
Bei Babis in der "Trattoria No.1" treffen sich Promis, Halbpromis und Geschäftemacher© Martin Jehnichen
Unsichtbare Kräfte müssen die beiden trotzdem lange geschützt haben - die wahren Hintergründe für den Anschlag und den Immobilien-Deal sollten wohl nie herauskommen. Norbert, der beste Freund ihrer alten Konkurrenten, ist inzwischen Oberstaatsanwalt in Leipzig und macht, so zumindest die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes, keinen Hehl aus seiner Macht: Angeblich hat er seinen Chef in der Hand. Beschwerden über ihn versickern auf dem Weg ins Ministerium. Er intrigiert gegen den Generalstaatsanwalt, weil er glaubt, der behindere seine Beförderung, und womöglich verrät er auch Überwachungsmaßnahmen der Polizei an Rotlichtgrößen. Vor ihm und seinem Freund Roland, der in fast jede Leipziger Affäre verstrickt scheint, zittern viele.
Als Walter, ein Bankdirektor aus Bayern und Schatzmeister der Leipziger CDU, einmal von Roland in den Garten eingeladen wird, hält er das für den Gipfel der Intimität: zum Grillen bei einem Ossi! Später teilt er mit ihm allerlei Rotlichtabenteuer. Zur Clique gehört auch ein Landtagsabgeordneter, der ihre Interessen in Dresden durchsetzt, ein Mitglied der Landesmedienanstalt und natürlich Norbert, der Oberstaatsanwalt. Zwei dieser Freunde finden Walter 1999 erschossen in dessen Wohnung. Sie suchen ein Video. Es geht um Pornos und 40.000 Mark. Neben dem Abschiedsbrief an eine gute Freundin soll es noch einen zweiten mit den wahren Gründen geben, der alsbald verschwindet. Norberts Staatsanwaltschaft stellt die Ermittlungen ein: Selbstmord aus Liebeskummer bleibt die offizielle Version.
Wer gegen diesen Filz antritt wie ein paar hartnäckige Polizisten, die sich schon früh in die Merkwürdigkeiten um die zwei Attentatsurteile verbeißen, wird kaltgestellt und selbst mit Rufmord und falschen Anschuldigungen überzogen. Der Leipziger Chefermittler für organisierte Kriminalität wird zu Unrecht strafversetzt. Ein internes Gutachten - natürlich "VS - nur für den Dienstgebrauch" - kommt erst später zu dem Schluss, dass durch ihn in Leipzig "Bereiche berührt worden sein können, die nicht bekannt werden sollen".
Martin selbst bat die LWB unterdessen um "Beendigung seiner Beschäftigung", so die Sprachregelung. Nun sollen auch sämtliche Privatisierungen seit 1990 noch mal geprüft werden, einmal intern und durch eine Arbeitsgruppe am Oberlandesgericht Dresden. Das kann dauern.
Die Antikorruptionseinheit INES schlägt schon seit Jahren mühsam Schneisen durch den Leipziger Dschungel. Und vieles aus den Verfassungsschutzakten kommt den Sonderermittlern gar nicht so neu vor. So steht Anfang Juli Peter vor Gericht, der schon vor drei Jahren wegen immer neuer Vorwürfe der Vetternwirtschaft sein Amt als Stadtkämmerer räumen musste. Auch er hatte zu viel mit Roland zu tun. Gegen Olli, der in den ominösen Akten ebenfalls mehrere Seiten füllt, wird schon länger wegen des Verdachts der Vorteilsgewährung ermittelt.
INES interessiert sich außerdem für Klaus und Georg, die Chefs der Wasserwerke und vom Nahverkehr, weil sie nicht jede Dubai-Reise oder Luxusuhr erklären können, die möglicherweise bei Cross- Border-Leasing-Geschäften mit amerikanischen Heuschrecken anfielen, ebenso wie für die beiden letzten großen Bauträger, die um den Rest der noch zu privatisierenden Leipziger Immobilien konkurrieren. Sie sind ausnahmsweise mal beide echte Leipziger. Allein das macht sie und ihre Millionen, mit denen angeblich ganze Straßenzüge gekauft werden, für viele Konkurrenten verdächtig.
Einer ist Olli. Der andere geht relativ offen mit der Nähe zu Burkhard um. Er war selbstverständlich da, als der neue Oberbürgermeister im "engsten Freundesund Familienkreis" seinen Wahlsieg feierte. Dabei soll seine Wahlkampfspende kaum der Rede wert gewesen sein. Sein Minderheitsgesellschafter ist zufällig der Ehemann der ehemaligen Stadtsprecherin, die unter Burkhard das Sportamt übernahm.
Burkhards Vorgänger Wolfgang ist heute Bundesbauminister und scheint als oberster Bauaufseher von Leipzig jahrelang über einer korrupten Stadt geschwebt zu haben. Er fühlte sich eher für Visionen zuständig, und weil er außerdem echter Leipziger war, nahm ihm das dort niemand krumm. Einheimischer Größenwahn und zugereistes Möchtegerngehabe ergänzten sich hier schon immer. Nur so wurde man Messe- und beinahe Olympiastadt, galt früher lange als pro Kopf reichste Stadt des Reiches und will das wieder werden - koste es, was es wolle.
Deshalb muss sich auch Babis, der Wirt, keine Sorgen machen. Die wirklich großen Räder, das wollen Trattoria-Stammgäste wissen, werden ohnehin bei anderen Tafelrunden gedreht. Dafür fährt Burkhard, so flüstern sie, ab und zu auf ein Schloss im Westen der Stadt. Die Teilprivatisierung der Stadtwerke steht an. Offenes Bieterverfahren, viele Interessenten, Verfahren streng geheim. Es geht um mehrere Millionen Euro.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 26/2007