
Carola Möllemann-Appelhoff, die Witwe, kehrt vom Unglücksort in ihr Haus in Münster zurück, zur Leiche wurde sie nicht vorgelassen© dpa
"Er liebte dieses Haus über alles. Er kam, um davon Abschied zu nehmen", sagt der Heilpraktiker Willi Schulz, der unweit von Möllemanns Refugium sein "Rehabilitations-Centrum" betreibt. Regelmäßig kam Möllemann seit 1996 zur Aufbautherapie zu dem heute 60-Jährigen, der ihm zur Regeneration Mineral- und Vitaminspritzen verpasste. Seit zwei Jahren ließ er sich auch wegen ständiger Herzbeschwerden behandeln und wegen seiner Angst vor Krebs, die ihm im Nacken saß, weil sein Vater qualvoll an einem Speiseröhrenkarzinom gestorben war. Er sagte: "Ich will nicht so sterben wie er."
Als Möllemann sich vor zwei Jahren bei einer Landung mit dem Fallschirm die rechte Schulter geprellt hatte, kam er auch in die Hände von Hannelore Schulz, Ehefrau des Heilpraktikers, einer 55-jährigen Physiotherapeutin mit Ausbildung zur Praktischen Psychologin. "Aus der Physiotherapie wurde eine Art Gesprächstherapie", sagt Frau Schulz. "Er hat sich bei mir wohlgefühlt. Er hat mal loslassen können."
Das brauchte er vor allem nach seinem Zusammenbruch im Herbst vergangenen Jahres. Immer wieder habe er sich über die FDP-Größen Gerhardt, Westerwelle und Rexrodt beklagt. "Diese Wölfe, die jagen mich." Oder: "Die Geier, die glauben mir nichts." Er hatte Angst vor einer plötzlichen Herzattacke und begab sich auf Vermittlung von Heilpraktiker Schulz bei dem Internisten Alvaro Valenzuela Bossmeyer in Behandlung. "Der hat wie wir einen totalen Erschöpfungszustand diagnostiziert", sagt Schulz. "Doch als er jetzt vor zwei Wochen wiederkam, war alles noch viel schlimmer. Er war regelrecht depressiv." Gebückte Haltung, schweigsam, kein Schwung.
"Er hat sich vollkommen zurückgezogen", sagt Schulz. Möllemanns Lippen waren bläulich, sein Gesicht mehr lilarot als weiß. Er ließ seiner Enttäuschung über falsche Freunde freien Lauf. "Und er äußerte eine wahnsinnige Angst, dass er im Rahmen der gegen ihn erhobenen Vorwürfe auch dieses Haus verlieren könnte", sagt Schulz. "Er hat sich umgebracht, weil er so erreichen wollte, dass seine Familie neben der Ehre nicht auch noch das gesamte Vermögen verliert. Er hat das alles gemacht, damit Frau und Kinder in Ruhe ein angenehmes Leben führen können." Der Heilpraktiker sah seinen Patienten nur noch einmal wieder. Am Sonntag nach seiner Abreise aus Gran Canaria, bei "Sabine Christiansen". Er, der sonst so kämpferisch war, wirkte auf ihn erschreckend wortkarg und zurückhaltend, sein Blick ging ins Leere. "Da habe ich meiner Frau gesagt: Das ist nicht mehr mein Möllemann. Da passiert irgendwas. Den sehen wir nie wieder", sagt Willi Schulz. "Bei seinem Sprung hat er vermutlich gedacht: Wenn ich jetzt unten ins Auto steige und nach Hause fahre, dann verhaften die mich. Das wollte er seiner Familie nicht antun. Er hat es getan, damit die die Ermittlungen einstellen. Sonst hätten die dem alles abgenommen."
Einen Tag vor seinem Tod war Möllemann ein letztes Mal im Düsseldorfer Landtag. Er sei in einem erschreckend schlechten Zustand gewesen, sagt ein Abgeordneter zum stern. "Er hatte einen knallroten, aufgedunsenen Kopf, er trug Jackett, aber keine Krawatte. Er roch deutlich nach Alkohol, hatte einen glasigen, unsteten Blick, der richtig flackerte." Kollegen, die ihm im Vorübergehen ein "Wie geht‘s" zuriefen, beschied er mit dem rheinischen Spruch "Et kütt wie et kütt". Längere Zeit plauderte er mit Horst Engel, dem innenpolitischen Sprecher der FDP. "Möllemann war optimistisch, was seine Verfahren bei der Staatsanwaltschaft anging", berichtet Engel. Doch da sei kein Feuer mehr gewesen, erinnert sich Engel. Nichts mehr habe gebrannt in dem Mann, der Politik immer nur auf der Überholspur gelebt habe. "Ich hatte den Eindruck, es war eine tiefe Traurigkeit in ihm."
Möllemann war, daran besteht kein Zweifel, schwer angeschlagen. Sein gesamtes politisch-soziales Gefüge war weggebrochen. Alte Freunde schnitten ihn. Er war draußen. Draußen vor der Tür. Parallel dazu geriet er zunehmend unter einen schwerwiegenden Verdacht: War er als Bundeswirtschaftsminister bestechlich gewesen, und hatte er Millionen aus Schmiergeldzahlungen kassiert, die nach dem Verkauf von 36 Fuchs-Panzern nach Saudi-Arabien im Jahr 1991 geflossen sind?
An seinem Todestag beschlagnahmten Ermittler Unterlagen über Konten und Geldflüsse in Luxemburg, Liechtenstein, Spanien und Deutschland (siehe S. 40: "War Möllemann käuflich?"). Dubiose Geschäfte Möllemanns könnten seit langem gelaufen sein. Anfang der achtziger Jahre wurden ABC-Dekontaminations-Fahrzeuge in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) verkauft, wobei ebenfalls Schmiergeld in Millionenhöhe gezahlt wurde. Bedient wurde dabei unter anderem die Würzburger Firma Mero, deren damaliger Besitzer Horst Klose wiederum Kontakte zu Möllemanns altem Kumpel Rolf Wegener hatte. Bemerkenswerter noch: Klose war seinerzeit Vizepräsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, deren Präsident Jürgen W. Möllemann war. Klose, vom stern mit den Vorwürfen konfrontiert, kann sich an die Vorgänge von damals nicht mehr erinnern - er hatte einen Schlaganfall.
Druck auf Möllemann soll es außerdem von israelischer Seite gegeben haben. Israels Geheimdienst Mossad lancierte nach stern-Informationen, dass er Millio-nen von arabischer Seite bekommen habe, um antiisraelische Propagandaaktionen zu finanzieren. Geheimdienst-Desinformation - oder Wahrheit?