. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
1. April 2010, 15:40 Uhr

Besser als Bismarck

Mit geduldiger Diplomatie

Bedenken, Skepsis und Widerstand wurden sofort wach: In Deutschland seitens einer - allerdings lautstarken - Minderheit. Das Hauptproblem war jedoch die Einstellung des Auslands, vor allem der Siegermächte, ohne deren Zustimmung dank ihrer Rechte eine wie auch immer geartete Wiedervereinigung nicht möglich war.

Kohl hatte das Glück, in der Person George Bushs einen Partner zu haben, der von Anfang an und in allen schwierigen Momenten der diversen Verhandlungen das Ziel eines wiedervereinigten Deutschlands in der Nato und den bestehenden Grenzen mit allen Kräften unterstützte. Noch nie hatten Weißes Haus und Kanzleramt sowie State Department und Auswärtiges Amt so intensiv zusammengearbeitet wie in diesen Verhandlungen. Bush war es, der die britische Premierministerin Margaret Thatcher, die offen der Wiedervereinigung wegen der von ihr befürchteten "Gefährdung des europäischen Gleichgewichts" widersprach, durch Zureden und Druck zur Zustimmung bewegte.

Auch war es Bush, der mit großem Einfühlungsvermögen auf die besonderen Schwierigkeiten Rücksicht nahm, die Gorbatschow in diesem Prozess zu bewältigen hatte, musste dieser doch mit dem Verlust der DDR die wichtigste Kriegstrophäe des "vaterländischen Krieges" aufgeben, noch dazu ihrer Eingliederung in die Nato zustimmen. Für Kohl waren die Verhandlungen mit der Sowjetunion, die als Folge der deutschen Aggression Millionen Tote zu beklagen hatte, zweifellos der schwierigste Teil der Bemühungen um die Wiedervereinigung. Dank geduldiger Diplomatie, eines guten persönlichen Verhältnisses zu seinem Gegenüber, Veränderungen in der westlichen Sicherheitsarchitektur und nicht zuletzt umfangreicher Wirtschaftshilfe für Moskau gelang es, die Zustimmung der Sowjetunion zu erhalten.

Einbettung in die Europäische Union

Der damaligen Regierung unter Kohl war klar, dass trotz des gewachsenen Vertrauens in die Bundesrepublik die Wiedervereinigung nur akzeptabel war, wenn die gewachsene Macht des vereinigten Deutschland eingehegt würde. Hierzu setzte Kohl in Kooperation mit Mitterrand die Einbettung Deutschlands in eine sich weiter vertiefende Europäische Union ein: durch den Maastrichter Vertrag, die Schaffung des Euro und Schritte zur europäischen Sicherheitspolitik und politischen Union.

Dem gleichen Ziel diente die Stärkung gesamteuropäischer Strukturen und Rüstungskontrollmaßnahmen: ein Abkommen zur Begrenzung konventioneller Streitkräfte in Europa, die "Charta von Paris für ein neues Europa" und eine feierliche Erklärung der Nato, dem ehemaligen Gegner "die Hand zur Freundschaft zu reichen".

Die Grenzfrage war besonders wichtig, denn es war offenkundig, dass sich die internationale Gemeinschaft der Wiedervereinigung widersetzen würde, wenn damit der territoriale Status quo infrage gestellt würde. Dass der Realist Kohl dies nicht von Anfang an zur Maxime seines Handelns machte, bleibt bis heute erstaunlich. Seine anfängliche Ambivalenz in dieser Frage erzeugte lautstarken Widerspruch und erheblichen Druck seitens der Partner. Die Anerkennung der Grenze wurde zwar im "Zwei-plus-Vier-Vertrag" und einem getrennten Vertrag mit Polen am Ende geregelt, aber Kohls anfängliche Zurückhaltung kostete Energien und Ansehen.

Genscher taktierte umsichtig

Als am 3. Oktober 1990 in Berlin die Wiedervereinigung vollendet wurde, hatten die Staaten der nördlichen Hemisphäre die wohl intensivste Phase bi- und multilateraler Diplomatie ihrer Geschichte hinter sich gebracht, um die Vielzahl der Abkommen auszuhandeln und alle Beteiligten zur Zustimmung zu bewegen. Ohne Helmut Kohls Führungskraft wäre dieser Glücksfall von Staatskunst nicht denkbar gewesen. Natürlich haben auch andere dazu beigetragen, vor allem George Bush und Michail Gorbatschow. Zudem erwies sich die Kombination des umsichtig taktierenden Außenministers Genscher und seiner rund um die Uhr arbeitenden Diplomaten und dem vorpreschenden Helmut Kohl als äußerst effektiv.

