9. September 2011, 15:02 Uhr

Papa ist im Krieg

Seit 2001 verteidigt die Bundeswehr die Heimat am Hindukusch. Was bedeutet es für eine Familie, wenn der Mann und Vater in Afghanistan Dienst tut? Besuch bei den Habermanns. Von Niels Kruse, Weißenfels

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Zurück im Kreis der Familie: Sechs Monate lang war Robert Habermann von Frau Anke und den Töchtern Augusta (l.) und Charlotte getrennt©

Robert Habermanns Rückkehr aus dem Krieg kam gerade noch rechtzeitig. "Merkst du eigentlich, dass du nur noch Anweisungen gibst?", fragte ihn seine Frau Anke bei einem ihrer letzten Telefonate. Ja, tat er, aber nicht sofort. Nach einem halben Jahr Afghanistan, einem halben Jahr in einem Militärcamp, einem halben Jahr ohne Privatsphäre und Wochenenden, dafür mit einem Funkgerät am Gürtel, das 24 Stunden am Tag vor sich hinknarzt, blieb nicht mehr viel Kraft übrig für Außerdienstliches wie lange Gespräche um die halbe Welt. "Die ganze Zeit volle Konzentration, da fragt und diskutiert man nicht mehr so gerne", sagt der Major. "Denn da unten geht es nur um eines: Funktionieren." Einerseits. Anderseits: "Eigentlich kann so ein Einsatz nicht lange genug gehen. Nach ein paar Monaten ist man doch erst so richtig drin", sagt der Soldat.

Nun ist er fürs Erste wieder raus. Raus aus dem beige-olivfarbenen Flecktarn, der nun undiszipliniert an der Garderobe hängt, raus aus Masar-i-Scharif, wo es zuletzt bis zu 50 Grad heiß war und wo im letzten halben Jahr vier Bundeswehrsoldaten ums Leben kamen. Zurück im Leben. Zurück im Leben der anderen: seiner Frau Anke, 41, Augenärztin, und der Töchter Augusta, 8, und Charlotte, 7.

Es ist Tag drei nach Habermanns Rückflug. Zu Hause, auf der Terrasse seines denkmalgeschützten Hauses in Weißenfels bei Halle an der Saale, tut die Sonne noch einmal so, als wäre es tatsächlich Sommer. "Papa, bist du an meinem Geburtstag da?", fragt Augusta mit blinzelnden Augen. "Ja." - "Aber der ist mitten in der Woche." - "Ich weiß, ich komme nachmittags." Die Antwort reicht dem Kind, zufrieden steckt es seine Gabel in das letzte Stück Schokoladentorte - ein verspäteter Geburtstagskuchen für den Vater.

Kindergeburtstage ohne Vater

Als die kleine Schwester Charlotte neulich sieben Jahre alt wurde, war Papa nicht da. So wie er auch zu seinem eigenen Geburtstag nicht da war und als die Große ihr erstes Zeugnis bekam. Ohnehin ist Vater Robert selten da - wenn er nicht gerade in Afghanistan ist, arbeitet er unter der Woche im 250 Kilometer entfernten Strausberg bei Berlin. Er ist ein Wochenend-Papa. Denn Berufssoldaten sind Verfügungsmasse, sie werden dort hingeschickt, wo sie gebraucht werden.

Nach dem 11. September 2001 wurde die Bundeswehr in Afghanistan gebraucht. Im Rahmen des Isaf-Einsatzes der Nato (siehe Kasten) sind deutsche Soldaten seither am Hindukusch stationiert. Und für Offizier Habermann war es immer richtig, dass sich die Bundesregierung auch militärisch mit den damals vom Terror betroffenen USA solidarisch zeigte - "nach allem, was sie für Deutschland getan haben", sagt er.

Masar-i-Scharif war nicht Habermanns erste Auslandsstation und Strausberg wird nicht seine letzte Station in Deutschland sein. "Gemeinsam frühstücken, zusammen Einkaufen gehen, abends alle an einem Tisch - so ein klassisches Familienleben hatten wir nie", sagt Ehefrau Anke. Schön wäre es natürlich, aber eben auch nicht zu ändern. Zumal sie selbst eine Augenklinik mit 15 Angestellten betreibt - auch kein Nine-to-five-Job.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Plötzlich war der "bewaffnete Konflikt" genannte Krieg im fernen Hindukusch ganz nah im beschaulichen Weißenfels

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