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1. April 2010, 15:44 Uhr

Der Kohl-Schäuble-Komplex

Die vielen Hymnen auf das Geburtstagskind Helmut Kohl werden um ein Faktum herum geschrieben: Er verdankt seine historische Größe der Tatsache, dass es einen Kanzler hinter Kohl gab. Wolfgang Schäuble. Von Hans Peter Schütz

Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble, Freundschaft, Feindschaft, Parteispenden, Theo Waigel, Heiner Geißler, Spendenaffäre, Schwarzgeld, schwarze Kassen, Karl-Heinz Schreiber, CDU

Zerrüttetes Verhältnis: Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble© Picture-Alliance

Nein", sagt Schäuble zu stern.de, "ich will eigentlich nichts zum 80. Geburtstag Helmut Kohls sagen." Seit zehn Jahren haben sie kein Wort mehr miteinander geredet. Seit jenem 18. Januar 2000. Als Schäuble im Büro des Ex-Kanzlers aufgewühlt zu Kohl sagte, er werde diesen Raum nie wieder betreten. Und dann den Schlusssatz unter den politisch wichtigsten Abschnitt seines Lebens setzte: "Ich habe schon viel zu viel meiner knapp bemessenen Lebenszeit mit dir verbracht, und es wird keine Minute mehr geben."

Ein unaufhebbarer Satz. Es war endgültig zu Ende. Schäuble hatte Kohl treu gedient. Bei der Eroberung der Macht. Als Stratege der Wiedervereinigung. Als Krisenmanager der Koalition mit der FDP. Er war Strippenzieher, Kronprinz und Kanzler hinter Kohl gewesen. "Helmut Kohl weiß, dass ich ihn niemals bescheiße", hatte er immer mal wieder beteuert. Es war dann Helmut Kohl, der ihn beschissen hat. In der Schwarzgeldaffäre.

Die bitteren Gefühle jener Tage seien verarbeitet, sagt Schäuble. Die emotionalen Bindungen der langen Jahre mit Kohl verklungen. Im sachlichen Blick zurück räumt er ein: "Der Nähe zu Kohl verdanke ich auch viel." Aber alles im Leben habe nun einmal seinen Preis.

Wie müsste die Überschrift über seine Beziehung zu Kohl lauten? War er der Motor im Machtsystem Kohl? Über seiner Lebensgeschichte könnte stehen, antwortet Schäuble nach langem Zögern, "Sein Schicksal war Kohl".

Der Bruch einer Männerfreundschaft

Viele Zeitgeschichtler haben versucht, den Zeitpunkt, an dem die Partnerschaft mit Kohl zerbrach, genau zu orten.

Es gibt die Behauptung, Schäuble habe Kohl schon 1993 stürzen wollen, weil er ihm einen Sieg bei den Bundestagswahlen im Jahr darauf nicht mehr zugetraut habe. Darüber hat Schäuble stets eher amüsiert den Kopf geschüttelt. Er sei, erzählte er später einmal stern.de, ins Kanzleramt gerollt und habe zu Kohl gesagt: "Stell den Quatsch ab. Ich will dich nicht stürzen."

Nächste Station der Spekulationen ist der CDU-Bundesparteitag in Leipzig im Oktober 1997. Schäuble hatte dort für seine Rede mehr Beifall als jemals zuvor bekommen. Nach dem Parteitag sagte Kohl vor TV-Reportern: "Ich wünsche mir, dass Wolfgang Schäuble einmal Kanzler wird." Ob und wann er zurücktrete, ließ Kohl jedoch offen. Bald schon schob er die Bemerkung nach, er kandidiere 1998 natürlich noch mal und wolle bis 2002 Kanzler bleiben.

Hat Kohl, so die gängige Interpretation, Schäuble also nur zum Kronprinzen ernannt, um ihn einzubinden - quasi als Prinz Charles der CDU? Schäuble hat diese Auslegung nie akzeptiert. Als er von Kohls Äußerung hörte, griff er sofort zum Telefon und sagte: "Helmut, hör auf mit dem Scheiß!" Es entzog sich Schäubles Logik, welchen Sinn es haben könnte, einen Nachfolger zu küren, aber nicht zurücktreten zu wollen. Vermutlich trifft also die Lesart zu, dass Kohl nach dem Parteitag, der dank Schäuble so hervorragend gelungen war, dem alten Weggefährten etwas Gutes tun wollte. Schäuble jedenfalls hat vor Wahl 1998 nie daran gedacht, vielleicht doch Kanzlerkandidat zu werden.

Schäuble als Kronprinz

Heiner Geißler indes hat der Theorie widersprochen, Kohl habe nur aus dem Bauch heraus Schäuble zum Kronprinzen gemacht. Der Kanzler habe gespürt, dass seit Leipzig ein Mann eigener Größe neben ihm war. Einer, der mit Hilfe und Autorität eines Parteitags sein Nachfolger werden könnte. Das sei einer der Gründe gewesen, weshalb Kohl nichts gegen die CSU unternommen habe, die unter der Führung von Theo Waigel seit Mitte der neunziger Jahre immer wieder massiv davor warnte, mit einem Spitzenkandidaten Schäuble anzutreten.

Für die Bayern war Schäuble, wie er sich heute amüsiert, der erste "grüne Schwarze", weil er ins CDU-Wahlprogramm die Forderung nach einer CO2-Energiesteuer zum Schutz des Klimas hatte hinein schreiben lassen. Ein Mann mit diesem linksökologischen Kurs werde bei einer Kanzlerwahl die CSU-Stimmen nicht bekommen, drohten die Bayern. Zeitweilig kämpfte auch die FDP bei Kohl gegen Schäuble. Sie witterte in ihm den Mann, der die Union in eine Große Koalition führen wolle.

Die Liberalen legten dann jedoch eine abrupte Kehrtwende hin. Wolfgang Gerhardt und Hermann Otto Solms baten ab Herbst 1997 Schäuble darum, gegen Kohl anzutreten und Spitzenkandidaten zu werden. Denn mit Kohl werde man die Bundestagswahl gewiss verlieren. Schäuble hat die FDP-Verschwörer schallend ausgelacht. "Das fällt euch ziemlich spät ein", lästerte er. Erstens wolle er nicht antreten, zweitens denke Kohl nicht an Rückzug, drittens komme ein Kanzlersturz nicht in Frage.

Seite 1: Der Kohl-Schäuble-Komplex
Seite 2: Die Spendenaffäre
 
 
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