
Pigmentfreie Haut wuchs nach: Balbina aus Angola nennt sich selbstbewusst "die Kuh"© Brigitte Kraemer
Die Betreuer sind herzlich - und zugleich von professioneller Distanz. Denn die insgesamt 40 Erzieher, Krankengymnasten, Köche, Zivildienstleistenden dürfen von den Kindern nicht allzu sehr ins Herz geschlossen werden. "Man darf nicht zum Vater werden, auch nicht zum Onkel", sagt Naseem Bergau, ehemaliger Zivi, "darauf werden alle geschult." So karg, wie das Friedensdorf ausgestattet ist, so nüchtern soll es auch zugehen im Verhältnis zwischen Kindern und Betreuern. Das ist Konzept. Denn alle, die hierher kommen, sollen zurückreisen wollen.
Naseem Bergau war zuerst bang, er hatte zuvor nur im Bildungsbereich gearbeitet, in Seminaren für Konfirmanden und Schulklassen. Aber dann erlag auch er dem Sog der vom Schicksal so Gezeichneten. "Nicht zu vertraut machen", hat er oft gedacht, "das ist gefährlich für uns beide. Es kommt der Tag der Abreise."
Keine falsche Sentimentalität! Das ist die Regel des Dorfes. "Wenn die Kinder kein Heimweh hätten, wenn sie gar lieber hier blieben, dann hätten wir etwas falsch gemacht", sagt Wolfgang Mertens. Als Öffentlichkeitsarbeiter des Friedensdorfes weiß er, auf welche Skepsis diese Strenge bei Außenstehenden meist stößt. "Nach den Vorstellungen der UN hingegen ist das, was wir tun, nämlich Kinder ohne Begleitung der Eltern hierher zu holen, ein unmenschlicher Akt."
Natürlich könnte man Pflegefamilien finden, aber: "Wir dürfen die Kinder nicht von der Zuneigung deutscher Familien abhängig machen." Zu schnell schleiche sich der Gedanke ein, ob die Kinder nicht besser in Deutschland blieben. Doch wer einmal die Wiedersehensfreude in der Heimat erlebt habe, der wisse, dass nichts geschehen darf, was die Kinder dazu verleiten könnte, ihre Eltern zu vergessen.
Diese Haltung verlangt gerade von den freiwilligen Helfern enorme Disziplin. "Wir haben ja auch eine Seele da drin", sagt "Dicker Bauch". So nennen die Kleinen Kurt Zander, der so riesengroß ist und gemütlich rund. Seit Jahren besuchen seine Frau Erika und er die Kinder in Krankenhäusern und im Dorf, fahren sie oft zu Arztterminen.
Zum Beispiel Isaac. Sechs Stunden musste er einmal nüchtern auf die Behandlung warten. "Kurt", sagte Isaac, "will nach Hause, dicke Wurst." Die hatte ihm das Ehepaar gelegentlich spendiert. Maricio, der wegen der Pilze in der Luftröhre nicht sprechen konnte, Alcedes mit dem offenen Rücken: Wie lange haben Kurt und Erika am Bett der beiden gesessen. Nelson, der sagte: "Ich habe so gewartet." Emanuel mit der Sichelzellen-Anämie. "Kurt", sagte er immer, "Schulter reiten." Und diese glücklichen Momente: die ersten Schritte von Floh. Was für eine Freude im Dorf! Alle riefen: "Er kann gehen! Er kann gehen!"
Dann war da noch Manongo, der erzählte, dass er zusehen musste, wie seine Mutter erschlagen wurde. Dass man in Deutschland mit Wasser den Fußboden reinigt, diese Verschwendung konnte der Junge nicht fassen. Fauliges Obst, verrostete Dosen, alte Zahnbürsten, alles hat er in Oberhausen in seinem Rucksack gesammelt.
Von jedem Kind haben Erika und Kurt Zander ein Bild im dicken Fotoalbum. An jedes Kind so viel Herz verloren. Nie haben sie eines mit nach Hause genommen. Die beiden respektieren die Regeln. Fremde Leute sprachen sie auf Ausflügen an: "Behalten Sie den Kleinen doch." Aber: "Eltern das Kind wegnehmen", sagt Kurt Zander, "das kann niemand tun." Etwas anderes aber schmerzt. Dass sie nie erfahren werden, was aus den kleinen Strolchen geworden ist.