Wenn sich die Patienten auf die Bank vor dem kühlen, gekachelten Keller der Reha drängeln, ist Doktor Meier da. Drei Vormittage die Woche kommt der ergraute Arzt und sagt: "Na, Abdul, mein kleiner Fußballstar." Oder: "Das sieht gut aus." Dann diktiert er dem Zivildienstleistenden Benjamin den Befund: "Gut abgeheilte Verbrennungsnarben, Beweglichkeit des rechten Handgelenks ausreichend. Vierter und fünfter Finger sind vollständig verloren."
Amputierte Beine, Narben wie Reißverschlüsse; Ursache ist allzu oft Osteomyelitis, eine tückische Knochenentzündung. Eine Verletzung an der Knochenhaut oder irgendwo Bakterien im immunschwachen Körper, die über den Blutweg zum Knochen gelangen - und Schmerz und Siechtum sind ohne Halt. 70 Prozent der afghanischen Kinder im Friedensdorf leiden unter dem Knochenfraß, den es in Europa zuletzt nach den zwei Weltkriegen gab. "Bitter sind die Momente", sagt Hans-Egon Meier, "in denen ich Kindern sagen muss, dass niemand ihre Verletzung heilen kann."
Wann aber, fragt sich der Arzt, der selbst zwei Bypass-Operationen hinter sich hat, werde er mit seiner Kraft am Ende sein? Seit 13 Jahren kommt der 76-Jährige ehrenamtlich ins Dorf. "Ich finde keinen Nachfolger."
Das Schönste, was Meier in seiner Patientenkartei notieren kann, lautet: "R-Kind!" Das steht für Rückreise. Sie ist immer ein großes Fest. Am Abend vorher wird im Speisesaal noch einmal zum Cassettenrecorder getanzt. Diesmal fliegt Balbina, und auch Isaac muss Abschied nehmen vom Gameboy, für den die Eltern nicht einmal die Batterien bezahlen könnten, Abschied nehmen von Hong, Kurt, Erika, Juki und all den anderen. Jedes Kind trägt bei der Abreise einen der schicken Trainingsanzüge, die Esprit gespendet hat. "Jacke in Angola verkaufen, fünf Euro", sagt Isaac. Zöpfchen geflochten, Schleifchen gebunden, Kinder wie aus einem Modekatalog - mit kleinen Fehlern.
Wenn ihr Flugzeug wieder nach Düsseldorf zurückkehrt, werden andere Kinder auf Tragen liegen, mit Gesichtern aus Lava-Schlacke, sie werden nach Blut, Eiter, Dreck und Fäulnis stinken, werden die Hände übereinander legen, um Schmerzen zu signalisieren, die Faust ballen als Handzeichen für Stuhlgang, einfache Gebärden, die sie auf dem Flug gelernt haben, auch für Durst, Hunger, Pinkeln. Zivildienstleistende werden kleine Krüppel auf Armen die Gangway heruntertragen. Frauen werden versuchen, mit Hilfe von Mimik und Tonfall zu vermitteln: "Du bist unter lieben Menschen, die dir helfen." Es wird ein guter Tag sein. Denn die Mitarbeiter des Friedensdorfes wissen, dass auch diese Kinder in einem halben Jahr ein großes Fest feiern werden.