
Helm: Sie diskutieren ja immer noch!
Schön, dass Sie sich so sehr für dieses Thema
engagieren.
Schröder-Köpf: Frau Helm, wie erleben
Sie den Leistungsdruck an Ihrer
Schule?
Helm: Schüler haben heute große Angst
zu versagen. Das ist mehr geworden.
Beckmann: Was muss passieren, damit
Sie G8 für Schüler und Lehrer besser organisieren
können?
Helm: Wir bräuchten kleinere Klassen -
und mehr Lehrer. Hier in diesem Klassenraum
der 5b werden 32 Zehnjährige unterrichtet.
Das ist eine riesige Gruppe. Wir
können die Kinder nicht so individuell
fördern, wie wir es möchten. Und wir
bräuchten einen Ganztagsschulbetrieb.
Wir müssten eine Mittagspause haben.
Bisher bieten wir zweimal in der Woche
ein Mittagessen an. Das wird gut angenommen.
Schröder-Köpf: An dem Gymnasium
meiner Tochter sorgen dafür die Mütter.
Sie werden "Brötchenmütter" genannt.
Beckmann: Auch bei uns gehen die Eltern
zum Brötchenschmieren in die Schule.
Es gibt einen ganz klaren Rhythmus,
wann man antreten muss.
Helm: Das habe ich bewusst an dieser
Schule nicht so gemacht. Als berufstätige
Mutter von zwei Kindern weiß ich: Das
kann man nicht auch noch schaffen. Wir
bekommen das Essen geliefert. Außerdem
gibt es bei uns einen Kiosk. Aber
die Schüler sollen nicht nur essen, sondern
rausgehen. Sie müssen Luft
schöpfen und einfach mal ihren Bewegungsdrang
loswerden.
Beckmann: Ja, aber dafür reichen 45
Minuten nicht.
Helm: Sie haben recht. Die Pause
müsste anderthalb Stunden dauern.
Das geht wirklich nur im Nachmittagsbetrieb,
wenn die Schule bis 16 oder 17
Uhr geht.
Beckmann: Was machen wir denn jetzt?
Es wäre nicht gut, wenn diese Debatte einfach
mit der Hamburg-Wahl beendet ist.
Helm: Wir schreien so lange, bis sich
etwas zum Positiven ändert. Ganz im
Ernst: Der Druck, der jetzt seit 14 Tagen
da ist, hilft. Für uns an der Schule ist das
Thema nicht neu, aber niemand hat es
angepackt. Wir müssen sagen: "So geht es
nicht!"
Schröder-Köpf: Wir müssen ganz
grundsätzlich darüber diskutieren: Was
soll Schule heute leisten? Es gab noch niemals
in der Geschichte eine Phase, wo
so viele Veränderungen in so kurzer Zeit
auf die Menschen einprasselten. Wir dürfen
die Kinder nicht mit Wissen vollstopfen,
sondern sie müssen lernen zu
lernen. Und wir müssen mehr Herzensbildung
betreiben. Schon aus sozialen
Gründen. Wir ziehen jetzt Kinder groß,
die später ebenso viele Alte versorgen
müssen wie Kinder. Wenn es dumm läuft,
müssen sie zwei demente Eltern pflegen,
während sie ihre eigenen Kinder aufziehen.
Wir müssen unsere Kinder zu Mitgefühl
erziehen. Da müssen wir jetzt was
machen.
Interview: Catrin Boldebuck, Norbert Höfler
Was ist eigentlich G8? Alle Bundesländer kürzen die Zeit zwischen Ende der Grundschule und dem Abitur von neun auf acht Jahre. Deshalb wird die Schulreform "G8" genannt. Der Unterrichtsstoff bleibt unverändert: Laut Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) muss ein deutscher Schüler bis zum Abitur 265 Jahreswochenstunden absolvieren. Hatte ein Gymnasiast vor der G8-Reform im Durchschnitt 30 Schulstunden pro Woche, sind es nun 33. Häufig dauert der Unterricht bis in den Nachmittag. Bei der Einführung von G8 gab es in den meisten Gymnasien weder passende Bücher noch Kantinen fürs Mittagessen. Und erst jetzt entrümpeln viele Kultusminister die Lehrpläne. Ende Januar löste TV-Moderator Reinhold Beckmann eine Debatte aus. In seiner Sendung platzte dem Vater von zwei Kindern vor laufenden Kameras der Kragen: "Unsere Kinder sind total überfordert", sagte er. Der Hamburger Bürgermeister Ole von Beust (CDU) kündigte daraufhin an, von den 265 Jahreswochenstunden bis zum Abitur 14 streichen zu wollen. In den nächsten Jahren werden die Schüler aus dem alten G9-System und aus den neuen G8-Jahrgängen gleichzeitig fertig (siehe Karte). Bis 2013 werden daher nach Schätzung der KMK zusätzlich rund 180.000 Abiturienten mehr auf den Arbeitsmarkt und in die Hochschulen drängen.