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24. Mai 2008, 20:25 Uhr

Undercover bei Scientology

Anrufe in Abwesenheit: Ständig klingelt das Telefon. Das neue Mitglied soll unter Kontrolle gebracht werden

Ich erzähle Sören, dass meine Freundin die Papiere gefunden und zerrissen hat. "Hm", sagt Sören. "Am besten machst du jetzt einen anderen Kurs." Sofort. "Die Auf und Abs im Leben überwinden." 90 Euro und 50 Cent. "Hast du das Geld?" Natürlich nicht. "Ich bin doch arbeitslos." Er: "Gut, dann treib es auf. Denn du musst wieder Ursache werden. Du musst deine Freundin handhaben. Und wenn nicht, dann muss man sich trennen." Wir gegen die also. Sören schaut mir tief in die Augen. "Hast du schon mal darüber nachgedacht, ob deine Freundin dich betrügt?" Dann führt mich Sören raus, sagt "Sicherheitscheck" und übergibt mich an Philipp. Blond, harter Blick, um die 30. "Nimm bitte die Dosen in die Hand", sagt er. Schon wieder das E-Meter, der Lügendetektor.

Bei Verdacht kommt der Lügendetektor

"Bist du hier, um Geschichten für Zeitungen zu finden?" Ich versuche, die Frage mit ein bisschen Empörung wegzulachen. Bloß an nichts denken, keinen Druck auf die Dosen des E-Meters ausüben. Durch die wird ein schwacher Strom geleitet, der den Hautwiderstand misst. Wenn die Messnadel ausschlägt, sieht man, dass etwas in einem vorgeht, aber nicht, was.

Primitiv. Mein Herz klopft. Der andere hat die Kontrolle, ich nicht. "Gibt es etwas, dass du mir nicht erzählst?" Wieder und wieder stellt er solche Fragen. Wie lange bin ich jetzt schon hier drin? Meine Hände sind klamm. Ich werde aggressiv. Will raus. "Du kannst mir alles sagen", sagt Philipp, "es bleibt unter uns." Von jeder Sitzung wird ein Protokoll angefertigt. Intimste Geheimnisse werden archiviert und bei Bedarf als Druckmittel eingesetzt. "Irgendwas ist da noch", sagt Philipp und schaut mich argwöhnisch an, als ich gehe. Zu Hause muss ich erst mal einen Schnaps trinken. Die Methoden der Scientologen gehen an die Substanz. Sich geistig abzuschotten kostet Kraft. Wie lange hält man so etwas aus? Sören hat gesagt, ich soll vor meiner Freundin zu Hause sein. Damit sie nicht merkt, dass ich weg war.

Das Handy wird als Kontrollinstrument benutzt

Mittwoch, 9. April. Mein Telefon läutet bis spät in die Nacht. Es klingelt, dann wird aufgelegt. Wieder und wieder. Für Scientologen endet die Woche am Donnerstag um 14 Uhr. Dann werden die Leistungen ausgewertet, die jeder für die Organisation erbracht hat. Für die Expansion müssen die Zahlen steigen. Alle stehen unter diesem Druck und geben ihn weiter.

Donnerstag, 10. April. Heute Morgen geht es gleich wieder los. Ich lasse es 20 Mal klingeln, bevor ich rangehe. "Hallo Thorsten, hier ist Carina. Wann kannst du denn wieder reinkommen?" Carina vertritt Sören. Ich sage, ich komme sowieso um 14 Uhr. "Ach nee, ein bisschen früher." - "Ich muss noch ein paar Sachen erledigen." - "Wir kommen auch dahin, wo du bist." - "Nein, das ist doch Zeitverschwendung." - "Es gibt da einen Zettel, denn du unterschreiben müsstest. Und zwei Uhr ist definitiv zu spät!" - "Wir sehen uns um zwei", sage ich und beende das Gespräch. Zwei Minuten später klingelt es wieder.

Es geht nicht um "Freiheit" und "Unsterblichkeit"

"Wir möchten das einfach noch schnell erledigen, dann gehen unsere Statistiken rauf, das hat was mit der Größe der Org zu tun, damit unser Einfluss auf Berlin wächst." Als wäre das Telefonat vorher nicht gewesen. "Was ist das denn für ein Formular?" Carina: "Ähm, das zeige ich dir." Als ich frage, wo sie gerade ist, setzt mein Herz einen Schlag aus: Obwohl ich mehrmals Nein gesagt habe, sind sie bereits auf dem Weg in meinen Stadtteil. Wir vereinbaren den S-Bahnhof Bornholmer Straße als Treffpunkt. Auf dem Weg dorthin klingelt mein Handy noch fünfmal.

In der Bahnhofshalle fordern mich Carina und Cornelius auf, den Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Jetzt. Carina ist 19, Cornelius 21. Sie würden in einer Drückerkolonne jeden Konkurrenten in die Tasche stecken. Ich sage, dass ich nichts hinter dem Rücken meiner Freundin machen will. Carina zeigt auf den Vertrag, in der Hand einen Kugelschreiber.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 21/2008

 
 
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