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5. Oktober 2009, 16:18 Uhr

Der Schießbefehl

"Danach haben wir eine ganz normale Festnahme getätigt", schildert Mike Sch. die Minuten nach den Schüssen. Er wirkt, als müsse er sich an dieser Lehrbuch-Floskel festhalten, um nicht mit dem Kopf auf die Tischplatte zu kippen. Später, nachdem Chris Gueffroy und Christian G. abtransportiert sind, müssen Sch. und die drei anderen Grenzer ihre Waffen abgeben. Offiziere kontrollieren die Magazine, zählen die verbliebenen Patronen. Mike Sch. wird gefragt, warum er nicht geschossen habe. Er weiß es nicht, steht unter Schock, ist "völlig fertig".

Was dann kommt, ekelt ihn nur an. "Ein oder zwei Tage Sonderurlaub und das Leistungsabzeichen, verbunden mit einer Prämie von 150 Mark der DDR." Er hat nur noch "die Schnauze voll". Zu diesem Zeitpunkt weiß er noch nicht, dass Chris Gueffroy tot ist. Das erfährt er erst später und eher beiläufig von einem Unteroffizier.

Als seine Vorgesetzten erkennen, dass Sch. nie wieder die Waffe ziehen, geschweige denn schießen würde, versetzen sie ihn in eine Ausbildungseinheit. Im April 1989 wird er aus dem Dienst entlassen. Und jetzt ist da dieser immer wiederkehrende Traum mit dem roten Alarmsignal, der für Sch. schlimmer ist als der Gedanke an zehn oder fünfzehn Jahre Knast. "Und wenn im Fernsehen irgend etwas über die Grenze damals kommt", erzählt er, "dann sitz` ich da und bibbere. Ich hab' Angst, dass die Leute auf der Straße mit den Fingern auf mich zeigen. Aber am meisten hab' ich Angst davor, dass meine Frau und meine Söhne darunter leiden müssten."

"Die hätten auch danebenschießen können"

Ein paar Mal hat Mike Sch. überlegt, ob er Chris Gueffroys Mutter einen Brief schreiben soll. Die bedauert er sehr, mehr noch als den Sohn, der schließlich gewusst habe, was ihm im Grenzbereich passieren könne. Er hat es gelassen. Er wolle, sagt Mike Sch., die Frau nicht noch mehr belasten. Aber er weiß, dass das nur eine Ausrede ist. In Wahrheit schämt er sich so sehr, dass er keine Worte finden würde. Karin Gueffroy, die Mutter von Chris, hat kein Mitleid mit den "Mauer-Mördern". "Die hätten", sagt sie, "auch danebenschießen können. Dann wären sie vielleicht vier Wochen ins Gefängnis gekommen. Und was sind vier Wochen gegen ein Leben?"

Lesen Sie auch den Bericht über den Prozess von Ingrid Kolb: "Unser Leben ist verpfuscht".

Nach der Wiedervereinigung wurde 1991 Anklage gegen Mike Sch. und die drei anderen Grenzsoldaten wegen Totschlags erhoben. Mike Sch. und zwei seiner Kameraden wurden freigesprochen. Ingo H., der den tödlichen Schuss auf Gueffroy abgegeben hatte, wurde zunächst zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Das Urteil wurde jedoch, nach einer erfolgreichen Revision beim Bundesgerichtshof auf zwei Jahre mit Bewährung herabgesetzt. Am Tatort erinnert heute ein Denkmal an Chris Gueffroy.

Von Andreas Borchers und Wilfried Krause
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