
Auf dem Bundesparteitag in Düsseldorf setzte Jürgen Möllemann seine "Strategie 18" durch© dpa
In den vergangenen Monaten hat Möllemann mehrfach angedeutet, dass er Angst habe, auch gegenüber Wolfgang Kubicki: "Das waren aber nur nebulöse Andeutungen." Man müsse derart düstere Ahnungen bei einem wie ihm nicht unbedingt ernst nehmen. Sarkasmus und Zynismus machten bei Möllemann auch vor der eigenen Person nicht halt. Und war er denn nicht der Mann mit dem bei weitem größten Ego der politischen Elite? Einer, der in gut drei Jahrzehnten Wiederbelebungen hingelegt hatte, um die ihn ein Lazarus beneidet hätte. Musste man nicht annehmen, der würde auch die bisher schwerste Lebenskrise meistern? Mit Aufs und Abs kannte er sich schließlich aus wie kaum einer.
Der 1945 in Augsburg geborene Polsterersohn, der erst 1970 von der CDU in die FDP wechselte, saß bereits 1972 für die Liberalen im Bundestag. 1982 sicherte er Hans-Dietrich Genschers Bruch mit der sozialliberalen Koalition, was ihm die Generation der 68er nie verziehen hat. Die Wende war sein Fahrstuhl nach ganz oben: erst Staatsminister im Auswärtigen Amt, dann Bundesbildungsminister (1987), ein Job, in dem er mit unorthodoxen Gedanken eine glänzende Figur machte, schließlich Bundeswirtschaftsminister (1991) und kurz darauf Vizekanzler. Er saß am Kabinettstisch zur Rechten von Helmut Kohl. Er war ganz oben.
Der, den sie lange einen Akrobaten der Oberfläche schalten, hatte Substanz und Stehvermögen bewiesen. Natürlich war er stets selbstverliebt und geltungssüchtig, war schreihälsig und anpassungsfähig bis zum Opportunismus pur. Eine "fleischge-wordene Stromlinie", schimpfte ihn Helmut Schmidts Regierungssprecher Klaus Bölling. Aber er war immens fleißig, dachte schneller als seine Konkurrenten und redete mitreißender.
Ebenso steil wie der Aufstieg war sein Abstieg: Rücktritt als Wirtschaftsminister, weil er auf Ministerbriefpapier ein Produkt seines Schwagers angepriesen hatte - eigentlich eine Petitesse, denkt man an Kohls schwarze Kassen. Möllemann, der Amateurboxer, schien ausgezählt zu sein. Doch er holte sich 1996 den Landesvorsitz in NRW zurück und führte die Liberalen vier Jahre später mit sensationellen 9,8 Prozent wieder in den Düsseldorfer Landtag. Mölli, wie sie ihn jetzt liebevoll nannten, war wieder da. "Ich habe noch was gutzumachen", erklärte er, hetzte für Guido Westerwelle den spröden Wolfgang Gerhardt aus dem FDP-Vorsitz und kreierte das "Projekt 18", mit dem er die FDP zur dritten Volkspartei machen wollte.
Als das Projekt seines Lebens im Vorfeld der letzten Bundestagswahl zu scheitern droht, riskiert er für seinen Lebenstraum einen Tabubruch: Er geht mit Antisemitismus auf Stimmenfang. Einmal mehr ist Möllemann damit Möllemanns ärgster Feind.
Für die FDP-Führung war "Jürgen Weh" nach dem Scheitern bei der Bundestagswahl der willkommene Alleinschuldige, bei dem sich die gemeinsam vertane Chance, an die Macht zurückzukehren, bequem abladen ließ. Sein Name wurde fortan in der FDP-Führung nicht mehr genannt. Wenn überhaupt, sprachen die FDP-Oberen nach seinem Parteiaustritt nur noch von dem "Kerl aus Münster". Es trifft zu, was seine Frau jetzt beklagt: "Sie haben ihn fertig gemacht." Vorneweg FDP-Chef Westerwelle, der sich stets vor Möllemann gefürchtet hatte und jetzt den Mann in seinem Nacken für immer abschütteln wollte.
Westerwelle ließ dem langjährigen politischen Partner, dessen Kopf er die neue strategische Positionierung der FDP verdankt, in einem ersten Nachruf nur einen ärmlichen Satz zukommen. Er wisse, erklärte er, "auch um die politischen Ver-dienste" Möllemanns. Weniger lässt sich über den Toten nicht sagen. Dabei war Westerwelle stets fasziniert vom Gespür seines Stellvertreters für Themen, seinem Feuer als Wahlkämpfer, seinem Talent als Menschenfischer, seiner Durchsetzungskraft und seiner Nervenstärke. Doch sei Möllemann letztlich "nicht geschäftsfähig", sagte er Mitte vergangenen Jahres. Wenn er aber jemals mit ihm breche, müsse das radikal geschehen. "Dann darf von dem politisch nichts übrig bleiben."
Vielleicht hat Möllemann daran gedacht bei seinem letzten stern-Gespräch. Möllemann: "Wenn Sie in Deutschland die Menschen fragen, welches Thema verbindest du mit Schröder, welches mit Merkel und welches mit Westerwelle..." stern: "Möllemann?" Möllemann: "Ja. Das ist aber das einzige. Und jetzt hat er das auch nicht mehr."
Von Hans Peter Schütz, Joachim Rienhardt und Werner Schmitz Mitarbeit: Arne Daniels, Gerd Elendt, Tilman Gerwien, Hans-Ulrich Jörges, Kerstin Schneider, Jens Todt