
Lächelnd präsentiert sich Steffi K., 31, Anfang des Jahres in einem Internetforum: Sie hatte 35 Kilo abgenommen, die Haare modisch kurz geschnitten. Der Wahn hatte sie da schon fest im Griff
Ihre Fähigkeiten wachsen und wachsen. Eines Tages erzählt sie von zwei Dämonen, die auf ihrer Schulter säßen, ein guter und ein böser, die neben ihren Ohren um die Wette stritten. Yaia ist der lautere von beiden, sagt sie. Yaia, wie das Wesen aus dem Rollenspiel. Sie wirkt oft wie weggetreten, grüßt nicht mehr, blickt nur selig. Aber dann scheint sich wieder ein Schalter umzulegen, dann scheint sie zu funktionieren, unterhält sich normal; viele Menschen, die nur oberflächlich mit ihr zu tun haben, bemerken nicht, dass diese Frau krank ist. Steffi will sich auch äußerlich verändern. Sie will abnehmen. Anfang 2007 beginnt sie mit verschiedenen Diäten, erst nur Kohlsuppe, dann nur noch Grießbrei. Morgens, mittags, abends. Sie kauft sich bei Edeka täglich 14 Tüten Fertiggrieß und vertilgt sie. Sie verliert 35 Kilo. Stolz stellt sie Bilder in ein Internetforum: die neue Steffi. Schlank ist ihr Gesicht nun. Und einen Lichteffekt haben die Bilder auch: Über dem Kopf leuchtet ein Heiligenschein.
Im Netz schreibt sie weiter Liebesgrüße von der Familie, an Popsänger Ronan Keating: "Love you forever". Der Gruß kommt nun von Patricia Celean, der Tochter von Yaia und Éor. "Aus diesem Grund erhielt Celean von Éor die Erlaubnis, die Seelen von rechtschaffenden Sterblichen mit sich zu nehmen und sie in eine Halle jenseits der irdischen Welt zu bringen, in der sie nicht in Gefahr und gut behütet sind", so steht es in einem Forum. Das ist die Aufgabe von Celean.
Michael wagt kaum noch, die Kinder aus den Augen zu lassen. Im Sommer 2007 fängt er allerdings an, in Kiel Gitarrenunterricht zu geben. Am 12. August 2007 kehrt er abends zurück. Die Haustür steht offen, die Kinder schlafen, Steffi ist verschwunden. Er rennt zu den Nachbarn. Vier Tage vorher, erzählt er, habe sie sich umbringen wollen, er habe es verhindert. Sie finden Steffi 150 Meter vom Haus entfernt. Sie sitzt völlig abwesend im Gestrüpp auf einer Wiese, die Beine zum Lotussitz verschränkt, wie der meditierende Buddha. Sie trägt keine Schuhe, keine Jacke. Sie will nicht zurück ins Haus. Eine Freundin schleift sie heim. Die herbeigerufenen Polizisten fragen Michael, ob sie noch etwas tun können. Er sagt, nein, er kläre das mit seiner Frau. Am nächsten Tag wirkt Steffi wieder ganz normal. Michael wendet sich dennoch an den Allgemeinen Sozialen Dienst, erzählt von der Wiese, den Dämonen. Am Telefon versteht die Frau seinen Akzent nicht, eine Freundin muss für ihn sprechen. Eine Amtsärztin kommt tags darauf, um Steffi zu untersuchen. Sie entscheidet, sie sei keine Gefahr für die Kinder oder für sich selbst. Sie könne nicht gegen ihren Willen in die Psychiatrie eingewiesen werden. Auch der Psychiater, der sie früher schon behandelte, sieht keine Notwendigkeit.
Michael kann das nicht begreifen. Seine Furcht ist größer geworden, seit Steffi nun auch noch überzeugt ist, dass die Dämonen von den Kindern Besitz ergriffen hätten. "Was soll ich noch machen? Keiner hört mir zu", sagt er den Nachbarn. Manchmal lassen die Dämonen auch von seiner Frau. Und dann sprechen sie wieder, schenken ihr nicht nur den Blick in die Zukunft, sie machen ihr auch Angst, sie halten sie gefangen, sie bedrohen die Welt, sagt sie manchmal. Sie lenken sie. Eines Tages schmeißt sie Michael im Badezimmer irgendwelche Papiere vor die Füße und sagt, es seien Scheidungspapiere. Yaia habe es ihr ins Ohr geflüstert. Die beiden schlafen fortan in getrennten Betten.
