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5. Oktober 2009, 16:18 Uhr

Der Schießbefehl

Eine schriftliche Anweisung an die Truppen "rücksichtslos von der Schusswaffe Gebrauch zu machen", hat es nie gegeben. Das war den DDR-Machthabern zu riskant. Sie fürchteten, ertappt zu werden. Denn immer wieder türmten auch Soldaten, die als geheim eingestufte Dokumente mit nach "drüben" nahmen. Selbst die Dienstvorschrift 018/0/008 vom 5. August 1974 über den "Einsatz der Grenztruppen zur Sicherung der Staatsgrenze - Gebrauch der Schusswaffe" wurde deshalb nur in 3524 Exemplaren an höherrangige Offiziere verteilt. "Der Gebrauch der Schusswaffe", heißt es in dem Papier, "ist grundsätzlich mit "Halt! Grenzposten! Hände hoch!" anzukündigen. Wird der Aufforderung nicht Folge geleistet, ist ein Warnschuss abzugeben. Bleibt auch diese Warnung erfolglos, ist gezieltes Feuer zu führen." Darauf wurden die Grenzer gedrillt, unter anderem auf dem Bössel, einem Berg bei Suhl.

Wie ein Spiel, wie Sportunterricht

Dort ließen die Militärs Anfang der achtziger Jahre einen anderthalb Kilometer langen Grenzabschnitt originalgetreu nachbauen. "Es war wie ein Spiel, wie Sportunterricht", beschreibt ein Ex-Offiziersschüler die Unterrichtspraxis. Die Besten des Jahrgangs durften, gekleidet in schwarze Overalls, Republikflüchtlinge mimen. Von den Ausbildern bekamen sie Instruktionen, ob sie nach dem ersten Warnschuss stehen bleiben oder weiterlaufen sollten. Die Jäger hatten einen klaren Auftrag: den Flüchtling auf jeden Fall zu stellen, tot oder lebendig. Ganz realistisch, wie an der richtigen Grenze. Mit einem großen Unterschied: Auf dem Bössel schoss man mit Platzpatronen. Am Ende der makabren Inszenierung erhielten die Auszubildenden Noten. Der ehemalige Offiziersschüler: "Wenn es die Situation erforderte und du hast nicht geschossen, gab's eine Fünf. So hat man uns ein System eingeimpft, das sich im Ernstfall von alleine auslöst."

"Wenn ihr merkt, ihr kriegt ihn nicht mehr, dann haltet druff."

Mike Sch. musste im November 1987 zur Armee. Dass er zu den Grenztruppen kam, behagte ihm nicht, aber dagegen konnte er nichts machen. Stellungsbefehl war Stellungsbefehl. Als ihn ein Vorgesetzter fragte, ob er auf Menschen schießen könne, antwortete Mike Sch. ehrlich: "Ich weiß es nicht."

Auf dem Übungsplatz Germendorf lernte er das Ansprechen eines Grenzverletzers, das Zusammenziehen der Wachposten, die Festnahme. Geschossen wurde nur auf dem Schießstand, mit der Kalaschnikow, bei Tag, bei tief stehender Sonne, bei Dunkelheit, und Mike Sch. war ein ziemlich lausiger Schütze.

Nach einem halben Jahr wurde er nach Berlin-Treptow versetzt, zum Wacheschieben an der Mauer. Da lernte er, dass die nicht überall aus Beton bestand, sondern teilweise aus einem Metallgitterzaun. Und er lernte, was der Schießbefehl war - keine förmliche Anweisung, sondern ein Satz aus dem Mund des Vorgesetzten: "Wenn ihr merkt, ihr kriegt ihn nicht mehr, dann haltet druff."

Viel "Schwedt" für Nichtschießen

Natürlich haben sie sich im Kameradenkreis auch mal über das Schießen im "Ernstfall" unterhalten. Sie hofften alle, dann nur die Beine zu treffen. Aber sie wussten, dass das im Dunkeln und auf Entfernung und in der Aufregung sehr schwierig sein würde.

Und danebenschießen? Oder gar nicht schießen? Das wäre ein schwerer Verstoß gegen die Dienstvorschrift gewesen, bedroht mit Strafen. Das begann mit Tadel und endete mit "Schwedt". Der Name des Militärgefängnisses reichte als Abschreckung. Für Nichtschießen hätte es viel "Schwedt" gegeben. Jetzt müssen die Schützen mit einer Haftstrafe rechnen für eine Tat, die zu unterlassen sie noch vor zwei Jahren ins Gefängnis gebracht hätte.

"Wir mussten damit ganz allein fertig werden"

Während Mike Sch. seine inneren Qualen offenbart, blocken die anderen Schützen Ingo H., Andreas K. und Peter S. ab. Sie sind inzwischen, ebenso wie Sch. von der Berliner Kripo vernommen worden und schweigen lieber. K., ein schmaler Mann mit kurzen blonden Haaren, blafft nur: "Wollen Sie mich etwa belästigen"? Peter S., 26, Melker von Beruf, wirkt völlig niedergeschlagen und sagt nur 2 Sätze: "Am 9. November habe ich mir schon gedacht: Jetzt kann`s sehr böse kommen." Und: "Ich rechne mit dem Schlimmsten."

Ingo H., 25, Schreiner, wiederholt eine halbe Stunde lang stereotyp den einen Satz: "Ich sage dazu erst vor Gericht wieder was." Seine Frau steht neben ihm im Hausflur. Sie sagt leise: "Uns hat früher keiner gefragt, wie`s uns geht, und jetzt auch nicht. Wir mussten damit ganz allein fertig werden." Durch H.'s Kugel ist Chris G. vermutlich getötet worden.

 
 
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