Es antwortet Bildungsforscher Klaus Klemm: "Das ist falsch. Die Leistungsanforderungen insbesondere in den Kernfächern sind in Deutschland sehr hoch. Wir haben ein Zentralabitur eingeführt, und wir haben in den vergangenen Jahren an verschiedenen Stellen die Leistungsanforderungen verschärft. Immerhin bleiben in Deutschland jährlich eine Viertel Million Schüler sitzen, weil sie die Leistung nicht erbringen. Das kann kein Zeichen dafür sein, dass wir Bildungsleistungen nicht schätzen.
Und eine Diskussion um die Abschaffung von Noten sehe ich überhaupt nicht. Es gibt in einzelnen Bundesländern in den ersten beiden Schuljahren anstelle von Ziffernnoten so genannte Textnoten. Ich kenne jedoch keine weiterführende Schule in Deutschland, in der keine Noten vergeben werden, geschweige denn ein Bundesland, das über eine Abschaffung nachdenkt.
Eine Einheitsschule, so wie sie Herr Westerwelle nennt, führt auch in vielen Ländern zu Spitzenleistungen. Finnland kennt noch nicht einmal eine Förderschule, und das Land landet regelmäßig auf den vordersten Plätzen in den Pisa-Studien. In allen skandinavischen Ländern bleiben die Schüler bis zur neunten Klasse zusammen. Gleiches gilt für Frankreich, die USA und zum großen Teil auch für Großbritannien. Nur in Deutschland wird schon sehr frühzeitig auf Grund erbrachter Leistungen selektiert und das ist keinesfalls immer die richtige Entscheidung."
Fazit: Westerwelle verzerrt die Leistungsanforderungen im deutschen Bildungssystem und unterschlägt die Vorteile von Gesamtschulen.
Bei uns wird Leistung schon im Bildungssystem gering geschätzt. Wir debattieren Einheitsschulen und das Ende der Notengebung.
Zur Person Klaus Klemm ist em. Professor für Bildungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Bildungsforschung/ Bildungsplanung an der Universität Duisburg-Essen.