Es ist August 2007. Die Familie sitzt seit Monaten auf gepackten Kisten, sie hat nach jahrelangem Suchen im Frühjahr ein Haus gefunden, einen Ort nur für sie, wo das Hämmern von Liams Kopf niemanden stört, mehr Platz, 130 Quadratmeter, ein Garten nur für die Kinder. Vielleicht eine Lösung, vielleicht eine Entlastung. Der Umzug sollte schon im Mai stattfinden, doch er verzögert sich, es gibt keine Sicherheiten mehr im Leben der K.s. Die Dämonen haben Steffi zugeflüstert, sie solle sich von Michael trennen, und sie rufen ihr Tobi, den Taxifahrer, wieder ins Gedächtnis, mit ihm würde sie glücklich werden bis ans Ende ihrer Tage, nur weiß Tobi nichts davon. So bittet Steffi mal um getrennte Mietverträge und getrennte Stockwerke, dann ruft sie wieder die Vermieterin an und sagt, man habe sich zusammengerauft. Michael weiß, er kann seine Kinder nicht allein bei ihr lassen. Und so bildet er weiter mit ihr ein Paar, das schon lange getrennt ist und dennoch zusammen.
Es ist ein sonderbarer Einzug, im späten August 2007. Martin, der Ex-Mann, streicht die Zimmer, die alten Nachbarn helfen beim Umzug, und sie sehen, wie Steffi eine Art seelischen Wackelkontakt hat. Sie räumt Kisten ein und aus, und dann steht sie auf einmal wieder apathisch da, kritzelt irgendwas in einen Block, für ihr Buch, sagt sie. So kommt die Familie im neuen Heim an. In Darry, wo drei Monate darauf die Reporterscharen einfallen werden. In das 450-Seelen-Dorf voller Klinkersteinhäuser, in dem man Gartenzwerge schon als extravagant bezeichnen kann. Die Menschen hier werden vor den Kameras erzählen, dass die Kinder wohlerzogen waren, höflich, dass der Vater sich liebevollst um sie gekümmert habe, dass man den Kindern schon ansah, dass die Eltern wenig Geld gehabt hätten, aber verwahrlost seien sie nicht gewesen. Sie seien ratlos, werden viele sagen, könnten es nicht begreifen. Sie werden Zeugen sein für die letzten Monate von Liam und seinen Brüdern, die nun in einem neuen Haus leben dürfen.
Der Familie steht in Darry eine Betreuerin für den Haushalt zur Seite. Aidan, 3, wird vom Vater im Kinderwagen durchs Dorf gefahren, Ronan, 5, geht in den Kindergarten, Justin, 9, und Jonas, 8, spielen mit den Nachbarskindern, Liam, 6, schlägt weiter mit dem Kopf gegen die Gitterstäbe seines Bettes, und die Mutter spricht mal ganz vernünftig mit den neuen Nachbarn und mal vertieft mit den Dämonen. Im November besucht Michael mit Aidan noch einmal die alten Nachbarn. Er hat Berliner gekauft für die Kinder. Wie geht es Steffi?, fragt die Nachbarin. Nicht gut. Mehr sagt er nicht. Am 3. Dezember, so erzählt es Michael zumindest später einer Freundin, legt Steffi ihm eine Fahrkarte auf den Tisch. Er solle doch über Nikolaus nach Berlin fahren, Sachen abholen.
"Sie muss das alles geplant haben", sagt Michael später. Am nächsten Tag wenden sich Mitarbeiter des Kindergartens, in dem einer der Jungs ist, an den Sozialdienst, der Junge bereite ihnen Sorge, die aktuelle Hilfe reiche wohl nicht aus. Am 5. Dezember will die Betreuerin die Familie eigentlich nachmittags aufsuchen, doch da gibt es keine Familie mehr. Es ist der Tag vor Nikolaus. Der Tag, an dem Steffi vor dem Glashäuschen der Psychiatrie in Neustadt steht. Der Tag, an dem Liam nicht mehr mit dem Kopf gegen die Wand schlägt.
Dieter Krause, Kuno Kruse, Anette Lache, Matthias Lauerer, Oliver Link, Werner Mathes, Inken Ramelow, Kerstin Schneider, Bernd Volland