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8. Juli 2008, 15:02 Uhr

"Asse ist ein Fall fürs Bundeskriminalamt"

Noch holt sich Adolf Holze, 70, Wasser aus einer Quelle in der Asse, seine Frau trinkt es nicht mehr© Bernd Schoenberger/GSP

Die tiefsten Sohlen des Bergwerks werden bereits mit Magnesiumchloridlösung gefüllt, die der eindringenden Lauge zuvorkommen soll. Überall werden Betonpfropfen gegossen, um die Strömung zu lenken. Chemische Reaktionen sollen zum Einsturz der Kammern und Stollen führen und sie so am Ende stabilisieren. Dass sich dabei auch die Verpackung des Atommülls auflösen wird, gilt als sicher, ebenso, dass die Brühe unter dem Druck des nachgebenden Berges mindestens auf den gleichen Wegen in das Deckgebirge gepresst wird, durch die heute Wasser eindringt. "Es wird Radioaktivität austreten", sagt Hensel, "so oder so." Wie viel? Wann? Wie gefährlich? Darüber streiten die Gelehrten noch. Das Helmholtz Zentrum hofft, dass es etwas länger dauert als 150 Jahre, wie es das Bundesamt für Strahlenschutz nach Prüfung der Asse-Pläne als Minimum errechnet hat. Erst dann würden in der Umgebung schädliche Grenzen überschritten.

Es gibt bisher keine Erfahrungen mit der feuchten Stilllegung von atomaren Endlagern. Es ist ein Versuch, so wie die ganze Asse einer war. An Fischen und Hühnern wurde hier unter Tage getestet, wie effektiv das Steinsalz Strahlung abschirmt. Nun sind die Menschen über Tage dran. Eine Task Force aus Experten soll die Risiken der Flutung bis Ende des Jahres noch einmal prüfen. Die Zeit drängt. Geld, so heißt es aus der Politik, spielt angeblich keine Rolle. Am Ende vertrauen alle nur der alten Bergmannsweisheit, nach der es "vor der Hacke immer duster ist". Erst der nächste Hieb schafft Klarheit - die Anwohner beruhigt das kaum.

Für Besucher zu gefährlich

Bis vor Kurzem bestand die gruselige Hauptattraktion für Besuchergruppen noch aus dem Blick durch ein Bleiglasfenster auf einen wüsten Haufen gelber Fässer mit mittelaktivem Abfall. Regelmäßig waren auch Kinder aus Tschernobyl da, die sich in der Nähe von den Folgen ihrer Cäsium-137-verseuchten Heimat erholen und mal anschauen durften, wie umsichtig Deutschland mit der Gefahr umgeht. Neuerdings, so heißt es, ist der Radladerverkehr auf den Sohlen in 500 Meter Tiefe für Besucher zu gefährlich. Hinweisschilder zum neuen Besucherzentrum sind vorerst mit schwarzem Band zugeklebt.

Der ehemalige Lehrer Walter Randig aus Groß Vahlberg kann sich noch gut an seinen letzten Besuch im Bergwerk erinnern. Der ist rund 40 Jahre her. Das Salzbergwerk wurde gerade an die Gesellschaft für Strahlenforschung verkauft, und ein erfahrener Obersteiger schüttelte über die Wissenschaftler nur den Kopf. "Wir kämpfen schon seit Jahren gegen Wasser", habe der gesagt und prophezeit, der Schacht werde eines Tages genauso absaufen wie Asse I und III im selben Salzstock vor ihm.

Daraufhin klagte der Dorflehrer gemeinsam mit einem Bäcker, einem Landwirt und zwei anderen Männern gegen den Atommüll in ihrer Nachbarschaft. Er bekam dafür Prügel angedroht, aber verhinderte so in den 70er Jahren immerhin die Einlagerung von 100.000 Brennelementen aus dem Versuchsreaktor Jülich.

Heute ist Walter Randig 86, kümmert sich im Garten um seltene Mittelmeerpflanzen und könnte sich damit begnügen, dass er schon immer alles gewusst hat. Doch das wäre zu wenig. "Die Asse", sagt er, "ist ein Fall fürs Bundeskriminalamt."

