
Die Mügelner schimpfen über die Medien, die ihren Ort "zum Nazi-Dorf machen wollen". Und über die Politiker da oben, die sie bislang im Stich gelassen haben, wie sie sagen, und sich nun zu Wort melden, die Bundeskanzlerin zum Beispiel© Martin Jehnichen
Um 2.05 Uhr werden weitere Kräfte angefordert, die Männer tragen Helme und kugelsichere Westen, sie kommen mit Schäferhunden, 70 Mann. Sie kämpfen sich durch die Pizzeria , mit Knüppeln und Pfefferspray. Sie werden beworfen mit Flaschen und Bierbänken, von rechten wie von linken Jugendlichen, die Polizei ist nun der Feind. Um 2.50 Uhr meldet sich der Einsatzleiter, die Lage sei unter Kontrolle. Die Inder werden zur Wache in den Nachbarort gebracht. Am Morgen danach, es ist Sonntag, geht Bürgermeister Gotthard Deuse um zehn ins Rathaus. Er eröffnet die "Mügelner Augenblicke", eine Ausstellung mit schönen Fotos aus der Stadt. Die Stadtreinigung hat die Straßen sauber gekehrt. Um elf ist der Frühschoppen im Zelt, mit den Kemmlitzer & Jahnataler Blasmusikanten. Das Altstadtfest geht weiter. Am nächsten Tag ist der Marktplatz voller Kameras. Der Bürgermeister sitzt in seinem Büro, hinter ihm im Regal Meyers Konversationslexikon aus dem Jahr 1895. Gotthard Deuse sagt, das, was geschehen ist, tue ihm unheimlich leid. Er sagt, es war ein fremdenfeindlicher Überfall, aber kein rechtsextremer. Das ist ihm wichtig. Er sagt es ständig in den Interviews, manchmal stellt er sich dabei ungeschickt an. "Ausländer raus, das kann einem doch mal über die Lippen kommen" zitieren ihn die Zeitungen. Und wenn man ihn fragt, warum er das Stadtfest nicht abbrechen ließ, sagt Gotthard Deuse, "ich wollte beweisen, dass wir Mügelner ein ganz anderes Völkchen sind und wir auch unter diesen Umständen noch feiern können".
In Mügeln gebe es keine rechten Kameradschaften, sagt der Bürgermeister, und keine Neonazis. Dafür eine Sozialpädagogin, die sich gut auskennt, die über "Rechtsextremismus in Sachsen" geschrieben hat, es war das Thema ihrer Abschlussarbeit. Und dann gibt es noch die Geschichte von damals, als der Bürgermeister zwei Neonazis vom Parkfest verjagte, "ich habe ihnen eine gescheuert". Er erzählt sie gern, diese Geschichte. Im Ort erzählt man sich auch andere Geschichten, man hört zum Beispiel im Räuberkeller, der Gaststätte im Rathaus. Sie handeln von indischen Textilhändlern , die Frauen begrapschen und ihnen hinterherpfeifen. Die ständig telefonieren und hässliche Klingeltöne haben, "die sich irgendwie orientalisch anhören und viel zu laut sind". Und sie enden oft mit dem Satz, "ohne Ausländer würde es uns besser gehen". Zurzeit aber schimpfen Mügelner vor allem über die Medien, die ihren Ort "zum Nazi-Dorf machen wollen". Und über die Politiker da oben, die sie bislang im Stich gelassen haben, wie sie sagen, und sich nun zu Wort melden, die Bundeskanzlerin zum Beispiel.
Während die politische Bewertung schon längst stattgefunden hat, sucht die Polizei noch immer Zeugen, doch das ist nicht einfach in einer Stadt, in der man sich kennt. Friederike Friede ruft bei der Lokalzeitung an und erzählt, was sie an dem Abend gesehen hat. Zum Beispiel, dass drei Inder einen Deutschen traktiert haben. Der Artikel erscheint, und einen Tag später bekommt sie einen Anruf. Es ist die NPD, man wolle sich für ihren Mut bedanken und werde sich erkenntlich zeigen. Friederike Friede rätselt bis heute, woher die rechtsextremen ihre Handynummer hatten.
An der Pizzeria von Amarjeet erinnert nur noch eine Holzverschalung an jene Nacht, Bretter, mit denen er die Tür notdürftig reparierte. Er hat seinen Laden gleich wieder aufgemacht, doch er merkt, es kommen weniger, es ist nicht mehr so wie früher. Der Bürgermeister kommt vorbei, mit einem Pfarrer und einem Bundestagsabgeordneten der CDU. Er überreicht einen Blumenstrauß und sagt: "Wenn was ist, kommen sie vorbei, das Rathaus ist ja gegenüber." Die Bürger stellen Kerzen vor dem Imbissladen auf, gelbe und weiße. Am Abend sind sie dann abgebrannt, der Asphalt ist voller Wachs. Die Kellnerin will den Gehweg sauber machen. Siw holt einen Spachtel, bückt sich und kratzt. Er geht schlecht weg, der Dreck.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 36/2007