
Rumhängen am Nachmittag: In Neukölln sprechen viele Kinder kein korrektes Deutsch, auch viele deutsche Kinder© Anne Schönharting
Aus allen Teilen Berlins kommen Jungen zum Rudern an den Teltowkanal. Nur nicht aus Neukölln. "Wir versuchen wirklich alles, um es zu verhindern, aber wir entwickeln uns zu einem rein bürgerlichen Verein", sagt Matthias Herrmann, der Vereinsvorsitzende. Regelmäßig gehen "Wikinger" auf Werbetour durch Neuköllner Schulen, und regelmäßig kommt danach ein gutes Dutzend Jungen zum Probetraining. Eine Handvoll hält ein, zwei Monate durch. Dann sind alle wieder weg. Bis auf Patrick. "Der ist die absolute Ausnahme. Generell sind unsere Erfahrungen mit den Jungen von hier sehr schlecht, manche müssen wir sogar nach Hause schicken", klagt der Vorsitzende. Grund ist nicht der Mitgliedsbeitrag, der wird bei Bedarf erlassen. "Ich komme immer mehr zu der Überzeugung: Die heutige Unterschicht kann nicht mehr rudern", sagt Herrmann.
Die überraschende Diagnose des Vereinsvorsitzenden erklärt mehr über die Spaltung der Gesellschaft als so manche soziologische Studie: Beim Rudern darf niemand aus der Reihe tanzen. Wenn nur einer im Achter den Rhythmus der Gemeinschaft stört, fallen alle acht ins Wasser. Und wenn einer nicht zum Training erscheint, kann keiner rudern. Beim Rudern müssen sich alle unterordnen, zu hundert Prozent. Wer das nicht kann, dem nützen Kraft und Geschicklichkeit wenig. Der kann nicht rudern. Disziplin, Zuverlässigkeit, Beständigkeit, Pflichtbewusstsein - die viel geschmähten Sekundärtugenden entscheiden jedoch nicht nur, ob jemand ein guter Sportler ist. Sie bestimmen den Lebensweg eines Menschen maßgeblich mit. Oft teilen sie ein, wer auf welcher Seite des großen Grabens lebt, wer oben und wer unten ist. Wer rudern kann, gehört nicht zur Unterschicht.
Patrick kann rudern. Bald wird er sein Abitur machen. "Was ich studiere, weiß ich auch schon. Ich habe mir meine Ziele gesteckt, wie beim Rudern." Vor Kurzem ist die Familie Strankowski umgezogen. "Wenn man was für seine Kinder tun will, muss man von da weg", sagt Oktay Urkal. Er ist einer der berühmtesten Berliner Türken, ein Profiboxer, der mehrfach um die Weltmeisterschaft gekämpft hat. Der "Ali von Kreuzberg" wohnt heute in Lichtenrade, mit dem Auto eine halbe Stunde von Kreuzberg entfernt. "Wegen der Kinder. Die sollen in gute Schulen gehen und deutsch sprechen." Urkal ist kein Bildungsbürger. Sowohl Türkisch als auch Deutsch beherrscht er nicht fehlerfrei. Er ist als fünftes von sechs Kindern aufgewachsen. "Meine Eltern haben mich nicht wirklich erzogen. Die hatten anderes zu tun." Die Schule machte Probleme. Irgendwann entdeckte er das Boxen. "Da waren viele, die talentierter waren als ich. Aber die haben es nicht durchgehalten. Keine Disziplin. Manche leben heute von Hartz IV. So sind die Regeln."
Nervös tigert der Boxer durch den Flur seines Einfamilienhauses. "Los, Enis, mach schon!" Urkal bringt seinen siebenjährigen Sohn zum Fußballtraining beim SV Adler Lichtenrade. Drei Minuten nach Trainingsbeginn schleicht Enis sich auf den Platz. Der Trainer entdeckt ihn, baut sich vor ihm auf und tippt mit dem Zeigefinger auf die Uhr. Bis zum Spielfeldrand kann man ihn toben hören. Auf der Tribüne sitzt der berühmte Vater neben ein paar Müttern und strahlt. "Jetzt lernt er was."
Das genaue Gegenteil erlebt Urkal am Abend in einem türkischen Boxstudio. Alle paar Wochen geht er dorthin, um ein wenig zu trainieren und ein paar Kumpel zu treffen. Offizieller Trainingsbeginn ist halb acht, doch um acht kommen noch immer neue Sportler dazu. Da verdrücken sich die ersten schon an die Bar. Ein dicker Junge strahlt, als er den berühmten Boxer sieht, und grüßt ihn überschwänglich. Oktay Urkal tippt ihm mit den Fäusten auf die schwabbeligen Hüften: "Was ist das hier? Und zu spät kommst du auch. Nennst du so was Training?" Später erzählt Urkal den Freunden von dem strengen Trainer seines Sohnes. "Das wäre hier unmöglich", sagt Mutlu Taser, der Besitzer des Gyms. "Ein falsches Wort, und die Jungs sind weg. Wir sind ja schon froh, wenn überhaupt mal einer länger als ein paar Wochen durchhält."
Oktay Urkal kennt das. "Die Fliegen kommen nur, solange die Kacke frisch ist." Die Arbeitersportbewegung wurde einst in Neukölln geboren. Im Jahnpark steht dort ein Denkmal für Turnvater Jahn. Heute ist der Park fest in der Hand afrikanischer Dealer, und die Unterschicht treibt keinen Sport. Zu Zeiten des Turnvaters waren die Arbeiter stolz. Sie blickten runter auf das "Lumpenproletariat", auf Bettler, Gauner, Lumpensammler, auf Menschen, die sich gehen ließen, denen das Zeug zum richtigen Arbeiter fehlte. Die Arbeiterklasse war nicht nur eine Produktions gemeinschaft, sondern auch eine Wertegemeinschaft, orientiert an Tugenden wie Fleiß, Verlässlichkeit und Gemeinschaftssinn. Vor allem aber wollten die Arbeiter aufsteigen. Vermutlich hatte die Arbeiterklasse von damals viel mehr mit der heutigen Mittelschicht gemein als mit der heutigen Unterschicht.
