Voll Porno!

5. Februar 2007, 17:26 Uhr

Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist.
Eltern schauen mit ihren Kindern Hardcore-Filme. 14-Jährige treffen sich zum Gruppensex. Ihre Idole singen von Vergewaltigung. Ein Teil der Gesellschaft driftet ab in die sexuelle Verwahrlosung. Von Walter Wüllenweber

Porno, Verwahrlosung, sexuelle Verwahrlosung

Schmuddelheftchen auf dem Schulhof sind nichts Neues. Doch die Hemmschwellen sinken. "Sachen wie Gang-Bang, da fragen sich alle: Soll ich das auch machen?", sagt eine 19-Jährige©

Sido und Bushido sind Softies, wenn man sie mit Frauenarzt vergleicht. "Bei mir muss es so richtig knallhart sein", sagt er. Seine Songs nennt er "takes". Es sind ins Mikro gebrüllte Vergewaltigungsfantasien. Vergewaltigungen allein, in der Gruppe, mit Schlägen. Wie alle Porno-Rapper hat natürlich auch Frauenarzt einen Gang-Bang-Song. Darin brüllt er: "Alle rauf auf eine Frau." "Die Nutte ist das Fleisch." "Hey Nutte, mach die Beine breit!" "Wir ficken dich, bis dir die Lippen brechen." Seine CDs sind eine Ansammlung solcher Albträume. Davon verkauft er bis zu 10 000 Stück in jedem Monat.

Frauenarzt ist der 28-jährige Vincento de Marcos aus Berlin-Tempelhof, der seine Lehre geschmissen hat und der seine Baseballmütze bis über die Augenbrauen ins Gesicht zieht. Er sitzt vor einem Milchkaffee. Seine Blicke rasen durch das Café. "Also, was in meinen Texten vorkommt, da drauf steht doch jede Frau. Je jünger, je mehr. Normal", behauptet er. Wenn das stimmt, wenn das mehr ist als nur kranke Fantasie, dann müsste Frauenarzt solche Frauen kennen, die diese Sexualität leben. "Klar", sagt er, greift in die Jackentasche, holt das Handy raus und durchblättert das elektronische Telefonbuch. "Nee, die geht nicht, die ist noch nicht mal 16. Da gibt's nur Probleme. Aber hier, die Jessica×, die ist schon 19. Die geht." Das Handy wählt. Jessica kommt.

"Ich bin die mit den zwölfen"

Sie ist klein, fast zart. "Ich bin die mit den zwölfen", sagt sie gleich zur Begrüßung. Zwölf? "Na, das ist mein Rekord. Also bis jetzt." Jessica hatte Sex mit zwölf Männern gleichzeitig. "Und die sind alle gekommen, ehrlich!" Sie ist so stolz. Sie ist die Jessica mit den zwölfen. Sie ist wer.

Aufgewachsen ist sie in einem Dorf in Thüringen, mit ihrer Mutter und den Pornos der Mutter. Sie war die Erste in der Klasse, die Sex hatte. "Das hab ich natürlich sofort rumerzählt. Das war cool." Ihr Lebenslauf: Schule abgebrochen, erste Lehre abgebrochen, zweite Lehre abgebrochen. Derzeit ist sie arbeitslos. Jessica ist ein "Hardcorefan" von Frauenarzt. Sie kennt jede seiner Zeilen auswendig. "Der bringt, was uns bewegt. So ist halt unser Leben."

Auch Werner Meyer-Deters kennt die meisten dieser Texte. In der Bochumer Beratungsstelle der Caritas betreut der Pädagoge Minderjährige, die nicht Opfer von sexueller Gewalt sind, sondern Täter. Es sind fast ausschließlich Jungen. Viele von ihnen müssen stationär in einer Klinik behandelt werden. Am Beginn der Therapie nehmen die Betreuer ihnen die MP3-Spieler ab. "Wir hören schon gar nicht mehr rein, was für Musik da drauf ist", sagt Meyer-Deters. "Wir wissen sowieso, was die alle hören: Sido und diesen ganzen Dreck. Das richtet so viel Schaden an! Das müsste man wirklich aus dem Verkehr ziehen."

Meyer-Deters ist die Endstation der sexuellen Verwahrlosung. Zu ihm kommen die Schwächsten. Es sind Jungen, denen die Eltern keine Werte, kein Rückgrat, keine Kraft vermitteln konnten. Liebe kennen die nicht mal aus dem Fernsehen. Der Schamlosigkeit, den Wirkungen der allgegenwärtigen Pornografie sind diese Jungen schutzlos ausgeliefert. "Viele kommen aus einem Milieu, in dem sie insgesamt verwahrlost aufwachsen. Da ist die sexuelle Verwahrlosung nur ein Aspekt", sagt Meyer-Deters. Sind also nur die Eltern schuld? "So einfach dürfen wir es uns nicht machen", sagt der Pädagoge. "Diese Jungen sind auch ein Produkt einer falsch verstandenen Liberalität in der Gesellschaft insgesamt."

Junge vergewaltigt Schwester

Die Taten, mit denen Meyer-Deters sich auseinandersetzen muss, sind keine Doktorspiele. Es sind ausgewachsene Vergewaltigungen von Tätern, die manchmal noch nicht mal in der Pubertät sind. Jungen vergewaltigen ihre Geschwister, Mitschüler oder Nachbarskinder. Allein oder in der Gruppe. Manche fesseln ihre Opfer, schlagen sie oder missbrauchen sie mit Schraubenziehern. Die meisten sind Mehrfachtäter. Sie werden nicht von einem plötzlichen Drang übermannt. Sie suchen sich ihre Opfer gezielt aus, planen die Taten durch und erregen sich schon vorher an der Fantasie.

Jugendliche Sexualstraftäter sind kein Randproblem. Ihre Zahl hat sich innerhalb eines Jahrzehnts verdoppelt, auf mehr als 4000 im Jahr 2004. Bald wöchentlich berichten Medien über neue Fälle von Kindern und Jugendlichen, die Gleichaltrige sexuell missbrauchen. In jedem fünften Fall von Kindesmissbrauch, so schätzen Kriminologen, sind die Täter selbst minderjährig. Die Kölner Kriminalpsychologin Sabine Nowara hat in einem Forschungsprojekt die Behandlung von mehr als 300 minderjährigen Sexualstraftätern ausgewertet. "Die Gefahr, die in der sexuellen Enthemmung von Kindern und Jugendlichen steckt, ist wirklich besorgniserregend. Und sie wird massiv unterschätzt", sagt Sabine Nowara.

Bei den vielen Jungen, die Werner Meyer-Deters in Bochum behandelt, sind ihm vier Gemeinsamkeiten aufgefallen: 1. "Signifikant ist diese Pornosozialisation, vor allem mit Extrempornos." 2. "Die meisten haben Eltern, bei denen sie einen absolut entgrenzten Umgang mit Sexualität erfahren haben." 3. "Die Eltern stammen oft aus den unteren sozialen Milieus." Nur 30 Prozent der Väter und nur 10 Prozent der Mütter haben eine Berufsausbildung. 4. Sido, Bushido und Frauenarzt.

Im Sommer hat Werner Meyers-Deters viele Stunden mit einem elfjährigen Jungen verbracht. Der hatte seine vierjährige Schwester regelmäßig vergewaltigt und sich dazu mit Pornos in Stimmung gebracht. Zuerst wollte der Junge gar nicht reden. Irgendwann sagte er: "Aber die anderen, die machen das doch auch alle." Die anderen, das sind die im Porno.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 06/2007

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