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Guttenbergs Uni im Visier der Kritik

Erfasst die Affäre auch die Uni Bayreuth? Hat sie ihren Hochglanzstudenten geschont, bis zuletzt? Ist sie gar gekauft worden? Die Uni-Leitung muss sich schwerer Vorwürfe erwehren.

Von Florian Güßgen

Erst war nur Ex-Doktorand Guttenberg unter Beschuss, jetzt gerät auch seine Universität ins Visier der Kritik. Es sind starke Vorwürfe, die sich die Bayreuther Universitätsleitung derzeit in der Guttenberg-Affäre anhören muss, von Akademikern, aber auch von Politikern. Die Universität habe Guttenberg bei der Aberkennung des Doktortitels am Mittwoch zu schonend behandelt, lautet ein Vorwurf. Die indirekten wirtschaftlichen Verflechtungen der Universität mit der Familie Guttenbergs hätten zu einem gefälligen Umgang mit dem prominenten Studenten geführt, ein anderer.

Noch am Donnerstag hatte Dieter Wiefelspütz, der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion geschimpft: "Die Universität Bayreuth kneift, denn sie verzichtet darauf zu prüfen, ob eine bewusste Täuschung vorliegt", sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Auch der Bremer Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano, der die Guttenbergsche Textklauerei zuerst bemerkt hatte, beklagte im "Tagesspiegel", der Promotionsausschuss der Universität Bayreuth habe sich bei der Aberkennung des Doktortitels "um die Wertung der Täuschung herumgedrückt". Selbst der Bayreuther Rechtswissenschaftler Oliver Lepsius, ebenfalls Professor, schimpfte: "Wir fühlen uns getäuscht. Wir sind einem Betrüger aufgesessen", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

747.764,36 Euro vom Klinikbetreiber Rhön Klinikum

Nun kommt der Vorwurf einer vermeintlich zu engen wirtschaftlichen Verflechtung hinzu. Die Rhön Klinikum AG, so berichtet der "Tagesspiegel", habe zwischen 1999 und 2006 für einen neuen Lehrstuhl an der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät insgesamt 747.764,36 Euro überwiesen - der Lehrstuhl ist dem Thema "Health Care Management" gewidmet. Guttenberg habe von 1996 bis 2002 im Aufsichtsrat der AG gesessen, seine Familie dort ein Aktienpaket gehalten - laut "Financial Times Deutschland" im Jahr 1999 26,2 Prozent der Stammaktien, 2002 stieß die Familie die Aktien ab. Guttenberg studierte von 1992 bis 1999 in Bayreuth Jura - und promovierte dort im Jahr 2007 mit der Bestnote summa cum laude. Die Firma spendete der Universität also noch Geld, als der CSU-Politiker schon an seiner Doktorarbeit laborierte. Ein Firmensprecher sagte am Freitag, es gebe keinerlei Zusammenhang zwischen Guttenberg und der Einrichtung des Lehrstuhls. Der Aufsichtsrat des Unternehmens sei zudem mit dem Vorgang gar nicht befasst gewesen. Mehrere Politiker der Opposition, darunter auch Volker Beck, der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, unterstellen der Universität deshalb, bei ihren Entscheidungen beeinflusst worden zu sein. Finanzielle Verflechtungen könnten eine "Erklärung dafür sein, warum die Universität Bayreuth so schnell und ohne Prüfung einer vorsätzlichen Täuschung über die Aberkennung des Doktortitels entschieden hat", sagte Beck der "Mitteldeutschen Zeitung". Wiefelspütz schloss selbst die Forderung nach einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss nicht aus.