Die Absetzbewegung von der Unterschicht hat inzwischen auch das linksalternative Milieu erreicht. Nirgendwo gibt sich Deutschland so alternativ wie am Paul- Lincke-Ufer in Berlin Kreuzberg. Genau dort ist Jörg Machel Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Emmaus-Ölberg. "Wir taufen hier noch kräftig, aber wir haben kaum noch Konfirmationen", sagt er. "Wenn die Kinder konfirmiert werden, sind die Familien längst weggezogen." Manfred Gottert wohnt in Kreuzberg. Nächstes Jahr wird sein Sohn eingeschult. Darum schaut er sich am Wochenende Wohnungen an. In Wilmersdorf, einem typischen Mittelschichtsbezirk. "Ganz oft treffe ich da Eltern aus der Kita meines Sohnes", berichtet der Vater. Gottert würde gern bleiben. Ihm gefällt diese weltweit einzigartige Mischung. "Aber die Schulen hier sind einfach zu schlecht. Der allergrößte Teil der Kinder spricht kaum Deutsch, auch viele deutsche Kinder. Wie soll mein Sohn da was lernen?"
Um Bleiben zu können, haben sich viele Eltern zusammengetan. Sie wollen eine Privatschule gründen, zusammen mit der evangelischen Kirche, mitten in Kreuzberg. Privatschulen boomen in Deutschland. Zwischen 1992 und 2005 ist die Zahl der Privatschüler um 43 Prozent gestiegen. Die Nachfrage ist noch höher, doch die Behörden sind zurückhaltend bei den Genehmigungen. Besonders in Kreuzberg. Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg sind die Grünen die stärkste Partei. Sie stellen die für Schulpolitik zuständige Stadträtin: Monika Herrmann ist in der Zwickmühle. Einerseits finden Grüne Initiativen von unten klasse. Das sind ihre Wurzeln. Andererseits: Die staatlichen Schulen brauchen dringend engagierte Eltern und Deutsch sprechende Kinder aus intakten Familien. Wenn die sich in Privatschulen verkrümeln, bleibt die Unterschicht in den Ghetto-Schulen völlig unter sich. "Ich verstehe die Eltern, aber aus gesellschaftspolitischen Gründen kann ich das nicht unterstützen", sagt die Stadträtin.
"Wir sitzen auf gepackten Koffern", sagt Dominik Wollenweber. "Entweder die Schule kommt, oder wir gehen." Wollenweber spielt Englischhorn und Oboe bei den Berliner Philharmonikern. Seine Frau Szilvia Pápai ist Oboistin am Konzerthaus-Orchester. Zusammen haben sie drei Kinder. Das vierte ist unterwegs. "Eine ganz normale Schule für unsere Kinder, mehr verlangen wir gar nicht", sagt Wollenweber. Die beiden Musiker wünschen sich natürlich, dass ihre Kinder ein Instrument lernen. "Nicht um Musiker zu werden. Sie sollen was machen, wofür sie einen langen Atem brauchen." Um in einem Orchester spielen zu können, braucht man ziemlich exakt dieselben Tugenden wie zum Rudern. Kein Wunder, dass Sport und Musik bei Mittelschichtseltern so hoch im Kurs stehen. Nicht so in der Unterschicht. "Musik machen fast ausschließlich Kinder aus intakten, bürgerlichen Familien", sagt Volkmar Bussewitz, der Leiter der Musikschule in Neukölln. "An die bildungsabgewandten Familien kommen wir nicht ran."
In Neukölln, berichtet Bussewitz, gibt es Schulen, an denen kein einziges Kind ein Instrument lernt. Die evangelische Privatschule in Kreuzberg soll natürlich einen musischen Schwerpunkt bekommen. Privatschule, das hört sich nach Kindern an, die morgens vom Chauffeur gebracht werden. "Wir wollen auf keinen Fall eine Schule für Reiche oder eine Art Eliteschule", sagt Annerose Steinke, die stellvertretende Vorsitzende der Schulstiftung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. Das Schulgeld richtet sich nach dem Einkommen der Eltern. Etwa zehn Prozent sind von den Gebühren ganz befreit.
Dieanderen zahlen im Schnitt 65 Euro im Monat. Jeden Tag eine Schachtel Zigaretten zu rauchen ist fast doppelt so teuer. Das Schulgeld ist also nicht entscheidend. "Uns ist das Einkommen der Eltern egal. Wir wollen vor allem Eltern, die sich für die Schule engagieren", sagt Annerose Steinke. Engagierte Eltern. Genau das ist die Bruchkante der Gesellschaft. Auf der einen Seite sind die aktiven Eltern, die sich kümmern, ihre Kinder bewusst erziehen und nach Kräften fördern. Ihnen gegenüber sind die passiven, überforderten Eltern, die ihre Kinder einfach groß füttern, ihre Entwicklung laufen lassen und zufrieden sind, wenn die Kinder nicht kriminell oder schwanger werden. Engagement, das hört sich freundlich an. In Wahrheit ist Engagement das zuverlässigste Ausschlusskriterium, der sichere Schutzwall der Mittelschicht. Damit bleibt die Unterschicht draußen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 35/2007