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15. September 2006, 12:18 Uhr

Hauptstadt mit Hartz

Die Griller: Fast alle Erwachsenen der türkischen Großfamilie Türk sind arbeitslos. Sonntags treffen sie sich zum Grillen im Park. Jene, die einen deutschen Pass haben, wählen Wowereit. "Der ist gut für Leute wie uns"© Eva Häberle

"Ich bin Hartzianer", sagt Peter Pfeiffer. "Aber ich habe Möglichkeiten. In Berlin muss ich nicht auf der Couch verloddern." Statt auf der Couch verbringt der 47-jährige arbeitslose Landschaftsplaner den Abend heute auf der Balustrade der Spandauer Brücke in Mitte. Von hier aus hat man den besten Blick. Keine 40 Meter entfernt in den Kolonnaden der Museumsinsel spielen Simply Red. Genau Pfeiffers Musik. Man kann 50 Euro Eintritt für das Konzert zahlen, oder man schaut sich das Ganze von der Brücke aus an. Dort drängen sich die Mithörer. Hin und wieder grüßt Pfeiffer. Man kennt sich. Vor elf Tagen sang hier Paolo Conte. "Eine Viertelstunde vor Schluss machen sie immer das Tor auf. Dann gehe ich noch mal ganz vor zur Bühne."

Pfeiffer nutzt die freie Zeit. Schon morgens hört er Radio Multikulti. "Wegen der Gewinnspiele, Freikarten, CDs, Reisen. Und man erfährt nebenbei, wo was kostenlos los ist." Am nächsten Morgen steht eine Ausstellung auf dem Programm. Berlin-Tokio in der Neuen Nationalgalerie. Pfeiffer lässt die Beine von der Balustrade baumeln. "Schönes Ambiente, frische Luft, gute Musik und alles völlig umsonst." Er zieht an der Selbstgedrehten. "Ist doch geil hier."

Einige Meter weiter steht Sven Sigbjoernson am Spreeufer vor dem Pergamonmuseum. Er angelt. Sigbjoernson geht auf Raubfische: Hecht, Zander, Barsch, Karpfen. Der größte Fisch, den er hier herausgezogen hat, war ein 70 Zentimeter langer Hecht. Seit drei Jahren ist Sigbjoernson ohne Job, seit eineinhalb Jahren auf Hartz. "Es gibt jede Menge Kochtopfangler in Berlin", sagt der 35-Jährige. Er gehört nicht dazu. Ihm geht es nicht ums Essen, sondern um den Spaß. Meistens wirft er den Fang zurück ins Wasser. So knapp ist die Stütze nicht. "Am Anfang braucht man einen Taschenrechner, um mit der Kohle klarzukommen, aber dann hat man es schnell drauf. Einfach den Ball flach halten", erklärt Sigbjoernson. Mit seiner An-gelausrüstung hat er schon halb Berlin bereist. Die Hauptstadt ist eine einzige Seen- und Flusslandschaft, ein Paradies für alle Wassersportfreunde.

Pfeiffer, Sigbjoernson und der Golfer Gräwenitz sind keine traurigen Außenseiter mit Tendenz zur Verwahrlosung. In Berlin sind sie mitten in der Gesellschaft. Es sind engagierte Arbeitslose. Und natürlich werden sie am Sonntag wählen. "SPD, das kleinere Übel", sagt Sigbjoernson. "Irgendwas Linkes", sagt Gräwenitz. Und auch Pfeiffer wählt: "Hauptsache, links. FDP und CDU sind mir zu wirtschaftsorientiert."

In Scharen wandern die Leute aus allen Regionen ab, die von hoher Arbeitslosigkeit betroffen sind. In Berlin nicht. Es bleiben alle da. Es ist sogar eine leichte Zuwanderung von Arbeitslosen festzustellen. "Der Ablenkungsfaktor von Berlin ist für Arbeitslose enorm", sagt Konrad Tack, Geschäftsführer der Arbeitsagentur in Berlin-Süd. Seine Kollegin Ramona Schröder, Chefin der Arbeitsagentur Berlin-Mitte, stellt fest: "Unter Langzeitarbeitslosen gibt es schon einen gewissen Gewohnheits- effekt." Um dieser "Gewohnheit" ihrer Klienten entgegenzuwirken, reicht es in den Berliner Arbeitsagenturen längst nicht mehr, Jobs und Jobsuchende zusammenzubringen. "In vielen Gegenden Berlins bleibt uns nichts anderes übrig, als die Langzeitarbeitslosen durch klassische Sozialarbeit an die Arbeitswelt heranzuführen", sagt Konrad Tack. Auf Deutsch: Sie müssen ihnen das Arbeiten beibringen.

Über Motivationsmangel, vor allem der jungen Berliner, klagt auch die Industrie- und Handelskammer. Jedes Jahr Ende September schreibt die IHK alle Berliner Schulabgänger persönlich an, die noch ohne Ausbildungsplatz sind, und lädt sie zu einer Lehrstellenbörse ein. Dann gibt es stets noch jede Menge freie Plätze. "Zwei Drittel reagieren darauf nicht", berichtet Anja Nußbaum, Abteilungsleiterin bei der IHK. "Ein wenig frustrierend ist das schon." Drei Anforderungen, sagt Nußbaum, stellen die Betriebe an die künftigen Azubis: 1. fachliche Kompetenz, also Lesen, Schreiben, Rechnen. 2. soziale Kompetenz. 3. persönliche Motivation. Die meisten Probleme bereite Punkt drei.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 38/2006

 
 
 
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