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15. September 2006, 12:18 Uhr

Hauptstadt mit Hartz

Der Kulturflaneur: Peter Pfeiffer, 47, seit dreieinhalb Jahren ohne Arbeit, hat sich zum Profi für kostenlose Kultur weitergebildet. In Berlin geht das besonders gut. Hier besucht er eine Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie.© Eva Häberle

Die Kluft zwischen Angebot und Nachfrage erlebt Konrad Tack von der Arbeitsagentur täglich: "Es kommen laufend Firmen zu uns, die gut ausgebildete Leute suchen. Aber die haben wir meistens nicht." Im Angebot hat Tack hingegen die Familie Türk. Sie sind seit 1970 in Berlin und natürlich Türken. Von den 15 Erwachsenen haben die meisten keine Ausbildung, nur Ali Riza geht regelmäßiger Erwerbsarbeit nach. Seine Frau arbeitet hin und wieder als Friseurin. Alle anderen haben keinen Job. Die Berliner Migranten tun sich auf dem Arbeitsmarkt besonders schwer. 41 Prozent der Nicht-Deutschen sind arbeitslos, doppelt so viele wie im Schnitt West-deutschlands. Und ganze 80 Prozent sind ohne Berufsabschluss.

"Hungern müssen wir deswegen nicht", sagt Ali Riza Türk und legt ein Lammkotelett auf den Rost. Jeden Sonntag treffen sich die Türks zum Grillen im Tierpark. Es wird Shisha geraucht, Tee getrunken, die Frauen pieksen Fleisch auf Spieße, und die Männer grillen. Ein preiswertes Vergnügen. "So 'nen Park zum Grillen gibt's nur in Berlin", sagt Ali Riza Türk. Seine Cousins teilen sich gerade die Zeitung. Der eine liest den Sportteil, der andere die Autoanzeigen.

Jene Türks, die einen deutschen Pass haben, wollen Klaus Wowereit wählen. "Der ist gut für Leute wie uns", sagt die Frau von Ali Riza Türk. Besonders gefällt ihr das Motto, mit dem Wowereit sich zitieren lässt: "Berlin ist arm - aber sexy."

"Ach der Wowi, unser Party-Bürgermeister. Der passt schon. Ick find den rischtisch geil", sagt Icke. Er ist eine Hälfte des Duos "Icke & Er". Die beiden haben die inoffizielle Berliner Sommerhymne verfasst, gesungen und auf Video aufgezeichnet. Das Stück heißt "Rischtisch geil" und ist das exakte Abbild des derzeitigen Lebensgefühls der Hauptstadt. Im Video schlurfen die beiden in HipHop-Klamotten mit Ghettoblaster auf der Schulter durch die Spandauer Mietskasernen und beschreiben ihr Leben:

Geh ick mit meine Kumpels in'n Club. Rischtisch geil.
Ha' ick keene Kumpels, keenen Club. Auch rischtisch geil
Ha' ick 'ne große Karre, is det rischtisch geil.
Ha' ick nich mal 'nen Führerschein, Alter, rischtisch geil
Jibt et Rippe mit Gemüse, sa' ick rischtisch geil
Jibt et korrekte Bratwurst. Find ick rischtisch geil
Ha' ick wat zu tun, is det rischtisch geil.
Ha' ick nie wat zu tun, hey, rischtisch geil.

Kurz nachdem die beiden ihr Video im Internet veröffentlicht hatten, wurde es runtergeladen, dass die Leitungen glühten. Fast jeder Berliner kennt es. "Rischtisch geil" ist überall zu hören, als Standardkommentar für alle Lebenslagen, in Straßencafés, auf Schulhöfen, in der U-Bahn, beim Einkaufen. "Jetzt werden wir berühmt", sagt Icke. Inzwischen haben die beiden einen Plattenvertrag mit der Firma der "Fantastischen Vier", machen ein Album und drehen ihr Amateur- video professionell nach.

"Wir ersticken in Fanpost. Offenbar haben wir genau den Nerv der Stadt getroffen", sagt Icke. "Na ja, arbeiten, Job und so, det ist hier nich so anjesacht. Ick meine: Auf Stütze in Neukölln ist doch det Beste, wat einem hier passieren kann. Jibt ja genug, wat man so machen kann. Berlin is doch ein einziges Ferienlager."

Ha' ick 'nen Job, is det rischtisch geil.
Bin ick mal wieder auf Stütze, auch rischtisch geil.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 38/2006

Mitarbeit: Helmut Kuhn
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