
Das Machtspiel hat sie als "Mädchen" beim Altmeister gelernt, heute übertrifft sie ihn: Angela Merkel mit Helmut Kohl bei der Zehnjahresfeier der deutschen Einheit© Jose Giribas
Anders als im Küchenkabinett des Dr. Kohl, in dem offen geredet wurde, kennt Merkel auch im kleineren Kreis kein rückhaltloses Vertrauen. Voll informiert über ihre Gedanken sind außer Büroleiterin Baumann allenfalls CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer, Volker Kauder und ihre Sprecherin Eva Christiansen. Nie setzt sie sich dem Risiko einer ergebnisoffenen Diskussion aus. Oder wie Althaus rühmt: "Sie macht keine Rechnung auf, deren Ergebnis sie nicht kennt." Deshalb durfte Schäuble nicht Präsidentschaftskandidat werden - viel zu unsicher.
Das Machtsystem Merkel drittens: Es ist zuweilen schwerer erträglich als jenes des Helmut Kohl. Weshalb nur hat sie zugelassen, dass der Bundesversammlung einmal mehr Hans Filbinger als Wahlmann präsentiert wurde, ein Relikt der rechtsnationalen Welt, zu der Kohl immer Distanz gehalten hat? Ein Kinderspiel wäre es gewesen, ihn über Kauder, immerhin Generalsekretär der baden-württembergischen CDU, zu verhindern. Welcher Sinn liegt darin, Martin Hohmann aus der CDU zu feuern, Filbinger, den "furchtbaren Juristen" (Rolf Hochhuth), aber zu tolerieren? Kein Zufall, sagen Merkel-Kenner.
Da kehrt er zurück, der alte Vorwurf, sie taktiere zu viel und akzeptiere im Kampf um Mehrheiten und Macht jedweden Verbündeten. Und könnte sie, so gesehen, Hohmann nicht aus Überzeugung, sondern allein aus taktischen Gründen nur deshalb so fix abgehalftert haben, damit sich die konservativen Hinterbänkler in der Fraktion künftig vor der "Schwarzen Witwe" in Acht nehmen? "Jeder fragt sich jetzt", so amüsierte sie sich mal vor Ohrenzeugen, "ob er der Nächste ist, den die kalte Hundeschnauze Merkel absägt."
In der Wahl des richtigen Zeitpunkts für die jeweils maximal nützliche politische Aktion ist sie allen in der Union überlegen. Monatelang vorgeplant war ihre Reformrede ("Quo vadis Deutschland"), mit der sie im vergangenen Oktober die "zweiten Gründerjahre" der Republik ausrief: Systemrevolution in der Krankenversicherung, Radikalkur des Steuersystems, Neuordnung der Arbeitswelt. Die Unionsschwester CSU und deren Chef Edmund Stoiber hat sie damit programmatisch kalt erwischt. Getreu ihrer Strategie: "Man muss die Dinge in der CDU festzurren, ehe man sie mit der CSU festmacht."
Merkel arbeitet nicht nach der Methode: Problem erkannt, Problem analysiert, Problem gelöst. Sie denkt vom Ende her: Welches Ergebnis ist mein Ziel? Das hat sie von Kohl übernommen: Auch den interessierte nur, "was hinten rauskommt". Unterm Strich aber setzt sie diese Methode effektvoller ein als der Pfälzer. Nämlich kühl kalkuliert.
Kohl pflegte die Nähe mit Zirkeln parteigängiger Journalisten, etwa dem CDU-nahen "Ruderclub", um das publizistische Umfeld seiner Politik zu pflegen und Sprachregelungen zu transportieren. Mit den etwa gleichaltrigen Journalisten kumpelte er herum, traktierte sie auf Ausflügen in die Pfalz mit Weck, Wurscht und Woi.
Merkel pflegt ihr Beziehungsgeflecht mit den Frauen der mächtigsten Medienkonzerne der Republik, deren Nähe sie genießt. Und sie bereitet weitere womöglich nützliche Allianzen vor. Mit Margarita Mathiopoulos, der Unternehmensberaterin und gescheiterten Sprecherin Willy Brandts, saß sie dieser Tage zu Tisch, als die ihren Geburtstag feierte. Dabei: Köhler, Guido Westerwelle ("Er soll wissen, dass er in der Bedrängnis auf mich zählen kann"), der neue Springer-Chefredakteur Christoph Keese ("Welt am Sonntag") und der amtierende Redaktionsleiter Claus Strunz ("Bild am Sonntag").