Hoch entwickelt eine andere Machttechnik Merkels: Sie vermittelt ihren Nahestehern zwar das Gefühl, am Prozess ihrer Meinungsbildung beteiligt zu sein. "Die wissen aber gar nicht, wie weit weg sie tatsächlich sind", verrät ein Mitglied der engsten Fraktionsführung. Die Büros ihrer Stellvertreter bleiben bei der Planung der Politik außen vor. Als es um den Vorsitz der Sozialkommission ging, rätselten Fraktion und Partei wochenlang über den Kandidaten. Baumann wich wissend lächelnd allen Fragen aus, obwohl längst feststand, dass Altbundespräsident Roman Herzog für den Job gewonnen war.
Die Vorsitzende besitzt ein vortreffliches Sensorium für Stärken und Schwächen von Menschen, darin Kohl sehr ähnlich. Wer kann mit wem? Als Friedbert Pflüger sich eine neue Lebengefährtin zulegte, wollte sie unverzüglich Näheres wissen und forschte einen Wissenden mit arglosem Augenaufschlag aus: "Mir als Frau sagt ja keiner was." Eine ziemliche Untertreibung. Wie man sich Zuträger verschafft, darauf versteht sie sich: Der Planungschef der Fraktion, Matthias Graf von Kielmannsegg, berichtete der CDU-Chefin bereits zu Zeiten des Fraktionsvorsitzenden Merz detailliert aus der morgendlichen Lage der Fraktionsführung.
Virtuos auch, wie Merkel zuweilen mit nebensächlichen Informationen Politik macht. Eines Tages erzählte ihr Christian Wulff en passant, wie vor 25 Jahren eine Delegation der Jungen Union auf einer Südamerika-Reise einen "Pacto Andino" geschlossen habe. "Mehr Ambiente in der Politik", lautete die Kernforderung des Spaßbündnisses. Kurz danach bereitete der "Spiegel" - assistiert vom Büro Merkel - die Story einer mächtigen Männerclique in der CDU auf. Bündlerische Strippenzieher um Roland Koch und Peter Müller nutzten diesen Andenpakt noch immer, um gegen die Jeanne d'Arc der CDU mobil zu machen. "Ist sich der Andenpakt einig, ist gegen ihn in der CDU keine Entscheidung möglich", hieß es dräuend. Arme Angie, lautete die Mitleid heischende Botschaft. Wie wenig Gewicht der vermeintliche Machtfaktor tatsächlich besitzt, wurde bei der Kür des Präsidentschaftskandidaten der Union offenbar - in Form einer vollen Bauchlandung Kochs, der sich für Schäuble ausgesprochen hatte.
Die Perspektive der Rückeroberung der Macht spätestens bei der Bundestagswahl 2006 stärkt die Autorität der Vorsitzenden zusätzlich. Wie Eisenspäne zum Magnetkern orientieren sich immer mehr Unionspolitiker in Erwartung des eigenen Karrieresprungs widerspruchslos an Merkels Kurs. Sie weiß, dass dies keine bedingungslose Loyalität ist. Ihr war immer bewusst, dass ein Scheitern in der Präsidentenfrage ihre Machtperspektive gefährdet hätte. Vor Köhlers Wahl sagte sie: "Wenn wir die nicht schaffen, habe ich das versiebt." Und wer das nicht schafft, könne nicht Kanzlerkandidat werden.
Lange vorbei die Zeit, da Merkel sich aus Unsicherheit einigelte. Solche Phasen gab es, wie ihre Mitarbeiter einräumen. Inzwischen weiß sie, dass sie den innerparteilichen Konkurrenten durch die Kraft der inneren Ruhe, ihren durch Geduld gezügelten Ehrgeiz hoch überlegen ist. Den richtigen Augenblick zu erkennen, darin ist die Naturwissenschaftlerin allen voraus. Sie weiß genau, wie gut ihre Ausgangssituation für den Kampf um den Machtwechsel ist. Die SPD dümpelt bei 26 Prozent, einem Friedhofswert; die Union bringt in den Umfragen bis zu 48 Prozent. Einer wie Koch will Rot-Grün so schnell wie möglich sturmreif schießen. Merkel arbeitet nach einem anderen Zeitplan. "Ich lehne so etwas wie Sonthofen ab", sagt sie staatstragend, als sei es ihr unvorstellbar, wie einst Franz Josef Strauß ohne Rücksicht auf gesamtstaatliche Interessen Politik zu machen. Gleichzeitig blockiert sie - gut getarnt hinter Sachargumenten - die Regierung über den Bundesrat. Die Stimmung soll noch schlechter werden, die Mehrheit im Bundesrat durch Wahlsiege in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen größer.
Die Machtfrage in der Union ist geklärt. Auch die CSU hat intern akzeptiert, dass Angela Merkel kanzlerabel ist und mindestens bis zur nächsten Bundestagswahl intern das Sagen hat. Und die wenigen noch verbliebenen Merkel-Ungläubigen suchen einstweilen - nach Zusicherung tiefster Verschwiegenheit - Trost in sehr speziellem Galgenhumor: "Unsere Hoffnung heißt Schröder. Nur er kann Angie noch stoppen."