Mein erster körperlicher Kontakt mit dem Stasi war so: Nach der Verhaftung am Morgen des 2.2.1988 wurde ich in den Knast, Berlin-Rummelburg, gefahren. Abends baute sich der beleibte Gefängnisdirektor von Hohenschönhausen vor mir auf und sagte: "Jetzt kommen Sie zu uns." Ich stand vor ihm mit Händen in den Parkataschen. Er befahl: "Nehmen Sie die Hände aus den Taschen!" "Warum?" "Weil ich mit Ihnen rede."
Es gibt zwei Momente jähesten Schmerzes in meinem Leben. Beim ersten war ich zehn Jahre alt. Mit einem Furunkel am Knie lag ich auf dem Operationstisch. Die Narkose hatte noch nicht gewirkt. Mir war nur die Lust am Zählen vergangen. Der Chirurg dachte, ich schliefe schon. Meinen Schrei hat man zwei Stockwerke höher gehört. Der andere Moment ereilte mich im Alter von dreiunddreißig Jahren. Auf die Begründung des Gefängnisdirektors, weshalb ich die Hände aus den Taschen nehmen sollte, sagte ich: "Aber ich rede nicht mit Ihnen."
Ich wusste nicht, dass jemand hinter mir steht. Der packte meinen linken Unterarm, drückte auf meinen Handrücken, führte mich über Stufen, den Hof zum Gefängniswagen, ließ die ganze Zeit nicht los. Ich schrie und flog wie eine Gliederpuppe neben ihm her. Unter den Handschellen, die er mir im LKW anlegte, schwoll mein Handgelenk bis sie einschnitten. In Sekunden hatte mich der Kerl zu einem Bündel Angst gemacht. Ich saß in einer Kabine, groß wie der Kühlschrank für einen Vier-Personen-Haushalt.
Mein Mitgefühl für die Täter im Kino kultivieren zu lassen, widerstrebt mir. Die mannigfaltige filmische und fotografische Darstellung des Geschehenen macht mich skeptisch. Innerhalb der Bilderflut gerät der mündliche Bericht, das Erzählen, zur Nebensache. Die Geschwindigkeit, in der die Blicke des Publikums hin und her geworfen werden, ist atemberaubend. Das Selbersprechen wird von Gefühlslagen zugedeckt. Der letzte Kommentar des Konsumenten ist ein Adjektiv mit vier Buchstaben. Er hat einer zweidimensionalen Welt zugeschaut. Wie viele Ebenen flacher als einem berufenen Munde zuzuhören, jemandem gegenüberzusitzen, der seine Erfahrungen mitzuteilen versteht. Oder vielleicht sogar selber zu erzählen, die Vergangenheit klingen zu lassen. Wie es alte Menschen manchmal bei ihren Enkeln tun.
Vor einigen Monaten spielte ich mit meinem vierjährigen Marvin Pirat. Der Stoffhase kam aus einem Grund, den ich nachfragen müsste, ins Piratengefängnis. Marvin wollte den Hasen rauslassen, weil der mal musste. Ich sagte: "Der wird nicht raus gelassen. Das muss der drin machen." Er sagte: "Aber das ist doch kein Hase, das ist doch ein Pirat." Ich sagte: "Aber die werden doch nicht raus gelassen, wenn sie mal müssen." Er sagte: "Wir spielen, dass sie raus gelassen werden." "Aber dann ist das kein richtiges Gefängnis", sagte ich. "Da wird man nicht raus gelassen, wenn man mal muss?" "Nein, da gibt es in der Zelle ein Klo." "Woher weißt du das denn?" "Ich war mal im Gefängnis." "Warum?" Ich wollte es ihm erklären, kam aber nicht dazu, weil der Pirat mal musste. Es kam die Zeit, er fragte wieder nach. Ich sagte: "Wegen meiner Lieder. Früher konnten andere bestimmen, ob jemand ins Gefängnis kommt, wenn er Lieder singt, die ihnen nicht gefallen haben." Damit hat die friedliche Revolution Schluss gemacht.
Mein erster Flug über den Atlantischen Ozean ging nach Kanada, Sommer 1988. Ich sang beim Internationalen Folkfestival im Pacific Park von Vancouver. Das Interesse an meiner Person war groß, kam ich doch mit einer Geschichte aus dem wirklichen Leben dorthin, wo man keine rechte Klarheit über den Sozialismus gewinnen konnte. Manche liebäugelten mit dem Paradies auf Erden, konnten es sich aber unter kapitalistischem Vorzeichen nicht glaubwürdig genug erträumen. Mit viel Witz und einem guten Dolmetscher ging die Vorstellung über die Bühne. Auf meine Besonderheit brauchte ich gar nicht einzugehen. Es stand alles im Programmheft. Der Unterschied zwischen meinem vom Veranstalter beschriebenem Schicksal und dem heiteren Auftritt mochte den Erfolg begünstigt haben. Die Sonne schien. Der Pazifik duftete. Ich ging über die Festwiese und fühlte mich als Weltbürger.
Zum Abschluss des Festivals um Mitternacht spielte ein japanisches Trommlerensemble ein Stück über die Befreiung des Menschen von seinen Fesseln. In der Mitte der Bühne stand ein Würfel. Darauf richtete sich ein Mann von der Haltung des Zusammengekauerten bis zur vollen Größe auf. Im Moment des gewaltigen Schlussschlags auf alle Trommeln, Pauken und mannshohen Gongs stand er endlich aufrecht, die Arme zum gestirnten Firmament gestreckt. Und in diesem Moment formten sich achttausend Münder zu des Alphabets Eröffnung. Ein Staubkorn aus dem All hatte einen deutlichen Lichtstrich in den Himmel über der Bühne gezeichnet.