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6. Mai 2004, 11:25 Uhr

Auf ein neues Leben

"Hand kaputt, nicht gut. Abmachen"

Im Friedensdorf unterhalten sich die Kinder mit ihren kleinen Landsleuten in der Muttersprache - und mit den anderen in stocherndem Deutsch. Dann sagen sie zueinander: "Sieht nicht schön aus ohne Auge, besser reinmachen." Oder: "Miriam, nicht auf einem Bein gehen, schöner ist Roller." Sie sagen auch: "Hand kaputt, nicht gut. Abmachen. Prothese besser." Jedes Kind erfährt, dass es nicht als Einziges gezeichnet ist.

Mit den Eltern schließt der Verein einen Vertrag, der bei der Einreise vorgelegt wird. Die Heimatländer geben eine Rückkehrgarantie ab, die Bundesrepublik erteilt eine begrenzte Aufenthaltserlaubnis. Eine Tochter ohne Begleitung eines männlichen Verwandten reisen zu lassen ist für islamische Familien auch ein Akt der Verzweiflung - und zugleich ein Beweis des Vertrauens.

Fünf Regime in Afghanistan hat das Friedensdorf mit diesen Regeln durchgestanden. Selbst die Taliban, die alles fürchteten, Mädchenschulen, Spiele, Musik, Puppen und Stofftiere als verbotene Abbildungen von Lebewesen, selbst sie haben die Kinder ausreisen lassen. Aber nicht jedes Verbot islamistischer Fanatiker verfolgt die Kinder bis ins Ruhrgebiet. Das Mädchen Fariba war nur noch verbrannte Haut über fleischlosen Knochen, war in einem Verschlag auf 13 Kilogramm heruntervegetiert. Jetzt flaniert sie gern wie zufällig dort vorbei, wo Musa steht. Wenn die Sonne durchbricht, fläzt sich auch Musa neben die Mädchen auf die Bank, und aus seinem Cassettenrecorder scheppert indische Filmmusik. Ob Tradition oder Religion - Pubertät keimt durch jede Versteinerung. Die Mädchen sind Publikum an der Tischtennisplatte, wenn Musa bei seinen Aufschlägen den Ball anschneidet. Das fordert Geschick, wenn man keine Hände hat.

Aus dem Rest eine Klaue gemacht

Nur ein zerfetzter Rest hing noch blutig an Musas Schultern, damals, vor drei Jahren, als der Junge nahe der afghanischen Stadt Mazar-i-Sharif Holz gesammelt und in die Mine gegriffen hatte. Die Ärzte in Deutschland haben das, was noch von den Schultern hing, in einem Fixteur gestreckt, sodass ein Knochen nachwuchs, langsam, nur sehr langsam. Sie haben aus dem Rest von Elle und Speiche eine Klaue gemacht, mit der er greifen kann. Musa hat gelernt, einen Stift zu halten, damit malt er Buchstaben, perspektivische, wie auf Kinoplakaten. Er übt viel. Denn irgendetwas müsse er ja beherrschen, wenn er wieder nach Afghanistan zurückkehre, sagt Musa. Er hat auch nach Hause geschrieben: "Mir geht es gut. Ich habe viele Freunde." Und einmal einen Brief bekommen, von seinem Vater. Seine Mutter kann nicht schreiben. Sie knüpft Teppiche. Seine Schwestern dürfen jetzt vielleicht schreiben lernen, nachdem die Taliban von der Macht verjagt worden sind.

Juki, die Praktikantin aus Japan, schimpft mit dem kleinen Vahe aus Armenien. Der Strolch wollte wieder Hasen jagen, Pilze suchen - keiner ist so schwer zu hüten. "Seit zwei Monaten habe ich die Kinder endlich im Griff", sagt sie in fließendem Deutsch. Anfangs hatte Juki vor Erschöpfung geweint. "Die Kleinen können wie Teufel sein."

Immer wieder kommen Praktikanten wie Juki aus Japan, leben zu fünft in einem Zimmer, nur um im Friedensdorf zu helfen. Es ist berühmt in Japan. Das verdankt es der beliebten Schauspielerin Chizuru Azuma. Die Macher einer japanischen TV-Sendung, bei der Prominente vor schwierige Aufgaben gestellt werden, schickten Chizuru Azuma auf ei- ne Reise an einen besonderen Ort in Deutschland. Die Schauspielerin erwählte das Friedensdorf. Und erlag sogleich dem Charme der monströsen Kinder. Sechsmal ist sie schon wiedergekommen, immer begleitet von Kamerateams. Deshalb sind die Waschmaschinen des Heims eine Spende von Miele Japan. Deshalb strömen so viele Yen auf das Spendenkonto. Deshalb kommen Praktikanten, um an etwas teilzuhaben, das es in Japan nicht gibt.

Wenn die Praktikanten verzweifeln, hilft eine resolute Vietnamesin

Wenn die Praktikanten verzweifeln, hilft Hong. Hat die resolute Vietnamesin Dienst, sitzen die Vereinten Nationen der Kinder am Esstisch still, auch wenn der Vertreter Angolas dem Georgiens noch schnell im Ohr pult. Gerade hat die energische Frau sieben Rabauken bei einer Rauferei erwischt. Jeden hat sie sich einzeln geschnappt. Die kleinen Halbstarken haben ihre Meisterin gefunden und wischen nun Tische und fegen den Boden - jeder ist beleidigt, und alle sind darin solidarisch.

Hong ermahnt: "Jacke zu!", "Nicht auf den Boden legen!" Oder: "Hilf deinem Nachbarn, die Pellkartoffeln zu schälen. Er hat keine Hand." Sie wird streng: "Warum holst du jemandem die Schuhe? Nein! Die Kleinen bedienen hier nicht die Großen."

 
 
 
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