"Es gab keine Absprache"

Die Spitze der Bayreuther Universität weist die Vorwürfe der Gefälligkeit gegenüber dem Vorzeigestudenten zurück, der mit einem Filmspot sogar für die Uni warb. Im Hinblick auf angebliche finanzielle Verstrickungen mit dem Klinikbetreiber heißt es in einer Pressemitteilung: "Der Vertrag ist ausgelaufen und wurde nicht verlängert. Seitdem wird der Lehrstuhl vom Freistaat Bayern finanziert." Und auch den Vorwurf eines zu schonenden Umgangs mit Guttenberg will die Universität nicht auf sich sitzen lassen. "Wir haben nicht gekniffen. Der Vorwurf ist Unsinn", sagte Universitätspräsident Rüdiger Bormann stern.de. "Wir sind einen zielführenden, schnellen Weg gegangen, um die Aberkennung des Doktorgrades zu erreichen. Der ist rechtlich sauber und rechtlich auch so üblich." Es sei in erster Linie darum gegangen, Guttenberg den unrechtmäßig erworbenen Titel zügig abzuerkennen. Dabei habe es kein Gemauschel gegeben. "Es gab keine Absprache zwischen Herrn zu Guttenberg und mir oder den Gremien der Universität", sagte Bormann. Und: "Es ist in keiner Weise politischer Druck ausgeübt worden, um die Entscheidung der Promotionskommission zu beschleunigen oder die Art der Entscheidung zu beeinflussen."

Die Sache ist für die Universität rechtlich ebenso knifflig wie politisch hoch brisant. Am Mittwoch hatte Guttenberg im Bundestag behauptet, dass er nicht bewusst getäuscht habe. Das ist zwar ein wenig absurd, angesichts dessen, was er so alles abgeschrieben hat, ohne den echten Urheber kenntlich zu machen. Aber an dieser Aussage hängt nun einmal jetzt Guttenbergs politisches Schicksal. Wird nun gleichsam amtlich von der Universität festgestellt, dass Guttenberg bewusst getäuscht hat, dürfte er kaum im Amt zu halten sein - trotz aller Popularität. Bayreuth hat aber bislang nicht gesagt, dass das Plagiat ein Plagiat ist - und ihm auch keine Täuschung unterstellt. Der Bayreuther Promotionsausschuss entschied am Mittwoch, dass zu Guttenberg der Doktorgrad zwar aberkannt wird, machte aber keine Aussage über eine Täuschungsabsicht. Die Universität berief sich dabei auf die Promotionsordnung. Diese verlange, dass die "benutzte Literatur und sonstige Hilfsquellen vollständig" anzugeben seien. Weil Guttenberg in einem Schreiben am Dienstag selbst zugegeben habe, dass er nicht vollständig zitiert habe, so das Argument des Gremiums, sei die Voraussetzung für die Annahme der Dissertation und die Verleihung des Titels entfallen. Deshalb habe man ihm den Titel sofort aberkannt - und zwar über einen Paragrafen des Bayerischen Hochschulgesetzes und eine Bestimmung im Verwaltungsverfahrensgesetz, die die Rücknahme von Verwaltungsakten vorsieht.

"Das Verfahren war völlig in Ordnung"

Die Kommission steht nun in der Kritik, weil die Bayreuther Promotionsordnung noch eine zweite Variante der Aberkennung vorgesehen hat - eine Variante, die deutlich unangenehmer für Guttenberg gewesen wäre. Demnach kann ein Doktortitel im Nachhinein aberkannt werden, wenn klar wird, dass sich der Doktorand einer "Täuschung schuldig gemacht hat". Universitätspräsident Bormann argumentiert, dass dieses Verfahren langwieriger gewesen wäre, weil Guttenberg den Vorwurf der Täuschung nicht zugibt. Weil es der Kommission aber nicht darum gegangen sei, die Qualität der Arbeit zu beurteilen, sondern darum, Guttenberg den Titel abzuerkennen, habe man eben den anderen Weg gewählt. "Wir konnten und wollten im Interesse der Wissenschaft schnell zu einer Entscheidung finden", sagte Bormann stern.de.

