
"Familie in der Moderne lebbar machen": Von der Leyens schwieriger Kurs in der Union© Michael Trippel
Jein (lacht). Wahrscheinlich durch meine Jahre im Ausland habe ich für mich gesagt: Wo ist das Problem? Ich musste dann lernen, dass es viel Überzeugungsarbeit braucht. Meine Generation musste ich überzeugen, dass die 25- bis 30-Jährigen beim Thema Familie und Beruf ganz anders ticken als wir 50-Jährigen. Den Älteren musste ich sagen: Ich will um Gottes willen nicht die Familie in Frage stellen! Sondern sie in der Moderne lebbar machen.
In Umfragen halten über 70 Prozent diese Familienpolitik für richtig. Auch bei den Katholiken sind es immerhin zwei Drittel.
Ich weiß, aber wir stehen mitten in einem ungeheuren Wandel. Als ich das erste Kind bekam, gab es gar keine Kindergartenplätze, also auch keinen Anspruch für ein fünfjähriges Kind. Das ist noch gar nicht lange her. Ganztagsschulen? Undenkbar! Und bei der Arbeit war eine Frau, die ein Kind bekam, für die Karriere abgeschrieben. Viele Ältere sagen mir: Wir haben anders gelebt, aber an meinen Töchtern und Söhnen sehe ich, dass sie Kindergärten und Kitas brauchen. Ich bin sicher, dass meine Kinder in 15 Jahren fragen werden: "Wo war eigentlich damals euer Problem?"
Ja, weil mein inneres Gefühl viel mehr das einer Selbstverständlichkeit war. Am meisten verblüfft hat mich die Reaktion auf die Vätermonate beim Elterngeld. Dass es eine solche Zumutung sei, dass ein Mann - ein Mann! ein Mann! - sich zwei Monate Zeit nimmt für sein Kind. Das Schöne ist: Die jungen Männer tun's.
Die Zeiten sind vorbei. Die CSU findet jetzt zu Recht die Vätermonate ganz klasse. Das sind die Prozesse, die wir jetzt zusammen erleben. Auch Peter Ramsauer hat erlebt, wie junge Männer gesagt haben: "Hey Chef, ich nehm' die Zeit, das sind meine Monate, die gehören mir. Das ist mein Kind, das ist meine Zeit, und ich bin als Vater unersetzlich."
Die Familie wird nicht mehr so sein, wie sie war, weil das ein Gesetz ist, dass sich seit Jahrtausenden abspielt. Familie organisiert sich je nach den Zeitumständen immer wieder anders.
Diesen Schmerz und diese Trauer habe ich erlebt bei meiner Mutter, die mit Stolz, aber auch mit Wehmut sah, wie anders die Lebenswege ihrer Kinder, ihrer Töchter und Schwiegertöchter waren. Und wahrscheinlich werde ich eines Tages denselben Schmerz empfinden. Und meine Kinder werden nicht mehr erahnen, was wir erlebt und durchgemacht haben. Jede Generation muss auch neues Land betreten.
Als wertkonservativ, nicht als strukturkonservativ. Familie heißt, Verantwortung füreinander übernehmen, Bindung wagen. Das ist für mich ein konservativer Wert, und den will ich leidenschaftlich verteidigen - aber er muss eben unter modernen Bedingungen lebbar sein. Strukturkonservativ heißt: Alles soll so bleiben, wie es war. So bin ich nicht.
Den linken Blick auf frauenpolitische Themen habe ich immer für zu eng gehalten. Mir war immer wichtig, dass Männer nicht nur noch angeklagt werden: "Macht mal, ändert euch mal, so wie wir das für richtig halten." Ein Mann ist keine zweitklassige Mutter, sondern ein erstklassiger Vater. Daher würde ich mir nie anmaßen zu definieren, wie ein Vater zu sein hat. Das müssen die Männer durchfechten. Aber dass das Thema Familie ein gemeinsames Thema, eine gemeinsame Leidenschaft von Frauen und Männern sein sollte, darauf bestehe ich.
Ich bin der festen Überzeugung, dass sie der CDU nutzt. Meine Politik spricht vor allem Jüngere und Frauen an. Oft höre ich: "Ich habe bisher mit Ihrer Partei nichts zu tun gehabt, aber ich finde Ihre Politik richtig."
Nein. Denn die Mehrzahl der jungen Frauen, übrigens auch der Männer, sagt auch: Sie möchten Familie und Beruf miteinander vereinbaren. Natürlich sollen die Mutter und übrigens auch der Vater möglichst lange bei ihren Kindern bleiben. Aber das heißt doch nicht 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche, 52 Wochen im Jahr. Das hat es in der Menschheitsgeschichte noch nie gegeben. Gehen Sie nur mal 100 Jahre zurück. Vater und Mutter mussten damals hart arbeiten, auf dem Bauernhof oder in der Fabrik. Geschwister oder die Oma kümmerten sich um die Kinder. Wo ist die Idylle in den letzten Jahrhunderten denn tatsächlich gelebt worden?