
In voller Pracht: der frühere Rotarmist Ilja Riaboi im Altersheim in Hannover© Michael Trippel
Und sie ist unabhängig vom Zentralrat, eine globale Bewegung. Streng hierarchisch. Ohne öffentliche Hilfe. Die Zentrale entscheidet, wer als Rabbiner wo hingeht. 4500 Gesandte sind weltweit im Einsatz. Hierzulande sind es schon 14, so in Berlin, Hamburg und Dresden. Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik, viele Jahre Leiter des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts und Kenner der Lubawitscher in Deutschland, sieht sie kritisch. "Sie tun so, als würden sie das eine originäre Judentum repräsentieren. In Wahrheit gibt es zwischen ihnen und dem deutschen Judentum keinerlei Verbindung." Die Chabadniks sind besonders erfolgreich, weil sie sich um Kinder kümmern. Ihr Angebot: Kindergärten, Ferienlager, Jugendfahrten. Ihre Botschaft: strenge Einhaltung der religiösen Regeln und ein Familienbild mit der Frau am Herd und dem Mann auf Arbeit. "Da kommt etwas sehr Konservatives nach Deutschland." Trebnik juckt die Kritik nicht. Er fährt übers Land, besucht seine Schäfchen. Auf dem Smartphone hat er die Thora gespeichert. "Ich habe auf jede Frage eine Antwort. Das ist Fortschritt." Und was ist mit den deutschen Juden? Der Rolle der Zeitzeugen? "Ganz ehrlich, in meinem Leben spielt der Holocaust kaum eine Rolle. Wir sollten nicht über vergossene Milch klagen." Seine Gemeinde hat sich in sieben Jahren fast versechsfacht - von 80 auf 460 Mitglieder. Würde seine Frau einem fremden Mann die Hand geben? "Nein."
Ein Büro in München. Vier Zimmer, ein Flur, sehr viel Bewegung. Junge Damen flitzen hin und her, Telefone klingeln. Das Vorzimmer von Charlotte Knobloch. Die Präsidentin des Zentralrats empfängt mit einem Lachen. Ihr Haar: eine stolze, rotbraune Mähne. Die Frau kann kämpfen. Knobloch wird in diesem Jahr 75. An der Wand Fotos ihrer Enkelin. "Sie leistet in Israel ihren Wehrdienst." Auch Knobloch steckt im Wehrdienst. Misstrauisch wehrt sie Fragen nach den Konflikten ab. Der Zorn der Alteingesessenen über die "Russen" - für sie unvermeidlich, aber lösbar. Der Konflikt mit den Liberalen - für sie erledigt. Der wachsende Einfluss der Chabadniks - soll sie nicht stören. "Wenn es Probleme gibt, muss das jede Gemeinde für sich lösen." Die Anführerin will nichts auf ihren Zentralrat kommen lassen. Probleme sieht sie nicht. Oder möchte nicht über sie sprechen. Charlotte Knobloch wurde drei Monate vor Hitlers Machtübernahme geboren. Der Vater war Jude. Die Mutter, zum Judentum übergetreten, verließ die Familie, floh vor den Nazis. Im November 1938 erlebte die sechsjährige Charlotte die Zerstörung ihrer Welt, die Reichspogromnacht in München. An Vaters Hand durchstreifte sie die Stadt, sah mit aufgerissenen Augen, wie die Synagoge und jüdische Geschäfte brannten. Diese Bilder haben sich eingebrannt, beherrschen ihr Leben.
Was ist ihre stärkste Wurzel? "Das Gefühl, überlebt zu haben." Was ist die Hauptaufgabe des Zentralrats? "Der Kontakt zur Politik, um Rechtsextremismus und Antisemitismus ins Bewusstsein der Menschen zu bringen." Warum wollte sie Präsidentin werden? "Aus Erfahrung. Es ist wichtig, als Überlebende der Shoah die Stimme zu erheben. Wir werden nicht mehr lange auf Zeitzeugen zurückgreifen können." Was das für sie heißt, zeigte Knobloch im Herbst 2006 mit ihrer Reaktion auf verschiedene antisemitische Vorfälle in Ostdeutschland: "Wir fühlen uns an die Zeit nach 1933 erinnert", sagte sie damals. Eine bewusste Überspitzung? "Was ich sage, fühle ich auch. Da wird nichts diplomatisch formuliert. So ist es." Zu ihrem Alltag gehören Personenschützer. Und E-Mails wie diese: "Ihr Juden. Wir kommen wieder und dann bekommt ihr Sterne geht zum duschen nach Auschwitz danach geht's zum trocknen in den Ofen." 1938. 2007. Geschichte bleibt eingebrannt. Für immer. Lena Gorelik kennt Knobloch. Sie mag sie. Aber sie sagt: "Mir tut Frau Knobloch leid. Sie kommt nicht mehr raus aus ihrer Rolle." Auch Gorelik ist eine Jüdin in Deutschland. Sie ist 26. Dunkelgrüne, hellwache Augen, rotblonder Haarschopf, bunte Klamotten, Wildlederstiefel. Dazu die Zuversicht der Generation von morgen.
Gorelik kam 1992 mit ihrer Familie aus Russland. "Das Essen, die Sprache, die Menschen, selbst die Familie änderte sich. Als würde man neu geboren." Abitur in Ludwigsburg, Studium in München. Nach fünf Jahren schließt sie ab, übersetzt einen russischen Roman, schreibt ihren ersten eigenen. Sie reist, hält Lesungen, genießt ihr Leben zwischen drei Kulturen. Deutschland ist ihr Zuhause. Ihre Heimat ist St. Petersburg. Und was hat sie geprägt? "Meine Familie! Eine wunderbare Mischung aus russisch, jüdisch, deutsch." Dabei ist das Jüdische für sie nicht so sehr Religion. "Es hat mit Gefühlen zu tun. Mit dem jüdischen Humor, mit der Familie, mit jüdischen Freunden, Woody Allen." Gorelik hat keine Angst, vor allem nicht vor Antisemiten. "Das ist absurd. Ich bin hier zu Hause." Hart geht sie mit dem Zentralrat ins Gericht. "Die können nicht aufhören, nach Bedrohlichem zu forschen. Ich nenne sie Antisemitismussucher." Natürlich gebe es Antisemiten. Wie in anderen Ländern. Aber das dürfe nicht alles überlagern. Nicht ewig. "Es gibt viel mehr im deutschen Judentum. Das muss unser Thema werden."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 17/2007