
Der Partygänger: Holger Sucker, 20, seit fünf Monaten arbeitslos, schmust mit seiner Freundin beim größten Gratis-HitFestival Europas im August am Wannsee. 30 000 feiern mit und jubeln in einer Umbaupause auch Klaus Wowereit zu.© Eva Häberle
Der Nachwuchs ist nicht plötzlich so geworden. Er ist das Produkt einer langen Entwicklung. Das Leben auf Kosten anderer hat in Berlin Tradition. Es ist der Berliner Way of Life. Vor allem im ehemaligen Westen entwickelte sich über Generationen eine Szene, die stets auf der Suche war nach Alternativen. Zum Wehrdienst, zum Spießerleben, zum Arbeiten. Bezahlt haben es die Landsleute der alten Bundesrepublik. Die spiegelbildliche Parallelwelt der "Kulturschaffenden" und Künstler der DDR hatte sich im Prenzlauer Berg eingenistet und ließ sich von den Arbeitern und Bauern der DDR verwöhnen.
Was Wirtschaft und Arbeit betrifft, war Berlin in Wahrheit nie geteilt. Marktwirtschaft, die gab es auf beiden Seiten der Mauer nicht. Vor allem die Industrie in Ost und West war höchst subventioniert und international nicht konkurrenzfähig. Als die Mauer sie nicht mehr beschützte, rollte der Pleite-Tsunami.
"Wir hatten hier doch eine Subventionsmentalität bis in alle Verästelungen der Gesellschaft, bis tief hinein in die bürgerlichen Schichten und das Unternehmertum." Das sagt einer, der es wissen muss: Klaus Wowereit. "Es gab da lange diesen Berliner Pawlowschen Reflex. Bei jedem Problem ruft man: Mehr Geld!" CDU und SPD gaben diesem Reflex stets nach und häuften 60 Milliarden Euro Schulden an, das meiste davon in der Zeit, als CDU-Bürgermeister Eberhard Diepgen die Stadt regierte.
Die Ironie: Ausgerechnet eine Koalition aus Sozialdemokraten und Sozialisten bildet in der Nachkriegsgeschichte Berlins die erste marktwirtschaftlich orientierte Stadtregierung. Sämtliche Vorgänger in Ost und West waren lediglich Geldverteiler. So gesehen ist Klaus Wowereit der Bürgermeister der Wende. Er regiert nach der Methode: Links blinken, rechts abbiegen. So legte er sich mit seiner eigenen Klientel an, mit der mächtigen Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, und tastete das Allerheiligste an, den Flächentarifvertrag. Berlin trat aus dem kommunalen Arbeitgeberverband aus. Und Wowereit setzte Lohnkürzungen bei den Bediensteten der Stadt durch. Wenn es je eine Gefährdung für seine Wiederwahl gegeben hat, dann waren es diese Entscheidungen. Es war nicht seine Koalition mit den Postkommunisten von Die Linke/PDS. Die erwiesen sich als folgsamer Partner und nickten den Kurs ab.
Star des Senats ist Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD). Der ehemalige Deutsche-Bank-Manager sparte in der letzten Legislaturperiode Ausgaben von insgesamt 1,24 Milliarden Euro ein. Sarrazin vergleicht die Situation der Hauptstadt mit den Nachkriegsjahren. "Der Schutt ist abgeräumt", zitiert ihn die "Zeit". "Wir leben hier nicht mehr im Jahre 1945. Sondern wir leben im Jahre 1947." Das würde bedeuten, dass die Wende geschafft ist. Als Nächstes wäre jetzt ein Wirtschaftswunder auf dem Programm.
Nur, woher soll es kommen? "Berlin hat Superchancen in der Kreativitäts-Industrie", glaubt Klaus Wowereit. Und tatsächlich: In den Branchen Mode, Medien und Musik boomt die Stadt. Künstler, Designer und auch Forscher entdecken Berlin. "Die Akzeptanz ist größer geworden", sagt Roland Engels, Chef der Fördergesellschaft "Berlin Partner". Er schätzt, dass in diesem Jahr rund 4000 Arbeitsplätze durch neue Unternehmen in Berlin entstehen. Stellen für Wissenschaftler, für Entwickler, für weltweit gesuchte "high potentials". Aber die Berliner Langzeitarbeitslosen sind in aller Regel nicht weltweit gesucht, sondern schlecht ausgebildet. Und "in Berlin gibt es keine Jobs für Ungelernte", klagt Ramona Schröder von der Arbeitsagentur. Berlin hat also Chancen - nur die Berliner nicht.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 38/2006