Ganz ähnlich seine Wirkung auf die Deutschen. Fischers Karriere ist voll von Gesten der Herablassung gegenüber dem etablierten Staats- und Parteienbetrieb. Und seine persönliche Biografie, von ihm in Büchern und Interviews unablässig ausgebreitet und zum Heldenepos verdichtet, bezieht ihre Wirkung bezeichnenderweise vor allem aus politikfernen, ja romantischen Kategorien: Einsamkeit und Liebesschmerz, innere Umkehr und Selbstüberwindung durch Diät.
So gesehen war Fischer immer der unpolitischste Politiker in Deutschland, geradezu die Verkörperung des Anti-Politischen, das sich moralisch wie intellektuell über die Niedrigkeiten des Parteien-Alltags erhaben weiß.
Dafür liebten ihn die Deutschen. Umso schlimmer ist es, dass er jetzt, im Skandal, auf eine für alle verstörende Weise als "normaler" Politiker greifbar wird. Einer, der verdrängt und verschweigt. Der gewundene Rechtfertigungen rausdrückt und Fehler erst mal nicht bei sich, sondern bei "meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern" erkennen kann. Einer, der also doch an seinem Sessel klebt - genau so wie die Laurenz Meyers dieser Welt.
Von ihm hatte man so was am wenigsten erwartet. Das geht einfach nicht. Das macht die Geschichte zwischen Fischer und den Deutschen zu einer Geschichte von enttäuschter Liebe.
Erst jetzt, da seine Aura verfliegt, wird klar, welch inszenatorischer Kraftakt hinter der eigentlich disparaten Figur Fischer steckt, wie viel Energie erforderlich war, diese eigentümliche Komposition aus Anarcho-Charme und ministerieller Würde über Jahre zusammenzuhalten und zur Ikone zu machen - zum beliebtesten Politiker Deutschlands.
Keiner hat so virtuos die Medien bedient wie er, aber keiner hat auch so brutal versucht, sie zu disziplinieren und für die Ikonenmalerei in Dienst zu nehmen. Wer zu ihm vordrang, konnte was erleben - etwa, wenn er zu raumgreifenden außenpolitischen Analysen anhob, Spannungen im "kaukasischen Krisenbogen" eskalieren ließ, die auf "thermo-nuklear aufgeladene Regionalkonflikte" überspringen und schließlich, gesteigert durch "unabsehbares Eskalationspotenzial", die ganze Zivilisation in einem schaurig-schönen Weltenbrand hinwegfegen.
Das war großes Kino. Aber oft genug wirkt er auch wie paralysierend auf seine Umgebung. Wenn er zu halb-privaten Feiern bei den Grünen auftaucht, dominiert zumeist "ein Gefühl merkwürdiger Leere", erzählt ein Teilnehmer. Man bleibt stundenlang bei mühsam hingeschlepptem, immer wieder banal versickerndem Gerede beisammen. Mitunter starrt Fischer brütend in sich hinein. Die Anwesenden versuchen mit Witzen oder Anekdoten, seine Aufmerksamkeit zu gewinnen - bis alle wieder in einer Mischung aus Respekt und Beklommenheit verstummen.
Sein System fordert immer auch Unterwerfung. Als Journalist erlebte man zuweilen Unfassbares: absterbende Gespräche, sobald er in der Nähe war. Flehende Hundeblicke. Servile Liebedienerei. Und eine fein abgestufte Hack- ordnung unter den Medienbegleitern, abhängig von seinen Gunsterweisen.
Natürlich kann Fischer auch unglaublich charmant sein. Er hat in verregneten Wahlkämpfen seinen Mantel schützend über frierende Korrespondentinnen gelegt. Oder Berichterstatter auf Auslandsreisen zu stundenlangen Essgelagen auf sein Hotelzimmer eingeladen: "Fragen Sie nur, fragen Sie nur, Sie können alles fragen, was Sie wollen ...!"
Aber er hat sie auch gedemütigt und verletzt - am liebsten dann, wenn alle anderen dabei waren, damit es auch jeder mitbekommt. Die Unnachgiebigkeit, ja ätzende Schärfe, mit der sein Verhalten im Visa-Skandal jetzt von den Medien begleitet wird, hat auch etwas zu tun mit diesem Gefühl jahrelangen seelischen Missbrauchs, das er bei Journalisten hinterlassen hat.
Viele haben offene Rechnungen mit ihm - aber alle haben auch Angst vor dem Augenblick, an dem er sie mit grundsoliden Leuten wie Christian Wulff oder Ronald Pofalla alleine lässt.
Rücktritt? An einem Abend vor ein paar Wochen saßen Gerhard Schröder und Fischer im Kanzleramt zusammen. Fischer fragte den Kanzler, ob es nicht besser sei, einfach Schluss zu machen. Aber der Kanzler braucht Fischer. Und Fischer braucht das Amt - sonst wäre er nicht mehr Fischer.
Aber wenn jetzt Woche für Woche neue Details ans Licht kommen? Details, die von Hochmut und Ignoranz erzählen, von Wegdrücken und Vertuschen oder auch einfach nur - von Schludrigkeit? Wäre er dann noch Fischer? Man kann sich das nicht vorstellen, man will sich das nicht vorstellen: die monatelange, quälende Demontage.
Einmal, es ist schon einige Jahre her, hat er gesagt: "Wenn es so weit ist, dann kann ich in meinem Büro innerhalb von einer Stunde meine Sachen packen und verschwinden." Das hat Stil. Das klingt schon eher nach Fischer.
Tilman Gerwien
Mitarbeit: Andreas Hoidn-Borchers, Dorit Kowitz, Jan Rosenkranz
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 17/2005