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22. März 2009, 09:05 Uhr

"Ich habe keine Angst vor Krisen"

Frank-Walter Steinmeier, Außenminister, SPD, Wirtschaftskrise, Kanzlerkandidat

Die Welt(kugel) immer im Blick: Frank-Walter Steinmeier beim stern-Gespräch© Peter Rigaud

Wann haben Sie zuletzt geweint?

Das letzte Mal im Kino auf der Berlinale, beim Jugendfilm "Die Vorstadtkrokodile". Mario Adorf neben mir hat auch eine kleine Träne verdrückt.

Können Sie gut lügen?

Ich kann nicht immer alles sagen, was ich weiß. Aber ich halte mich an mein Prinzip: Das, was ich sage, muss stimmen.

Als Politiker müssen Sie doch manchmal schwindeln.

Natürlich muss man sich als Außenminister ab und an taktisch verhalten, vor allem bei Gesprächspartnern, die es schwerer haben, mit der Wahrheit umzugehen. Das ist aber kein Lügen.

Sind Sie gläubig?

Ich bin zwar kein ganz fleißiger Kirchgänger, aber ich glaube schon, dass da eine Kraft ist, die größer ist als der einzelne Mensch. Und ich glaube, dass daraus auch viel Gutes entstehen kann.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Nicht in dem naiven Sinn, dass wir uns alle irgendwo wiedertreffen und in weißen Kleidern spazieren.

Wollen Sie geliebt werden?

Wer will das nicht?

Nicht nur von Ihrer Frau

und Ihrer Tochter. Das habe ich auch so verstanden.

Sie sehen Ihre Familie

nur wenige Stunden pro Woche, im Wahlkampf wohl noch seltener.

Ist Politik das wert?

Ich mache ja nicht Politik, um sie nicht zu sehen. Das ist eine Riesenbelastung für uns drei. Natürlich hätten wir gerne mehr Zeit füreinander, auch für längere Urlaube. Wir versuchen, wenigstens einen Tag am Wochenende gemeinsam zu verbringen.

Ihre Tochter sagt noch nicht Onkel?

Ne, sagt sie nicht.

Ist sie stolz auf Sie?

Weniger, als die meisten denken. Und wenn doch, dann würde sie das niemals zugeben. In ihrer Schule und bei ihren Freunden spielt es auch keine Rolle, dass ihr Vater Außenminister ist. Das freut mich.

Sind Sie ein autoritärer Vater?

Meine Frau würde sagen: viel zu wenig.

Sind Sie empfindlich?

Ich habe in 20 Jahren Politik sehr bewusst darauf geachtet, nicht zynisch, nicht abgebrüht zu werden. Wer das vermeidet, bleibt sicher empfindlich. Ich sehe das nicht als Nachteil.

Kennen Sie Angst?

Angst ist meistens kein guter Ratgeber. Aber wer Angst nicht kennt, kennt auch nicht die Verantwortung, die wir tragen - nicht nur in Krisenzeiten.

Was wird am meisten an Ihnen verkannt?

Als Außenminister kommt man oft mit ernsten Meldungen über Kriege, Krisen und Geiselnahmen durch das Fernsehen in die Wohnzimmer der Menschen. Dadurch entsteht vielleicht der Eindruck eines stets ernsten Typen. Wer mich kennt, weiß: Ich bin gerne unter Freunden und lache viel.

Was war denn die größte Summe, die Sie privat investiert haben?

Der Kauf unseres Hauses in Berlin.

Je spekuliert?

Ne. Keine Zeit.

Was bedeutet Ihnen Geld?

Mein Einkommen ist so, dass wir nicht am trockenen Brotkanten herumkauen. Das ist ein gutes Gefühl. Aber ich bin nicht auf der Jagd nach dem großen Geld.

Finden Sie, dass Politiker zu viel Privates preisgeben müssen, um Erfolg zu haben?

Die Erwartungen werden größer. Ich versuche, meine Familie so weit wie möglich aus dem politischen Geschäft und den Medien herauszuhalten. Ich selbst kann mich den Fragen nicht entziehen

Gibt es für Sie klare Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen?

Meine Tochter ist für die Öffentlichkeit tabu. Meine Frau legt Wert darauf, dass sie selbst entscheidet, wann sie öffentlich ist.

Vor zwei Jahren haben Sie im stern als Wahlziel der SPD "35 plus x" genannt. Gilt das?

Na klar, wir wollen stärkste Partei im Bundestag werden.

35 Prozent - das glaubt Ihnen kein Mensch!

Sie haben doch meine Antwort gehört. Ich kann nur raten: abwarten. Abgerechnet wird am 27. September.

Warum kommt die SPD nicht aus dem Mustopf?

Die SPD hat schwierige Jahre hinter sich, da gibt es nichts schönzureden. Wir hatten viel Hader und Kleinkrieg. Franz Müntefering und mir ist es in den vergangenen Monaten gelungen, eine Geschlossenheit hinzukriegen, die uns kaum jemand zugetraut hat. Bis zur Wahl liegt aber noch viel Arbeit vor uns, das wissen wir beide.

Sind Sie gerne Außenminister?

Sodass ich es bleiben möchte? Ha, Falle! Bewerber für meine Nachfolge gibt es jedenfalls schon genug ...

Ein einfaches Ja hätte uns auch genügt.

Also: Ja.

Können Sie sich vorstellen, es nach dem 27. September zu bleiben?

Ich trete an, um Bundeskanzler zu werden, und das mit vollem Ernst und vollem Einsatz.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 12/2009

Von Andreas Hoidn-Borchers und Jens König
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