Unterstützung erhält er von dem Münchner Jura-Professor Volker Rieble, einem ausgewiesenen Plagiate-Jäger, der auch Guttenbergs Arbeit hart kritisiert hatte. "Das Verfahren war völlig in Ordnung", sagte Rieble stern.de Es sei schlicht nicht Aufgabe des Promotionsausschusses, darüber zu befinden, ob die Arbeit nun ein Plagiat sei oder nicht. "Die Aufgabe dieses Verfahrens ist es nicht, Herrn zu Guttenberg wegen unwissenschaftlichen Verhaltens öffentlich abzuurteilen. Sondern die Aufgabe des Verfahrens ist es allein, den begangenen Fehler - nämlich die Verleihung eines Doktorgrades - zu korrigieren, indem man ihn wieder einkassiert." Dabei sei eben auch nicht die Bayreuther Promotionsordnung ausschlaggebend, sondern das Hochschulgesetz. "Die Promotionsordnung ist nicht entscheidend, denn die kann die Entzugsvoraussetzungen eines Doktorgrades gar nicht abweichend vom Bayerischen Hochschulgesetz regeln", so Rieble.

"Wir haben ein Zeichen im Sinne der Wissenschaft gesetzt"

Bormann wies auch Vorwürfe gegen die Betreuer der Dissertation Guttenbergs zurück, den Erstgutachter Peter Häberle und den Zweitgutachter Rudolf Streinz, diese hätten die Fehler doch sehen müssen. "Es gab bei Herrn zu Guttenberg keinerlei Hinweise auf Fehlleistungen", sagte Bormann. "Die Fehler in der Arbeit waren nicht offensichtlich. Im Gegenteil. Herr zu Guttenberg war ein sehr guter Student. Und grundsätzlich gilt, dass wir unseren Doktoranden ein Grundvertrauen entgegenbringen. Diese Arbeit existiert ja nicht erst seit 2011. Seit ihrer Veröffentlichung ist sie von vielen Leuten gelesen worden. Auch die haben alle nichts gemerkt."

Für Guttenberg ist die Promotionsdebatte trotz des ersten Bayreuther Beschlusses nicht zu Ende. Denn an der dortigen Universität gibt es noch eine weitere Kommission, die sich mit seiner Arbeit befassen wird, nämlich die Kommission zur "Selbstkontrolle in der Wissenschaft". Nach Angaben des Universitätspräsidenten Bormann beschäftigt sich dieses Gremium mit seinen vier Mitgliedern nicht nur mit Guttenbergs Arbeit, sondern auch mit der Frage, ob der CSU-Politiker bewusst getäuscht hat. "Die Kommission wird sich insbesondere auch damit beschäftigen, wie die Schwere des Fehlverhaltens zu bewerten ist", sagt Bormann <stern.de</i>. "Ist nicht ordentlich zitiert worden? Ist gar nicht zitiert worden? Wie wichtig ist das in dem Gesamtzusammenhang der Arbeit? Lässt sich aus den Fehlern ein Täuschungsvorsatz ableiten?" Um diese Fragen zu beantworten, werde die Universität möglicherweise auch "externen Rat" hinzuziehen. Eine Stellungnahme Guttenbergs hat diese Kommission bereits angefordert. Die nächste Sitzung ist bisher auf den 15. März terminiert. Bis hier ein Ergebnis bekannt wird, wird es dauern, Wochen, vielleicht sogar Monate.

Die Universität gibt sich jedenfalls optimistisch, dass ihr Verhalten nicht weiter Kritik auf sich zieht, sondern, im Gegenteil, einen positiven Beitrag zur Qualitätssicherung im deutschen Wissenschaftsbetrieb geleistet hat. Der Fall Guttenberg sei "in der Qualität der Vorwürfe ein absoluter Einzelfall", sagt Bormann. "Wir haben versucht zu demonstrieren, dass wir mit einem solchen Fall professionell, sorgfältig und dennoch zügig umgehen. Wir haben die Schwelle niedriger gesetzt, ab der wissenschaftliche Leistungen aberkannt werden. Damit haben wir ein Zeichen im Sinne der Wissenschaft gesetzt."

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