In den Jahren nach der Wiedervereinigung entstand eine neue Ordnung nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, es kam mit ihr zu den Kriegen auf dem Balkan, die zu einer neuen Belastungsprobe der Kohl’schen Außenpolitik wurden, identifizierte sich die Bundesrepublik doch sehr früh mit dem Unabhängigkeitsstreben der jugoslawischen Teilrepubliken. Dennoch konnte Deutschland nur begrenzt die Entwicklungen beeinflussen, in deren Verlauf die USA wieder das Heft in die Hand nahmen, bis hin zur militärischen Intervention im Kosovo kurz nach dem Ende der Kanzlerschaft Kohls. Nur sehr zaghaft erweiterte er in dieser Zeit die Rolle der Bundeswehr außerhalb des Bündnisbereichs. Allerdings trug deutsche Politik erheblich zur Reform und Erweiterung der Nato wie auch der Mitgliedschaft der EU bei. Kohl war es immerhin gewesen, der als erster westlicher Regierungschef gefordert hatte, die neuen Demokratien in Osteuropa an die EU heranzuführen.

Der bessere Bismarck

Hat Helmut Kohl in den 16 Jahren seiner Außenpolitik Fehler gemacht? Die anfängliche Verkennung der Persönlichkeit Gorbatschows und die verzögerte Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze wurden schon erwähnt. Später folgte das Ausscheren aus dem EU-Beschluss der gemeinsamen Anerkennung Kroatiens, das unnötigerweise den Verdacht eines neuen deutschen Unilateralismus weckte. Auch seine Ablehnung einer Mitgliedschaft der Türkei in der EU mit der Begründung des "christlichen Klubs" ist für eine zukünftige Lösung wenig dienlich. Schließlich bleibt noch Kohls offener Widerstand gegen einen ständigen Sitz der Bundesrepublik im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu erwähnen, mit dem er seinem Außenminister in den Rücken fiel, der dieses Reformvorhaben aus wohlerwogenen Gründen betrieb.

Die kritisierbaren Elemente der Außenpolitik Helmut Kohls verblassen jedoch vor seiner überragenden Leistung und Führung, die Deutschlands Vereinigung bewirkte. Anders als die Vereinigung von 1871, die "mit Blut und Eisen" und gegen den Willen der europäischen Staaten zustande kam, wurde die Vereinigung von 1990 friedlich, auf dem Verhandlungswege und mit der Zustimmung aller betroffenen Staaten erzielt. Helmut Kohl machte es besser als Bismarck.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 1/2010
stern edition

Von Karl Kaiser
1 2 3
weiter  
 
 
KOMMENTARE (10 von 26)
 
Milli (03.04.2010, 14:58 Uhr)
Nicht zu ertragen ...
... sind die seit ein paar Tagen in sämtlichen anständigen und unanständigen Medien stattfindenen Lobhudeleien, was den Altkanzler Kohl betrifft. Leidet das deutsche Volk kollektiv an Alzheimer? Was hat der denn wirklich zustande gebracht. Alle Probleme ausgesessen, von Regieren konnte keine Rede sein, auf dem internationalen Parkett eine Lachnummer in seinem immer wieder gern genommenen "Taubenblauen". Auf Gruppenfotos mußte er immer wieder richtig hingerückt werden, von Englisch sowieso keine Spur mit einer Frau, die Dolmetscherin war. Ach ja: Die nette Hannelore Kohl, einsam und allein in Oggersheim der Weg in den Suizid, während ihr Hellmuth sich mit Juliane Weber amüsierte.
Ich will mich nicht wieder aufregen und wünsche Herr Kohl noch ein langes Leben mit seiner jungen Lady. Trotzdem bin ich mir sicher, dass einiges zutage kommen wird, wenn er mal nicht mehr ist. Dann sprechen wir uns wieder. Ich freue mich darauf. Ja, und die Einheit? Das war das Volk! Und den völlig "fälschungsfreien" Euro verzeihe ich ihm sowieso nie!
Johann58 (03.04.2010, 13:50 Uhr)
@googlezoomer
Der beste Kanzler der Nachkriegsgeschichte; hoechste Arbeitslosigkeit, groesste Neuverschuldung der Bundesepublik, Schwarzgeldkonten, Spendenaffaere, Meineidminister, Blackout................. gibt noch ein paar Dinge, die der schwarze Riese so gemacht hat.

Mein Vorschlag schweigt ihn tot und in 20 Jahren schreiben wir wieder ueber ihn.
Lazarus09 (03.04.2010, 13:48 Uhr)
@whismerh2 zu beobachten beim Artikel über die gefallenen Soldaten
Nach 6 Postings die alle in einwandfreier Form waren,lediglich gegen den gewünschten Main Stream verstießen wurde die Überschrift des Berichts geändert und alle Komentare zum Wohl der öffentlichen Ruhe gelöscht ....

Für manche ist die Unwissenheit ein Segen,denn die Ungerechtigkeit quält sie nicht .

