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24. Mai 2008, 20:25 Uhr

Undercover bei Scientology

Fredy Gareis und sein Scientology-Mitgliedsausweis© Michael Danner

"Die Unterschrift ist schon mal ein Schritt in die richtige Richtung." Ich zögere. "Wie wäre es, wenn du deinen Namen hier schon mal hinsetzt? Wir tragen noch kein Datum ein." - "Nein. Wir machen das, wie ich will." Carina: "Ich bin für die andere Richtung. Trag einfach hier deinen Namen ein." Und tippt wieder auf den Vertrag. "Nimm mal den Kugelschreiber." Sie versucht mich mit ihrem Blick zu zwingen. Ich behalte die Hände in den Taschen. "Jetzt nimm mal den Kugelschreiber!"

Ich sehe immer öfter Kinder

Samstag, 12. April. Kursraum. Die Einheiten dauern bis zu drei Stunden. Ich lese über potenzielle Schwierigkeitsquellen (ich) und unterdrückerische Personen (meine Freundin und alle Kritiker von Scientology). Kursüberwacher Reinhold fragt ein Kind ab. Wie alt wird es sein, vielleicht acht? Aber es ist so störrisch, dass sie es isolieren und in den nächsten Raum bringen müssen. Immer öfter sehe ich Kinder hier. Mal gehören sie zu den Mitarbeitern, mal zu Eltern, die hier studieren.

Ich muss an Carinas Blick denken, als ich am Donnerstag den Vertrag - tatsächlich - unterschrieben habe. Natürlich, ich hätte auch gehen können. Das ist die einzige Möglichkeit. Aber ich wollte sehen, wie weit sie gehen. Dieser Blick, den Carina Cornelius zugeworfen hat. Eiskalt. Hart. Es ging nicht um mich. Es ging nicht um "die völlige Freiheit und Unsterblichkeit", die Scientology angeblich allen Menschen schenken will. Ich war nur eine Nummer, ein Abschluss. Wie muss es erst Menschen gehen, die in die Fänge von Scientology geraten.

Berlin soll in der internen Scientology-Struktur aufrücken

Dienstag, 15. April. Sörens Büro. Carina redet auf mich ein. "Wann kannst du anfangen?" - "Am Montag." - "Warum nicht jetzt?" - "Ich habe noch was zu tun." "Ich will, dass du jetzt anfängst!" Carina schnappt sich einen Zettel. Ich habe ihr erzählt, dass ich einen neuen Job an der Uni anfangen werde. Vier Tage à acht Stunden. Sie macht ein paar schnelle Striche mit dem Kuli, fertig ist mein Stundenplan. 52,5 Stunden die Woche soll ich arbeiten - neben meinem Uni-Job. Gehalt? Kann sie nicht genau sagen. Sie selbst verdiene 50 Euro die Woche, noch. Dann kommt Sören rein. Sie grillen mich zu zweit. Am Ende bringen sie mich sogar dazu, die Jahre einzutragen, für die ich mich verpflichte. Nur damit ich meine Ruhe habe. Angeblich hätte ich die Wahl zwischen 2,5 und 5 Jahren. Aber als ich dann 2,5 schreibe, sagt Carina lächelnd: "Dann trägst du halt am Montag 5 ein."

Kurz darauf betritt Executive Director Irmi Tjarks das Büro. Wie abgesprochen, denke ich. Sie sagt, dass wir den Planeten retten müssen, wer soll es denn sonst tun? "Weißt du", sagt sie, "das ist, wie wenn man einen Ertrinkenden rettet, der gar nicht gerettet werden will, aber du tust es trotzdem." Die Scientologen lachen. Ich denke, wie mein Leben wohl in zweieinhalb Jahren aussehen würde, wenn ich mich gerade tatsächlich verpflichtet hätte.

"Wir sind wie Rottweiler"

Montag, 21. April. Altberliner Kneipe "Haus der 100 Biere". Ich kann nicht mehr. Wie lange hält man es aus, bevor man einknickt, geistig, und plötzlich ein anderer wird? Ein halbes Jahr, ein ganzes? Heute soll der letzte Tag sein, an dem ich mich mit ihnen treffen werde. Carina kommt, um meine Freundin zu "handhaben". Sie bringt Corinna mit. Wir warten auf Sandra. Carina erzählt, dass Berlin in der internen Scientology-Struktur aufrücken soll, auf gleicher Höhe mit Kopenhagen, wo derzeit die Europa-Zentrale sitzt. Dafür müssen noch 55 neue Mitarbeiter her. 125 haben sie bereits. Bis zum 6. Juni soll das erledigt sein. Die beiden ziehen mich ins Vertrauen. "Wir haben richtig gute Kontakte", sagen sie leise, "nicht nur zu Schauspielern, sondern auch zu richtig hohen Politikern - die warten nur auf ein Zeichen, damit es vorwärtsgeht und sie aus dem Schatten treten können." Wer weiß, was davon stimmt. Scientology beherrscht Propaganda nicht nur nach außen, sondern vor allem auch nach innen.

Als Sandra kommt, lehnen wir uns wieder zurück. Sandra stellt Fragen, und die beiden Mädchen lachen - und lügen. Dass man Krankheiten heilen könne? Quatsch, das erzählt keiner. Druck? Nie im Leben. Die Presse? Die lügt doch. Dann versuchen sie, Sandra in die Repräsentanz zu locken. Sandra sträubt sich, sagt, dass sie nicht will. Dass ich keine Zeit mehr für sie hätte, dass ihr die vielen Anrufe auf den Wecker gingen. Carina und Corinna halten nur die Hand unters Kinn und nicken artig. Sie haben offenbar das Gefühl, wenigstens mich am Haken zu haben.

Zweifel am Partner wecken

Dann steht Sandra auf. "Du kennst meine Meinung", sagt sie zu mir und geht. So war es abgemacht - Sandra wird von einer Kollegin gespielt. Corinna sagt, ich soll sofort in die "Org" kommen. Damit ich "stabil" werde. Sie wollen mich "drillen", damit ich Sandra zu Hause bearbeiten kann. Wollen mir zeigen, wie ein "Beistand" funktioniert. Eine Psychotechnik, die ich bei Sandra anwenden soll. Das habe bei Corinnas Freund auch geklappt. Carina streut Zweifel, wie zuvor schon Sören: "Schon mal überlegt, ob deine Freundin dich betrügt?"

Ich schaue die beiden an. Wie kann das sein, dass hier zwei 19-Jährige lächelnd versuchen, meine Beziehung zu zerstören, um mich finanziell und geistig auszunehmen? Licht fällt von draußen in Carinas blondes Haar. Die 19-Jährige entblößt ihre Zähne zu einem Lächeln und sagt: "Wir sind wie Rottweiler. Wir lassen nicht mehr los."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 21/2008

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