n. Könn' sich nicht besaufen an Vergesslichkeit, weil sie sich verletzten vor der rechten Zeit. Konnten halt nicht warten, ach du, das ist dumm: Was uns heut gesund macht, bracht uns gestern um."

Diesen Text singe ich in der Inszenierung "Staats-Sicherheiten" am Hans-Otto-Theater in Potsdam. Fünfzehn Menschen berichten über ihr Schicksal, das sich in einem Punkt trifft: Alle waren Häftlinge der Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Berlin-Hohenschönhausen. Die Vorstellungen sind ausverkauft. Zwei Stunden ist das Publikum gebannt. Stehende Ovationen sind die Regel. Ein Darsteller bekommt jedes Mal Applaus, wenn er bekennt, DDR-Nostalgie nicht ausstehen zu können. Die DDR war eine Oase der Sicherheiten. Es gab soziale Sicherheit, Staatssicherheit, sichere Arbeitsplätze. Sicher waren auch eine fundierte Ausbildung zum gelernten DDR-Bürger, alle daraus resultierenden Sicherheiten und perfekte Methoden, den Widerspenstigen das Leben zu etwas zu machen, das aus heutiger Sicht wie eine Parallelwelt wirkt. Mit ziemlicher Sicherheit hat das sich im Sicheren wähnende Volk weggeschaut, wenn jemand erwischt wurde, der die Sicherheiten nicht zu schätzen wusste.

Der gelernte DDR-Bürger wusste, wo er hin- oder wegschauen musste. Es gehört zur Grundausbildung jeder Diktatur. Dass die vielen von staatlicher Willkür betroffenen Opfer im Lebensgefühl des DDR-Bürgers keine Rolle spielte, spricht für die Präzision der diktatorischen Mittel. Zielsicher und verschwiegen wurde ausgesondert.

"Das Volk bekommt die Regierung, die es verdient", ist zwar ein zynischer Satz des Dichters Bertolt Brecht, weil er die zum Volk zählenden Opfer nicht berücksichtigt, doch generell, aus dem Blickwinkel der Statistik betrachtet, erklärt der Satz den nostalgischen Rauch über den Feuerstellen der Erinnerung. Das Gefühl der Zugehörigkeit zum großen Ganzen, das den sicheren DDR-Bürger in seinem Selbstbewusstsein getragen hat, gebiert einen Traum. Für das generelle Volk war das Leben im Kinderzimmer DDR wie geschaffen. Die Erwachsenen hatten die Verantwortung: Das kommt von oben - ein geflügeltes Wort.

Die zehn Gebote der sozialistischen Moral dienten der Vorbereitung auf ein Besseres. Man war darauf geeicht, die Zukunft werde eine positive Richtung einschlagen. Es gab keine andere Möglichkeit. Eine wirklichkeitsfremde Wahrnehmung - wie die der Schafe, die behütet werden, um ihnen vorzugaukeln, es gäbe keinen Wolf.

Im Sozialismus ist der Mensch nicht des Menschen Wolf. Dort tritt man an, weil man antreten will. Das Volk sehnt sich nach Entspannung, es will sich zu seiner Wirklichkeit nicht entgegen der Strömung empfinden. Es will keine Parallelwelt, es hat die Regierung, die es verdient, indem es sich einverstanden erklärt. Die Ideologie vom Besserwerden hatte sich an jene Stelle gesetzt, wo es besser gewesen wäre, zu handeln - Handeln im ethischen Sinne, nicht im Sinne von Handeln auf dem Markt. Und plötzlich, nach dem historischen Herbst, wurde es besser - plötzlich wurde gehandelt, doch nicht im ethischen Sinne, sondern im Sinne von Handeln auf dem Markt. Nach dem Erwachen aus der Wendeeuphorie kam der Traum von jener Zeit, als man nicht, im ethischen Sinne, handeln musste, weil sich die Ideologie vom Besserwerden an diese Stelle gesetzt hatte. Wer sich vor der herrschenden Meinung nicht verschloss, war im Besseren aufgehoben. Diese positive Grundstimmung des sozialistischen Menschen schreit nach Wiederholung. Er spürt im Traum den Phantomschmerz - seinem Selbst wurde etwas amputiert, was er nicht beschreiben kann, das aber noch weh tut, wahrscheinlich zwei Generationen lang - wenn die zurückgewandten Geschichten nicht auch noch die dritte und vierte Generation auf eine Parallelwelt der Hoffnung ohne Grund einschwören. Filme wie "Good bye, Lenin" oder "Das Leben der Anderen" liefern den Augenschmaus für ein Publikum, das sich seines Wegsehens nicht zu schämen braucht.

"Ich habe den Stasi nie als emotional erlebt"

"Das Leben der Anderen" ist an mir vorbeigegangen. Ich hatte von anderen gehört, wie toll, beeindruckend und emotional, berührend und sensibel dieser Film sein soll. Selbst schön wurde damit in Zusammenhang gebracht. Für einen Film ein außergewöhnliches Prädikat. Gewöhnlich kommen die Besucher mit einem "geil" auf den Lippen aus dem Kino.

Ich habe den Stasi zu keiner Gelegenheit als emotional erlebt. Dabei hätte er so viele Möglichkeiten dazu gehabt. Auf das Ehepaar Krawczyk/Klier waren 80 Spitzel angesetzt. Die Hauptamtlichen nicht mitgerechnet. Unsere Telefone wurden abgehört, die Post kontrolliert. Wir haben wichtige Dinge unter der Bettdecke besprochen oder sind spazieren gegangen, wie wir es nannten. "Wir müssen mal spazieren gehen." Meine Fahrerlaubnis hatte der Stasi kassiert. Freya musste fahren. Eines Tages, wir fuhren nach Dessau, schrie sie plötzlich auf und lenkte auf einen Brückenpfeiler zu. Im letzten Moment riss ich das Steuer herum. Eine Welle der Angst war durch sie hindurchgerollt. Sie konnte es sich nicht erklären. Bis heute kann sie kein Auto steuern. Damals in der DDR habe ich vom Beifahrersitz aus gelenkt. Immer eine Jacke überm Arm, damit die Männer im Auto dahinter keinen Wind davon bekamen. Sie hätten es ohne Erbarmen gegen uns gerichtet.

 
 
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