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"Dresden brauchte dieses Zeichen"

Das Image von Dresden hat sich durch die Pegida-Bewegung radikal geändert. Die Politik will gegensteuern und lud zu einem Treffen für Toleranz und eine weltoffene Stadt. 35.000 Menschen kamen.

Von Silke Müller

Seit Wochen gab es jeden Montag in Dresden die Gelegenheit, Farbe zu bekennen: gegen die stumpf vorgetragenen Ressentiments, die aus dem Nazi-Vokabular entlehnten Parolen von den "Volksverrätern" und der "Lügenpresse" und die Islamisierungs-Fantasien der Pegida-Anhänger. Doch die bunte, meist studentische, mit Schrubbern und Klobürsten ausgestattete Anti-Pegida-Szene blieb unter sich.

Als vergangenen Montag, dem 5. Januar, schließlich 18.000 Pegida-Anhänger auf der Dresdener Cockerwiese aufmarschierten – ein Rekord, den etliche Beobachter anzweifeln – brachen im Rathaus und im Landtag Hektik aus. Ein Statement musste her. Irgendwas mit "Wir" und "Volk", etwas, auf das sich möglichst viele Menschen einlassen könnten, und etwas, das um Himmels willen keine konservativen Wähler verprellt.

Übereilt luden Ministerpräsident Stanislaw Tillich (55, CDU) und Desdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (61, CDU) für Samstag zu einer Kundgebung vor die Frauenkirche – nicht, ohne schnell noch einmal das Motto zu erweitern, hin zur absoluten Nichtaussage: "Für Dresden, für Sachsen – für Weltoffenheit, Mitmenschlichkeit und Dialog im Miteinander". Käsekuchen für alle.

Die Dresdener wiederum fassten sich ein Herz und zogen los. 35.000 sollen es gewesen sein. Bürgerstolz gegen rechtes Geschwurbel und politische Herumdruckserei. Wenn die da oben es nicht schaffen, den international angeschlagenen Ruf der Elbschönheit zu retten, dann müssen eben die Bewohner ran. Hat ja schon einmal geklappt.

Der Innenminister zeigt Flagge

Ein bisschen fühlte es sich so an, gestern, am Samstag, auf dem Neumarkt. Als seien die Desdner es leid, nur noch als Problembürger durch die Weltpresse zu geistern. Und ebenso müde, parteipolitische Taktierer zu unterstützen.

"Wir wollen zeigen, dass wir als Dresdner uns auf eine bunte und internationaler werdende Stadt sehr freuen", sagt Freya Pontius aus Dresden, die mit ihren Eltern und der befreundeten Familie Schmidtgen über den Neumarkt schlendert. Und Hans-Henning Klauß, 52, sagt: "Weniger als die Hälfte meiner Kollegen am Institut für Festkörperphysik der TU stammen aus Deutschland. Es ist wichtig, dass wir eine weltoffene Stadt sind, die freundschaftlich auf alle Menschen zu geht."

Ohne große Ankündigung, als gebürtiger Dresdner, hatte sich Innenminister Thomas de Maizière an der Kundgebung beteiligt. "Ich bin gegen Pegida hier", sagte er im Anschluss, "Dresden brauchte dieses Zeichen, darüber habe ich mich sehr gefreut."

MInisterpräsident auf Stimmenfang

Superintendent Christian Behr beschreibt, wie Pegida die Bevölkerung der Stadt spaltet. "Wo gehst du denn am Montagabend hin", sei eine bange Frage geworden, und plötzlich stelle man fest, dass Bekannte, Freunde oder Nachbarn woanders hingingen, als man selbst. "Wir sind '89 mit der Aussage 'Wir sind das Volk' für ein demokratisches Miteinander auf die Straße gegangen, diesen Ruf kann keine Gruppe allein für sich in Anspruch nehmen." Große Zustimmung auf dem Platz.

Anstandsapplaus hingegen für Ministerpräsident Tillich und seine wolkige Rede von "unseren Werten" und seine erwartbare Spitze gegen die AfD, die sich ausgerechnet diese Woche mit Pegida-Vertretern zum Gespräch getroffen hatte: "Wer polemisiert und Ängste schürt, mit dem lässt sich nicht sachlich reden." Doch auch für die CDU sind die Pegidas aus Dresden Stimmen, die zur Wahl gern gewonnen würden. Deshalb ein mahnender Hinweis an alle Zuwanderer: "Heimisch werden heißt, unsere Sprache und Werte zu teilen und sich anzustrengen, hier anzukommen."

Da fliegt kein Funken ins Publikum. Den Schlüssel zum Herzen der Dresdner hält ohnehin ein ganz anderer in der Hand: Roland Kaiser, einst Pflegesohn einer Berliner Putzfrau und bekennender Sozialdemokrat, Schlagersänger und das Zugpferd der Kundgebung. Ein heikler Auftritt für den Mann, der jedes Jahr 40.000 Menschen an die Elbwiesen lockt und mit seinen Meldodien verzückt – solchen, die ganz ohne sein Zutun auch zum Soundtrack der Pegida-Bewegung geworden sind. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.

Souverän erteilte er Pegida eine Absage, kritisierte eine "inhumane Flüchtlingspolitik" und rief dazu auf, der "Angst vor dem Unbekannten Neugier" entgegenzusetzen und "uns vorbehaltlos auf Menschen einzulassen". Pegida-Anhänger trauten sich Samstag nicht in die vorderste Reihe. Da standen vielmehr Familien mit Kindern, friedensbewegte Senioren, Akademiker und Unternehmer. Lutz Bachmann, einer der Gründer der Trotzbewegung, ließ sich kurz am Rand der Veranstaltung blicken. Seine Truppen marschieren am Montag erneut in Dresden auf – diesmal haben sie einen Trauermarsch für die Opfer des Pariser Anschlags angekündigt. Krokodilstränen für die "Lügenpresse". Wie die Politik künftig auf diesen Spuk reagiert, daran muss sie sich messen lassen. Mit Sonntagsreden kommt sie selbst an einem Samstag nicht mehr davon.

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