Tatsächlich belegen die alten Gerichtsakten, wie von Anfang versucht wurde, sich um ein Planfeststellungsverfahren oder die hoheitliche Aufsicht des Bundes zu mogeln. Immer wieder betont der Betreiber da, die Rückholung der Abfälle sei "prinzipiell nicht ausgeschlossen", um den Status als Versuchsendlager zu wahren. Professoren behaupteten gar, die Anlage sei "vollkommen dicht und trocken", obwohl Papiere der Bundesregierung schon damals vor Wasser "aus grundwasserführenden Schichten" warnen und sogar über das Laugenvorkommen auf der 750-Meter- Sohle berichten. Genau dort, wo heute die Pfütze mit dem unerklärlich hohen Cäsiumgehalt ist.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 28/2008

Mitarbeit: Wolfgang Metzner
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KOMMENTARE (10 von 18)
 
TschiTschi (13.07.2008, 11:21 Uhr)
Eine Bitte an stern.tv
Bitte führen Sie ein Interview mit unserer Bundeskanzlerin an jenem besagten Salzsee, wo sie ihre bisherigen Aussagen "Atomstrom ist eine Umwelt freundliche Energieform" etc. wiederholt. Und geben Sie - nach Ausstrahlung bei Herrn Jauch - SPD, Grünen und CDU/CSU das Verwertungsrecht zur Verwendung als Wahlkampfspot. Mal sehen, wer davon Gebrauch macht!
johnniedeamonic (13.07.2008, 11:16 Uhr)
folgende Situation....
Da wurde ein Weg zur Energiegewinnung gefunden der viel viel erfolgsversprechender ist als alle anderen, der einzige Nachteil ist das die Entprodukte (Hochradioaktiv sind /sprich sie verseuchen das Land und lassen euren Kindern Tumore wachsen und verändern das Erbmaterial)
Hört sich schlimm an ist es aber nicht,
der Planet ist groß, wir haben Wüstenregionen in denen bei Durchschnittstemperaturen vo 65-75ºC im Sommer selbst die meisten Bakterienarten zugrunde gehen, es gibt also 100. Orte an denen man den Müll, abseits von Mensch und Natur einlagern könnte und das über 1000ende von Jahren, klingt gut oder?
Nachstes Problem, jetzt kommt Politik ins Spiel,
Das Lagern egal von was auch immer ist Teuer, also holt man sich Investoren ins Boot, Leute zwar die von tuten und blasen keine Ahnung haben aber die erforderlichen Gelder rausrücken würden wenn man sie nur genügend beteiligt, klingt auch noch ganz gut oder?
Leider gibt es bei soetwas immerncoh die Kosten an die niemand denkt,Wartung der Anlagen, Instanthaltung der Lagerbehälter, Gesundheitsversorgung des Pesonals usw...
Alles Kosten die man natürlch einfac SParen kann, man veröffentlicht oder kauft sich Studien und Berichte die der breiten Masse erklären es wäre garnciht nötig das man sich besonders um den Müll kümmert,
es sei sicherer den Kram einfach in Fässern 100 Metern unter dem Boden in irgendeinem alten Bergwerk zu verbuddeln,
und die Leute die sich wegen Geldmangels eben die Gauer von denen ich grade Sprach an Board geholt haben und nun langsam merken das irgendetwas gewaltig schief geht unternehmen nichts, wieso auch ma hofft eben das dies alles erst passiert wenn man damit eh nichtsmehr zutuen hat, oder nochbesser Hoffnung, die Leute hoffen das nichts passieren wird, den im Endeffekt benutze ja alle die gleichen Methoden wie man selbst und nie pasiert etwas, man könnte ja das Glück haben.
....usw und sofort...
habs schonmal gesagt und kan es nur wiederholen,
das einzige was die ganze Geschichte noch absurder macht ist das unsere Spinner aus Politik,Energielobbys und korrupten Gewerkschaften als wiederliche Kakerlaken die sie ja nunmal sind, den atomaren Winter auf den sie so begeistert zuarbeiten sogar überleben werden....
bob-der-meister (13.07.2008, 10:57 Uhr)
Wer "billigen" Atomstrom will...
...der sollte sich auch an den Entsorgungskosten beteiligen. Warum soll der Steuerzahler für all die Milliarden geradestehen, mit denen diese unausgegorene Form der Stromerzeugung indirekt subventioniert wird?
Die Energiekonzerne streuen mal wieder das Gerücht, mit längeren Laufzeiten gäbe es günstigeren Strom. Und das mit dem strahlenden Müll würden vielleicht ja irgendwann mal irgendwelche Ingenieure in den Griff kriegen. Das ist natürlich totaler Blödsinn, aber es glauben ja auch viele an den Weihnachtsmann.
Derweil lohnt sich die Spekulation auf Energiewerte, während der Normalverbraucher seine Rechnung nicht mehr bezahlen kann.
Ich halte massive staatliche Eingriffe in diesen angeblich liberalisierten Markt für dringend geboten!!!
seelenflieger (13.07.2008, 10:16 Uhr)
Super-GAU
@senf-dazu-geben
1. Der Begriff Super-GAU wird in diesem Artikel rein metaphorisch verwendet (Metapher = rhetorisches Stilmittel).
2. Aus technischer Sicht gibt es sehr wohl einen Unterschied zwischen einem GAU und einem Super-GAU. Einfach mal ein bisschen im Internet recherchieren.
Und bitte unterlassen Sie in Zukunft solch populistischen Wörter wie "Boulevard-Shit". Danke.
le_roi (13.07.2008, 09:49 Uhr)
Das alles erschalgende Argument gegen Kernkraftt zur Energiegewinnung!!
"Künstliche Radionuklide (Kernkraftwerk) mit großen physikalischen Halbwertszeiten stellen eine besondere Gefahr dar, sie müssen Zehntausende von Jahren mit größter Sorgfalt von der Umwelt ferngehalten werden." (aus Umweltlexikon-Online.de)
flyingfree (13.07.2008, 02:04 Uhr)
Atomenergie ist sicher
Die zahlreichen Atomstromfanatiker sollten den strahlenden Mist per Handarbeit in Ordnung bringen. Es wäre ihnen gegönnt. Das Problem ist nur: So ein Ereignis kann niemand jemals in Ordnung bringen.
Aber ihr seid noch immer für Laufzeitverlängerung aufgrund vermeintlich billigen Atomstroms, angeblich sicherer Technologie, "sauberer" Luft und der ganzen Märchen die euch erzählt werden, und die ihr mir erzählt, oder?
senf-dazu-geben (13.07.2008, 01:49 Uhr)
Der optimalste Super-GAU?
Bei allem Verständnis für Ihren Artikel, dessen Tenor ich teile... aber: bitte vermeiden Sie populistische Wörter wie "Super-GAU", denn solche Worte sind Boulevard-Shit. GAU heißt: Größter anzunehmender Unfall. Einen Unfall, der größer als der größte anzunehmende Unfall ist, gibt es nicht. Danke.
herrlehmann (13.07.2008, 01:13 Uhr)
so schön war die zeit
Habe seinerzeit als Schüler (ca. 1992) mal ein Referat über AKW halten müssen. War total prima aber auf die Frage nach der Entsorgung des anfallenden stahlenden Abfalls hatten weder ich noch das Plenum oder der Lehrer eine befriedigende Antwort. Daran hat sich bis heute - soweit ich das beurteilen kann - nichts geändert, oder?
Xyr2 (13.07.2008, 00:47 Uhr)
aja..
das sind natürlich ganz neue nachrichten... schade dass der stern auch nur dem medien-mainstream hinterherhinkt. ok aber was erwarte ich auch :/
horst.pachulke (12.07.2008, 22:30 Uhr)
Das ist doch nur die Spitze des Eisberges.
Oder denken Sie wirklich, AKW's wären zu den heutigen "Kampfpreisen" zu betreiben, wenn auf jedes Gramm radioaktives Material geachtet würde? Ganz davon abgesehen, dass es schlicht unmöglich ist, die Herstellungs-, Betriebs- und Lagerstätten absolut "dicht" zu bekommen. Ein bisschen "Schwund" ist da immer - Schwund, der sich in den Nahrungsketten akkumuliert. Guten Appetit, nebenbei, denn dort akkumuliert sich so manches.
.
[sarcasm] Überhaupt ist mir unbegreiflich, was das Problem ist, wenn in 150 Jahren größere Mengen radioaktives Material in das Grundwasser und damit in die Menschen gelangt. Sie sterben dann zwar früher - aber ihnen wird genau damit viel Leid erspart. Think positive! [/sarcasm]
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