
Der dritte Mann: Walther Otremba, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium© Angelika Warmuth/DPA
Asmussen kenne sich auch "bestens in der deutschen Bankenszene aus", wie Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann lobt. Er duzt sich mit Commerzbank-Chef Martin Blessing, kennt den US-Finanzminister Timothy Geithner seit Langem. Lädt die Deutsche Bank zum Hauptstadtfest, läuft er kaum zwei Schritte, ohne angesprochen zu werden. Die Banker mögen ihn.
Die Männer aus dem Schattenkabinett kennen sich lange. Asmussen und Weidmann schwitzten Anfang der 90er Jahre bei Klimmzügen und Liegestützen in einer Sporthalle an der Friedrich- Wilhelms-Universität in Bonn. Asmussen studierte Ökonomie, Weidmann schrieb an seiner Doktorarbeit über europäische Geldpolitik. Zweitgutachter: Axel Weber. 1996 ging Asmussen ins Finanzministerium - als Gedankenlieferant für Walther Otremba, der dem damaligen Finanz- minister Theo Waigel die Reden schrieb.
Als Asmussen dann das Büro von Hans Eichel leitete, empfahl er 2002 dem Minister, seinen alten Professor Weber in den Sachverständigenrat zu schicken. Zwei Jahre später schlug er Weber als neuen Bundesbankchef vor. Mit Weber wechselte Asmussens Studienkollege Jens Weidmann zur Bundesbank. Und als die Kanzlerin 2005 nach einem Abteilungsleiter fahndete, empfahl Weber seinen Weidmann.
Über die Jahre ist zwischen Asmussen, Weber und Weidmann ein enger Draht entstanden. Was sie besprechen, dringt nicht nach außen. "Wir arbeiten effektiv zusammen, weil wir einander vertrauen und respektieren", sagt Weidmann.
Jens Weidmann grinst. Es ist das Grinsen eines großen Jungen. Er sitzt auf einer Ledercouch. Die blonden Haare sind gescheitelt, einige Strähnen fallen in die Stirn. Man kann sich nicht vorstellen, dass Weidmann irgendwann brüllen könnte. Seine Stimme lullt ein, ab und zu nutzt er sanfte Ironie. Leidenschaftlich wird er nur, wenn er über Afrika redet. Er war in Ruanda, im Tschad und auf den Kapverden, lebte bei Entwicklungshelfern, verhandelte für den Internationalen Währungsfonds Entschuldungsabkommen und wanderte durch die Nationalparks, wo die Berggorillas leben. Zu Hause schiebt er manchmal eine afrikanische CD in den Spieler.
Weidmann will keinem beweisen, wie toll er ist. Es genügt ihm, dass er es selbst weiß. Vielleicht hat ihn Angela Merkel deswegen geholt. Sie erträgt keine Wichtigtuer, denen bei jedem Wort das Testosteron aus den Poren dampft. Sie schätzt Weidmann wegen seiner Nüchternheit und Effizienz. Wenn sie auf dem G-20-Gipfel in Pittsburgh den anderen Staatsund Regierungschefs erklärt, wie sie nachhaltig wirtschaften sollen, hat Weidmann die Vorlage dazu geschrieben. Sie vertraut ihm wie nur ganz wenigen. Manchmal geht sie aus Runden und sagt: "Den Rest erklärt Herr Weidmann. Der kann das sowieso besser."
In der Union sehen ihn trotzdem viele als Leichtgewicht. Sie sagen: Er ist unpolitisch. Er hat kein Parteibuch. Schimpfen: "Der Steinbrück hat diesen tollen Asmussen, und wir haben nur diesen ... Fachmann."
Über Asmussen dagegen sagen selbst manche Genossen: "Der hat uns den ganzen Schlamassel eingebrockt." Und: "Er hat den Finanzleuten aus Frankfurt zu viel geglaubt." Zu rot-grünen Zeiten murmelte Asmussen das Mantra, wonach gut für das Land war, was gut für den Finanzplatz Frankfurt war. Er war nicht allein. Viele sorgten sich um die heimische Finanzindustrie, von Guido Westerwelle über Angela Merkel bis zu Franz Müntefering. Sie wollten international nicht abgehängt werden, und so trieb Asmussen entsprechende Gesetze voran. Dem Finanzministerium sei "stets wichtig", dass "sich der Markt für Asset Backed Securities (ABS) in Deutschland stärker als bislang entwickelt", schrieb er 2006 über die neuen Wertpapiere. Auch sollten den Banken "keine unnötigen Prüf- und Dokumentationspflichten entstehen". Heute zählen die ABS zu den Giftmüllpapieren, die die Banken Milliarden kosten. Am Ende wird der Steuerzahler dafür zahlen müssen.
Die Krise hat Jörg Asmussen verändert. Er ist skeptischer geworden. "Wenn die Lage sich ändert, ändert sich auch die Meinung", sagt er. Er habe Ratingagenturen und Wirtschaftsprüfern zu viel geglaubt und unterschätzt, wie eng das Finanzsystem vernetzt sei. Er hat ein Bild im Kopf: Wenn eine Bank kriselte, dachte er an ein isoliertes Feuer, das man leicht löschen könne. Doch dann sprangen Funken über und lösten einen Flächenbrand aus. Jetzt sagt er: "Wir brauchen die ordnende Hand des Staates, die Regeln setzt und durchsetzt." Wann die Krise ausgestanden ist? Da will sich Asmussen nicht festlegen. "Ich bin vorsichtig geworden, was Prognosen angeht", sagt er. "Auch bei den eigenen."
Jens Weidmann hat sich auch geändert. Früher hätte er sich nie vorstellen können, dass der Staat eine Bank verstaatlicht; Konjunkturprogramme hielt er für nutzlos. Heute setzt er sich für beides ein. Vielleicht begann der Wandel mit den Bankern, die auf seiner Ledercouch saßen. Die ihm erzählten, dass die Krise kein Problem sei - und bald danach Milliardenverluste einräumen mussten. Er mag die einfachen Antworten einiger Experten nicht mehr hören: "Die Welt ist komplexer, als Angebots- und Nachfragetheoretiker manchmal glauben machen."
In seinem Büro schmiegt sich an den Rahmen eines Bildes eine Plüschmaus. Sie stammt von seiner Tochter Charlotte. Manchmal bedankt sie sich auch mit Bildern, wenn er mal unter der Woche daheim im Rheingau war. Normalerweise sieht er die beiden Kinder und seine Frau nur am Wochenende. In Berlin verabredet er sich zuweilen mit sich selbst, damit er Zeit zum Nachdenken hat.
Asmussen erholt sich beim Joggen oder am Küchenherd. Im Sommer legt er eine Dorade auf den Grill, im Winter schiebt er Hirschbraten in den Ofen. Er kommt nicht mehr oft dazu. Er schaffte es nicht einmal in die Klinik, als seine Partnerin die zweite Tochter zur Welt brachte. An jenem Montag im Oktober saß er im Kanzleramt - und schnürte das erste Bankenrettungspaket.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 32/2009