Vor allem aber zeigen die vollständigen Dokumente, wie misstrauisch Gorbatschow zunächst gegenüber Helmut Kohl war. "Nicht gerade ein großer Intellektueller" lästerte er über ihn. Und wie wütend er auf Kohls Zehn-Punkte-Plan vom Dezember 1989 reagierte. Im engsten Beraterkreis hat Helmut Kohl Ende November den Plan ausarbeiten lassen, einen Fahrplan zur Einheit, den er selbst später als "Offensive" bezeichnen wird. Er hat noch nicht einmal Außenminister Genscher eingeweiht. Am 28. November 1989 verliest er den Plan im Bundestag. Gorbatschow ist entsetzt, fühlt sich übergangen, von Kohl regelrecht verraten, zitiert Genscher am 5. Dezember nach Moskau. "Kohl behandelt die Bürger in der DDR wie seine Untertanen", tobt er. "Das ist erzreaktionärer Revanchismus!" Er habe Genscher die Leviten gelesen, berichtet Gorbatschow einen Tag später Francois Mitterrand mit gewisser Genugtuung: "Kohls Thesen sind ein Diktat." Mitterrand: "So direkt haben Sie das gesagt? Diktat - das ist ja ein deutsches Wort".
Gorbatschow: "Ich wurde noch viel deutlicher. Ich habe Genscher gesagt: So zerstört man alles, was bislang erreicht wurde. Ob er wisse, wie so ein Verhalten genannt wird? Provinzielle Politik." So benehme sich "ein Elefant im Porzellanladen". Und sein Außenminister Eduard Schewardnadse, so Gorbi, hatte für Kohl sogar den schlimmsten aller Vergleiche parat: "Noch nicht einmal Hitler redete immer in so einem Ton." Zu peinlich mag ihm später der Vergleich erschienen sein - er wurde aus dem Original gestrichen.
Aber längst lösten sich Osteuropa, die Sowjetunion auf. In der aufsässigen Ukraine malten die Menschen Poster: "Kohl - Ja. Gorbatschow - Nein." In Moskau machte ihm ein gewisser Boris Jelzin die Macht streitig. Im Land wurden Lebensmittel knapp, man musste im Westen um Hilfe betteln.
Die wirtschaftliche Lage in der DDR war ohnehin katastrophal. Wenige Monate nach dem Fall der Mauer war klar: Die Wiedervereinigung war nicht mehr zu verhindern. Selbst seinen anfänglich eisernen Widerstand gegen die Mitgliedschaft Deutschlands in der Nato gab Gorbatschow überraschend auf, als er sich Ende Mai 1990 mit US-Präsident Bush in Washington traf. Zu diesem Zeitpunkt hörte auch Margaret Thatcher auf, öffentlich gegen Kohl zu kämpfen - auch, wenn sie sich böser Kommentare nie ganz enthalten konnte, wie ihr Außenminister Douglas Hurd notierte: "Immerhin gibt es inzwischen nicht mehr täglich die Tiraden gegen Deutschland."
Von nun an ging es nur noch um den Preis der Wiedervereinigung. Noch stehen 400.000 sowjetische Soldaten in der DDR, sie sind Gorbatschows letzter Trumpf. Ein Telefonat mit Kohl, am 7. September 1990, es ist das erste Gespräch nach dem sensationellen Einheits-Gipfel im Kaukasus.
Es geht ums Geld. Die Deutschen sollen für den Abzug der sowjetischen Truppen zahlen. Kohl bietet ihm acht Milliarden Mark an. Gorbatschow reagiert stinksauer: "Das zerstört buchstäblich alles, was bislang erreicht wurde." Er fordert 16 Milliarden Mark. Schließlich bekommt er zwölf, dazu drei Milliarden an zinslosem Kredit.
Aber die Sowjetunion ist so pleite, dass ein Teil des Geldes sofort her muss. Nur wenig später trifft sich Gorbatschow mit Genscher. "Wir brauchen finanzielle Soforthilfe", sagt er unverblümt. Zwei Milliarden. Eine von den Deutschen. Die zweite Milliarde solle aus dem Nahen Osten kommen - offenbar von den letzten dort verbliebenen Verbündeten wie Saddam Hussein. Gorbatschow, weiß, wie erniedrigend diese Bettelei ist. Er bittet Genscher um strengste Vertraulichkeit. "Wir wollen niemanden erschrecken." Es ist ein letztes Aufbäumen. Nur drei Monate später gibt es die Sowjetunion nicht mehr.