Cohn-Bendit: Das ist Unsinn.
Eppler: Das halte ich wirklich für falsch.
Eppler: Eine große Koalition hätte genau dieselben Probleme bekommen. Rot-grün war und ist die am wenigsten schlechte Regierung.
Cohn-Bendit: Ich glaube schon, dass auch eine große Koalition viel hätte voran bringen können - wenn sie in einem nationalen Konsens geführt worden wäre, wie in Schweden. Dort wurden die großen Reformen dank eines solchen Konsens zwischen Regierung, Opposition, Unternehmen und Gewerkschaften erst möglich. Bei uns verfolgen die politisch Verantwortlichen in Wahrheit nur Parteiinteressen, die sie als nationale Interessen deklarieren.
Eppler: Zwei Dinge: Das Erste ist das Nein zum Irakkrieg. Die Bundesrepublik Deutschland wird heute auf der ganzen Welt ernster genommen als 1998.
Cohn-Bendit: Fischers Satz "I am not convinced" ist in die Geschichte eingegangen. Ich bin nicht überzeugt. Deutschland ist nicht überzeugt. Und wenn wir nicht überzeugt sind, machen wir nicht mit.
Eppler: Das Zweite, was bleibt, ist die Energiewende. Je höher der Ölpreis steigt, desto dankbarer werden die Deutschen dafür sein, dass dieses Umsteuern auf erneuerbare Energien vielleicht gerade noch rechtzeitig begonnen hat. Ein Regierungswechsel würde allerdings beide Ergebnisse gefährden.
Cohn-Bendit: Ein weiterer Punkt: Endlich ist im Bewußtsein angekommen, dass Deutschland Einwanderungsland ist. Die Zahl der Ausländer nimmt ab, weil immer mehr Migranten Deutsche werden. Willkommen im 21. Jahrhundert! Das ist eine kulturelle Entwicklung. Dazu gehört auch, dass der ehemalige christsoziale Finanzminister neu heiraten kann, ohne dass die Gesellschaft zusammenbricht. Dass wir möglicherweise eine Frau als Kanzlerin und einen Schwulen als Fortschrittsminister haben werden, wäre noch unter Kohl undenkbar gewesen.
Eppler: Das wäre kein Verdienst.
Cohn-Bendit: Es ist einfach die Entwicklung. Es ist schon interessant, dass die Konservativen kulturelle Veränderungen immer bekämpfen, aber sehr glücklich sind, wenn sie Nutznießer sein können.
Eppler: Die Grünen haben einiges durchgesetzt, was auch im SPD-Grundsatzprogramm steht. Mit einer anderen Partei wäre es wohl schwieriger geworden. Deshalb glaube ich auch nicht, dass sich das Thema Rot-Grün erledigt hat. Sogar wenn die Wahl verloren geht, kann ich mir innerhalb der nächsten zehn Jahre sehr wohl wieder eine rot-grüne Regierung vorstellen. Eine andere Mehrheit links vom Zentrum ist kaum vorstellbar.
Cohn-Bendit: Die SPD wird, wie so oft in ihrer Geschichte, eine Zeit der Auseinandersetzung erleben, und am Ende wird eine neu ausgerichtete SPD herauskommen. Ich glaube nicht, dass Personen so entscheidend sind, dass Parteien zusammenbrechen, wenn sie verschwinden. Und ich bin im Moment toll in Prognosen. Ich hatte den Aufstieg der Frankfurter Eintracht schon Monate vorher festgelegt.
Cohn-Bendit: Vor acht Wochen habe ich auch schon gesagt, die Frankfurter Skyliners kommen ins Basketball-Endspiel - und verlieren. Auch da hatte ich Recht. Jetzt sage ich Ihnen, der zukünftige SPD-Vorsitzende heißt Sigmar Gabriel.
Cohn-Bendit: Wenn die Wahl verloren geht, in den nächsten zwei Jahren. Er wird versuchen, den Grünen den Begriff der sozialen Modernisierung abzukaufen. Aber das wird teuer.
Eppler: Der Terminus der sozialen Modernisierung ist viel älter als die Grünen.
Cohn-Bendit: Er war billig zu haben. Er lag verwahrlost in der Gosse
Eppler: Das ist nicht der Punkt. Ich glaube, dass eine SPD ohne Müntefering noch schwerer vorstellbar wäre als eine ohne Schröder. Die SPD überrascht mich im Augenblick damit, mit welcher Gelassenheit sie all den Untergangspropheten begegnet, die sich für moderner halten.
Eppler: Die Auflösungserscheinungen finden immer nur in den Medien statt, nicht in den Ortsvereinen der SPD.
Cohn-Bendit: Ein bisschen bei den Wählerinnen und Wählern.
Eppler: Natürlich, die lesen auch Zeitung. Aber eine Partei, die schon so viel hinter sich hat und die sich auch jetzt nicht verrückt machen lässt, hat selbstverständlich eine Zukunft, unab-hängig davon, wie die nächste Wahl ausgeht.
Eppler: Die Grünen haben ihre Existenz einem Thema zu verdanken, das uns das ganze 21. Jahrhundert begleiten wird. Die ökologischen Kleinkatastrophen werden immer wieder das ökologische Bewusstsein schärfen. Ich glaube, dass die Grünen die FDP um Jahrzehnte überleben werden.
Cohn-Bendit: Joschka Fischer hat die Grünen in den letzten zehn Jahren entscheidend geprägt. Aber eine demokratische Partei ist kein Personenprojekt.
Cohn-Bendit: Ach, das gibt´s in allen Parteien. Joschka klein zu reden wäre Blödsinn. Aber die Grünen auf Joschka zu reduzieren ist auch Blödsinn.
Cohn-Bendit: Die Wiederauflage einer rot-grünen Landeskoalition.
Cohn-Bendit: Nein, die sind gut, die sind unheimlich gut. Und sollte es nicht klappen schenken Frankfurter Banken der Eintracht Ronaldinho oder Kaka. Ich war immer für eine mutige Einwanderungspolitik.
Interview: Andreas Hoidn-Borchers und Jan Rosenkranz
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 28/2005