
Am 30. Juni 1988 weihten die Traditionalisten vier Bischöfe, darunter Richard Williamson (4. v. l.) - gegen den Willen des Papstes© Picture-Alliance/DPA
Darum wäre es eine wenigstens intellektuelle Beleidigung Benedikts, wollte man ihm unterstellen, er sei mit dem Gedankengut der Piusbrüder nicht vertraut. Als fleißig arbeitender oberster Glaubenswächter war deren Studium über viele Jahre eine seiner Aufgaben. Und es braucht keine Kenntnis des Williamson-Interviews, um antijüdische Tendenzen unter ihnen auszumachen. Das Bild von den verfluchten "Gottesmördern" ist dort noch nicht sehr verblasst. Und dass die Bekehrung der Juden zum Christentum notwendig sei, findet sich auch im neuesten Mitteilungsblatt der deutschen Sektion: "Alsdann wird Israel gerettet werden."
So sehen das auch die Petrusbüder, die nie auch nur im Verdacht der Exkommunikation waren, weil sie 1988 rechtzeitig unter das schützende Dach der römischen Kirche gezogen sind. Auch sie feiern im alten Ritus, auch sie haben mit "Basisgemeinden", Ökumene und Religionsfreiheit nichts im Sinn, solange nicht klar ist, dass es keine zwei Wahrheiten und auch nicht mehrere Weltenretter nebeneinander geben kann. "Problematisch ist es daher nicht, die Bekehrung der Juden zu ihrem wahren und einzigen Erlöser zu erbitten", verkündet folgerichtig Petrusbuder Bernward Deneke, "problematisch wäre es vielmehr, sie nicht zu erbitten."
Im allgäuischen Wigratzbad, wo die Petrusbrüder ihren Hauptsitz haben, hat Joseph Ratzinger schon 1990 die nach altem Ritus vorgeschriebenen Pontifikalhandschuhe übergestreift und gepredigt: "Wir können den Glauben selbst nur bewahren, indem wir ihn anderen geben."
Dabei aber sieht der Papst sich und seine Kirche mindestens ebenso stark der "Welt" gegenüber wie in ihr zugegen. "Anstatt dem Zeitgeist zu folgen, müssten gerade wir ihm von Neuem mit evangelischem Ernst entgegentreten. Wir haben den Sinn dafür verloren, dass Christen nicht wie ‚jedermann‘ leben können", bekennt Joseph Ratzinger vor 25 Jahren. Wer also von weltlicher, vor allem politischer Seite glaubt, er könne mit der Kirche umspringen wie mit einer Partei oder einem Folkloreverein, verkennt vollständig deren Selbstverständnis. Dabei spielt es keine Rolle, dass selbst die meisten Katholiken keine Ahnung von der mystisch vernebelten Seite des Katholizismus haben. Sehr zum Gram Joseph Ratzingers und der Kurie: Denn während sich in Deutschland Mitglieder vieler katholischer Gemeinden ehrlich um Nähe zu Protestanten, Juden und Muslimen mühen und nicht erklären könnten, wo nun genau die theologischen Fußangeln auf dem Weg zu den Andersglaubenden liegen, wird man in Rom nicht müde, die Unterschiede zu betonen.
Mögen Gemeindefeste und, wie im Mai nächsten Jahres in München, sogar Kirchentage "ökumenisch" gefeiert werden, die offizielle Einschätzung der Protestanten bleibt dennoch unverändert: Sie sind nicht "Kirche im Vollsinn", sondern nur "kirchliche Gemeinschaft", "getrennte Brüder und Schwestern" oder was sonst noch an Verbrämungen für den Anspruch eigener Überlegenheit aufgeboten wird. Grund: Der Herr Jesus selbst habe es so gewollt.
Diese Verklärung führt dann auch dazu, dass Kirche und "Welt" selbst beim besten Willen aller Beteiligten nie wirklich zusammenkommen können. Denn, so Ratzinger, "die Kirche Christi ist keine Partei, keine Vereinigung, kein Club; ihre tiefe und unaufhebbare Struktur ist nicht demokratisch, sondern sakramental, folglich hierarchisch". Und das heißt, ihre Autorität "gründet sich nicht auf Mehrheitsvoten; sie gründet sich auf die Autorität Christi selbst". Das sollte jeder bedenken, der es mit dieser Autorität zu tun bekommt. Sie versteht sich als göttlichen, nicht weltlichen Rechtes. Entsprechend leicht fällt es ihren Repräsentanten, sich "weltliche" Einmischungen wie die der Bundeskanzlerin zu verbitten. Aus dem gleichen himmlischen Grund aber sieht das kirchliche Lehramt für sich in anderer Richtung eine Allzuständigkeit, die vom Deutschen Bundestag bis in die deutschen Betten reicht. Und so sollte sich auch niemand wundern, dass im Vatikan derzeit schon der nächste Schlag vorbereitet wird: Erzbischof Raymond Burke, Präfekt der Apostolischen Signatur und damit des höchsten vatikanischen Gerichtshofes, beabsichtigt, allen katholischen Politikern, die Abtreibungsgesetze befürwortet haben, bei der Messe den Empfang der Kommunion zu verbieten, da sie in "Todsünde" lebten. Auch im öffentlichen Raum hätten Politiker göttlichem Recht zu folgen. Das als Einmischung anzusehen, sei "einfach lächerlich". Formal würden das iranische Ayatollahs auch so sehen.
Beim mühsam erreichten Grad an Aufklärung und "Säkularisierung" des Westens kann eine solche Haltung des Gegenübers trotz freundlich abwiegelnder deutscher Bischöfe letztlich nur Konflikt und nicht Konsens bedeuten. Das sieht auch der Papst so, und darum spricht er im 2007 erschienenen Jesus-Buch von den "dunklen Abgründen des Bösen" und von der "Zersetzung der sittlichen Ordnung durch eine zynische Art von Skepsis und Aufklärung". Da geht es zwar zunächst um die Anfangszeit der Kirche vor 2000 Jahren. Doch hat sich seitdem etwas zum Positiven geändert? Hat sich die "Welt" bekehrt? "Auch wenn es das Römische Reich und seine Ideologien nicht mehr gibt - wie gegenwärtig ist doch das alles!"
Niemand aus der Piusbruderschaft wird ihm jedenfalls auszureden versuchen, dass die kirchlichen Schafe mitten unter den weltlichen Wölfen leben müssen. Da ist man sich schon einig. Zwar ist der Papst noch nicht ganz so, wie Richard Williamson es sich wünscht. "Die modernen Gesinnungen sind sehr krank", beklagt er 2006 in einem Interview. "Und Benedikt XVI. hat eine moderne Gesinnung." Die Hoffnung aber lässt er nicht sinken und fordert die Seinen darum zum kraftvollen Gebet für den amtierenden Papst auf, "damit sein bayerisches Herz den konzilsfreundlichen Kopf auch weiter in eine katholische Richtung drängt!" Das Flehen könnte erhört werden.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 08/2009