Besinnliche Ostern im Sinne des gesunden Menschenverstandes...nicht der Kirche
SethusCalvisius (03.04.2010, 13:25 Uhr)
"Kohlrouladen
schmecken besser als Bismarckheringe."
Das wäre doch auch eine nette Überschrift auf stern.de-Niveau.
LaoLu (03.04.2010, 13:14 Uhr)
GENAU!
Kohl war ein phantastischer Kanzler, viel was besser als der Erfinder der gleichnamigen Heringe
Darwin war ein Spinner
Der Papst hat immer recht
Die Erde ist eine Scheibe

und Frühstück ist die schönste Jahreszeit!
Prologo (03.04.2010, 12:59 Uhr)
Kohl war halt gerade zu der Zeit da, und sonst gar nichts.

Ball flach halten, lieber Stern. Die DDR Bürger haben sich selbst die Freiheit friedlich erkämpft !!

Kohl hat dann nichts falsch gemacht, das kann man ihm zu Gute halten. Aber sonst.......???

MfG,
T.
whismerh2 (03.04.2010, 12:53 Uhr)
@Lazarus09
Wo du Recht hast hast Du Recht,
wahrscheinlich haben de admis gewechselt,(Mittagspause)
kurzfristig, eben noch wird eine postmöglichkeit gegeben, danach wird nicht nur mit dem netten Spuch entschieden jenes nicht mehr freischalten zu können, aufgrund der nicht zu beachtenenden Höfflichkeitsformen, sondern es wird grußlos gelöscht. .
Ich bleibe dabei, Liebe Grüße an Alle vernünftigen und klugen Poster.
Schöne Ostern für Euch Alle.
Broeselbub (03.04.2010, 12:53 Uhr)
das man
über diesen kriminellen Herrn überhaupt ein Wort schreibt ist schlimm genug.
Lazarus09 (03.04.2010, 12:53 Uhr)
@mackeldei Die Mafiösen Zuständer der Parteien
erfüllen das Bild einer Kriminellen Vereinigung...jeder der sich darüber Informieren will kann das dank Internet tun.

Leiser liest der Michel nur das was er lesen soll..! Und ist so dumm zu glauben irgend einer dieser Gutmenschorganisationen wird die jetzigen für ihn prekären und unsicheren Zustande ändern die für das Kapital so ertragreich sind..

W A R U M ?
Motte07 (03.04.2010, 12:48 Uhr)
Ich frage mich wo die Verdienste Kohls sein sollen...
Mal davon abgesehen, dass ihm die Deutsche Einheit in den Schoß gefallen ist, hat er dort alles falsch gemacht, was falsch zu machen ist. 20 Jahre ist es her und noch immer ist das 'Beitrittsgebiet' wirtschaftlich nicht hochgekommen. (Stellt euch zum Vergleich mal vor, die Allierten hätten den Marschall-Plan bis in die 70er Jahre aufrecht erhalten müssen).
Aber es konnte ja nicht schnell genug gehen, "blühende Landschaften" versprechen, entgegen aller Expertenmeinungen einen völlig unrealistischen Wechselkurs festsetzen, nur um neue Wähler zu generieren.
.
Das ist wie wenn man ein saftiges Stück Fleisch findet,es gnadenlos zerkochen lässt und sich hinterher rühmt, was für ein toller Koch man doch ist...
Das ist das Vermächntnis der Ära Kohl...
MEHR ZUM ARTIKEL
Interview mit Helmut Kohl Altkanzler kritisiert "Lamento und Klein-Klein"

Helmut Kohl zeigte sich in seinem ersten großen Interview seit langer Zeit wenig zufrieden mit dem Gesamtzustand des Landes. Es ärgere ihn, "wenn ich sehe, wie Deutschland seine Chancen verspielt", sagte der Altkanzler. mehr...

80. Geburtstag des Altkanzlers Der Kohl-Schäuble-Komplex

Die vielen Hymnen auf das Geburtstagskind Helmut Kohl werden um ein Faktum herum geschrieben: Er verdankt seine historische Größe der Tatsache, dass es einen Kanzler hinter Kohl gab. Wolfgang Schäuble. mehr...

Generation Golf im Bundestag Kohls Enkel

Altkanzler Kohl steuert auf seinen 80. Geburtstag zu, längst hat die Generation seiner Enkel den Bundestag geentert. Was die Guttenbergs und Lindners eint: Sie haben Stil, sie können reden, sie sind ultrapragmatisch - und ein bisschen langweilig. mehr...

Kolumne "Berlin vertraulich!" "Es ist um Helmut Kohl einsam geworden"

80 Jahre wird er alt - und der Büchermarkt wird von Helmut-Kohl-Biografien geflutet. Viele Autoren werfen einen kritischen Seitenblick auf Maike Richter-Kohl, die Frau des Altkanzlers. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe