
Noch holt sich Adolf Holze, 70, Wasser aus einer Quelle in der Asse, seine Frau trinkt es nicht mehr© Bernd Schoenberger/GSP
Die tiefsten Sohlen des Bergwerks werden bereits mit Magnesiumchloridlösung gefüllt, die der eindringenden Lauge zuvorkommen soll. Überall werden Betonpfropfen gegossen, um die Strömung zu lenken. Chemische Reaktionen sollen zum Einsturz der Kammern und Stollen führen und sie so am Ende stabilisieren. Dass sich dabei auch die Verpackung des Atommülls auflösen wird, gilt als sicher, ebenso, dass die Brühe unter dem Druck des nachgebenden Berges mindestens auf den gleichen Wegen in das Deckgebirge gepresst wird, durch die heute Wasser eindringt. "Es wird Radioaktivität austreten", sagt Hensel, "so oder so." Wie viel? Wann? Wie gefährlich? Darüber streiten die Gelehrten noch. Das Helmholtz Zentrum hofft, dass es etwas länger dauert als 150 Jahre, wie es das Bundesamt für Strahlenschutz nach Prüfung der Asse-Pläne als Minimum errechnet hat. Erst dann würden in der Umgebung schädliche Grenzen überschritten.
Es gibt bisher keine Erfahrungen mit der feuchten Stilllegung von atomaren Endlagern. Es ist ein Versuch, so wie die ganze Asse einer war. An Fischen und Hühnern wurde hier unter Tage getestet, wie effektiv das Steinsalz Strahlung abschirmt. Nun sind die Menschen über Tage dran. Eine Task Force aus Experten soll die Risiken der Flutung bis Ende des Jahres noch einmal prüfen. Die Zeit drängt. Geld, so heißt es aus der Politik, spielt angeblich keine Rolle. Am Ende vertrauen alle nur der alten Bergmannsweisheit, nach der es "vor der Hacke immer duster ist". Erst der nächste Hieb schafft Klarheit - die Anwohner beruhigt das kaum.
Bis vor Kurzem bestand die gruselige Hauptattraktion für Besuchergruppen noch aus dem Blick durch ein Bleiglasfenster auf einen wüsten Haufen gelber Fässer mit mittelaktivem Abfall. Regelmäßig waren auch Kinder aus Tschernobyl da, die sich in der Nähe von den Folgen ihrer Cäsium-137-verseuchten Heimat erholen und mal anschauen durften, wie umsichtig Deutschland mit der Gefahr umgeht. Neuerdings, so heißt es, ist der Radladerverkehr auf den Sohlen in 500 Meter Tiefe für Besucher zu gefährlich. Hinweisschilder zum neuen Besucherzentrum sind vorerst mit schwarzem Band zugeklebt.
Der ehemalige Lehrer Walter Randig aus Groß Vahlberg kann sich noch gut an seinen letzten Besuch im Bergwerk erinnern. Der ist rund 40 Jahre her. Das Salzbergwerk wurde gerade an die Gesellschaft für Strahlenforschung verkauft, und ein erfahrener Obersteiger schüttelte über die Wissenschaftler nur den Kopf. "Wir kämpfen schon seit Jahren gegen Wasser", habe der gesagt und prophezeit, der Schacht werde eines Tages genauso absaufen wie Asse I und III im selben Salzstock vor ihm.
Daraufhin klagte der Dorflehrer gemeinsam mit einem Bäcker, einem Landwirt und zwei anderen Männern gegen den Atommüll in ihrer Nachbarschaft. Er bekam dafür Prügel angedroht, aber verhinderte so in den 70er Jahren immerhin die Einlagerung von 100.000 Brennelementen aus dem Versuchsreaktor Jülich.
Heute ist Walter Randig 86, kümmert sich im Garten um seltene Mittelmeerpflanzen und könnte sich damit begnügen, dass er schon immer alles gewusst hat. Doch das wäre zu wenig. "Die Asse", sagt er, "ist ein Fall fürs Bundeskriminalamt."
Tatsächlich belegen die alten Gerichtsakten, wie von Anfang versucht wurde, sich um ein Planfeststellungsverfahren oder die hoheitliche Aufsicht des Bundes zu mogeln. Immer wieder betont der Betreiber da, die Rückholung der Abfälle sei "prinzipiell nicht ausgeschlossen", um den Status als Versuchsendlager zu wahren. Professoren behaupteten gar, die Anlage sei "vollkommen dicht und trocken", obwohl Papiere der Bundesregierung schon damals vor Wasser "aus grundwasserführenden Schichten" warnen und sogar über das Laugenvorkommen auf der 750-Meter- Sohle berichten. Genau dort, wo heute die Pfütze mit dem unerklärlich hohen Cäsiumgehalt ist.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 28/2008